Damit die eigenen Kinder nicht gewalttätig werden

Heilbronn  Bei der Heilbronner Bürger-Uni hat der Hamburger Kriminologe Professor Jens Weidner die gewaltfreie Erziehung der Kinder durch die Eltern als wichtigen Faktor genannt. Denn: Wer im Kindesalter misshandelt wurde, misshandelt oft im Jugendalter dann selbst.

Von Christian Klose
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Liebe verhindert Gewalt. Für Professor Jens Weidner ist dieser simple wie einleuchtende Satz jedoch ein maßgeblicher Schlüssel dafür, ob Heranwachsende später zu brutalen Schlägern werden. "Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung von Menschen", betonte der Kriminologe bei der jüngsten Vorlesung der Heilbronner Bürger-Uni in der nahezu vollbesetzten Aula auf dem Bildungscampus mit dem Titel "Jugendgewalt. Und wie wir ihr gezielt begegnen können". Wer seine Kinder liebevoll, ohne militärischen Befehlston erzieht, mache viel richtig, damit Kinder später nicht gewalttätig werden. "Wenn Sie Ihre Kinder mit Liebe und Empathie erziehen, dann ist das hundert Mal besser als alles andere."

Weidner und Kollegen gehen demnach Fragen nach wie: Warum wird jemand Bankräuber und nicht Bänker? "Eine Erziehung im Bösen trägt böse Früchte, von nix kommt nix", sagte der Aggressionsexperte, der Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg lehrt. Aber er hatte fürs Heilbronner Publikum eine gute Nachricht parat: "Das Thema Jugendgewalt ist zu lösen, wir können es bewältigen."

Die schlechte Nachricht: Die Intensivtäter. "Diese kleine Elite ist für 65 Prozent aller Taten verantwortlich. Und die möchten nicht damit aufhören", so Weidner. Dies seien acht Prozent aller Täter, die laut Definition in einem Jahr zwei schwere Taten wie Raub, Waffengewalt oder besondere Brutalität verüben. "Aber wir kriegen sie." Der Erfolgsfaktor sei, dass Polizei, Justiz und Jugendhilfe eng zusammenarbeiten und die Täter ins Visier nehmen.

Die Jugendgewalt sei seit 2007 auch deshalb um die Hälfte gesunken. Als weitere Gründe dafür nannte Weidner, dass es per Gesetz seit dem Jahr 2000 verboten ist, in der Familie Gewalt auszuüben. Dies habe grundsätzlich in der Gesellschaft zu einer gewaltfreieren Erziehung geführt. Außerdem tragen eine im Schnitt höhere Bildung, weniger Alkoholkonsum und − man mag es kaum glauben − auch Computerspiele zu einem friedvolleren Umgang miteinander bei. "Wenn die jungen Leute vor dem Computer sitzen, sind sie weg von der Straße. Aber klar, Sport ist die bessere Variante."

Referent erzählt Anekdoten über die Behandlung von Gewalttätern 

Weidner führte durch seinen Vortrag per Storytelling, in dem er sehr unterhaltsam, ironisch, manchmal auch bewusst überzogen durch die für die meisten Menschen völlig ferne Gedankenwelt von Intensivstraftätern führte. Der Kriminologe, der für seinen schwarzen Humor bekannt ist, arbeitete in den 80er Jahren mit US-amerikanischen Gang-Schlägern in Philadelphia und behandelte zehn Jahre lang Kriminelle für die deutsche Justiz. Er entwickelte das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter, mit dem Aggressive in vier Ländern behandelt werden und ist Miteigentümer des Deutschen Instituts für Konfrontative Pädagogik. Heute arbeitet er auch als Management-Trainer. Sein Spezialgebiet: die Förderung der Durchsetzungsstärke und positiven Aggression bei Führungskräften.

Nach Weidners jahrelanger Erfahrungen mit gewalttätigen Heranwachsenden liegt es für ihn auf der Hand: Misshandelte misshandeln später. Als ein Beispiel führte er auf, wie eine Mutter jahrelang ihren Sohn mit der Spitze eines Bügeleisens auf den Hinterkopf schlug, wenn er schlechte Noten heimbrachte. Für den Kriminologen kein Wunder, dass der Junge später als Jugendlicher den Spieß umdrehte. Doch, warum sind Gewalttäter so? Warum empfinden Sie kein Mitleid mit ihren Opfern?

Ein Kriminologe mit Humor: Professor Jens Weidner sprach bei der Bürger-Uni über Therapiechancen bei Jugendgewalt. Foto: Seidel

Gewalttäter lehnen die Verantwortung für ihre Taten ab (Billard-Philosophie), sie verneinen das Unrecht ("ich habe es nur geliehen, nicht gestohlen"), sie akzeptieren das Opfer nicht ("das Opfer hat Schuld") oder sie berufen sich auf eine höhere Instanz und rechtfertigen somit ihre Tat ("im

Namen der Familie"). Gewalttäter fühlen sich überlegen, von der Position gegenüber den Opfern überhöht. Ihre Botschaften lauten: Ich will so bleiben wie ich bin. Opfer sind für mich wie eine Tankstelle für mein Selbstbewusstsein, und ich fühle mich wie ein Sportwagen. Es sei Dummheit, gepaart mit Macht. "Gewalt ist aus deren Sicht einfach, unkompliziert, ökonomisch. Wir müssen deshalb das Opferleid in die Seele der Täter einmassieren, ihnen das erhöhte Gefühl wegnehmen."

Laut Referent ist es möglich, gewalttätiges Verhalten wieder zu verlernen

Und das gehe nur, wenn man die Täter immer wieder massiv mit der Tat konfrontiert, bis sie irgendwann sagen: "Mann, ich träume jetzt von dem Opfer!" Das gelingt den Experten mit der Konfrontativen Pädagogik und Anti-Aggressivitätstrainings. "Gewalttätiges Verhalten kann wieder verlernt werden. Wir nehmen das aggressive Handeln ins Kreuzfeuer der Kritik. Wir zeigen, dass es Alternativen zum Schlagen gibt. Zum Beispiel: Erst denken." In dem Zusammenhang riet der Kriminologe: "Wenn Sie nicht bei Kleinigkeiten eingreifen, bedeutet das für die Jugendlichen Zustimmung."

In der Talkrunde wollte Stimme-Moderator Tobias Wieland in Bezug auf das subjektive Sicherheitsgefühl mancher Heilbronner am Marktplatz durch das Aufhalten von zahlreichen Flüchtlingen wissen, ob von dieser jungen Gruppierung Gewalt ausgehe? "Insgesamt benehmen sich die Flüchtlinge gut bei uns. Nur diejenigen nicht, die wissen, dass sie abgeschoben werden, weil sie kein Bleiberecht haben. Das sind vor allem junge Männer aus Nordafrika, aber die Gruppe ist überschaubar. Wenn sie keine Perspektive haben, machen sie Unfug und nehmen mit, was sie können", so Weidner.

 

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