Bürgeruni über den digitalen Alltagsstress

Heilbronn  "Unter Strom und ständig online", so lautete der Titel der letzten Heilbronner Bürgeruni. Der Tipp von Neurologe Volker Busch: "Einfach mal offline gehen" - und selbst Lego spielen kann helfen.

Von Ulrike Kübelwirth
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Weil sein Flugzeug aus Berlin Verspätung hatte, mussten die wissbegierigen Besucher der Heilbronner Bürger-Uni auf dem Bildungscampus ausharren − was die meisten auch taten. Hausherr Tomás Bayón, Geschäftsführer der GGS, prognostizierte eine Stunde Verspätung − und sollte recht behalten. Doch das Warten auf Dr. Volker Busch hat sich gelohnt. Sein Thema: Wege aus dem digitalen Alltagsstress. "Unter Strom und ständig online − das Gehirn zwischen Reizflut und Multitasking."

"700 Millionen Whats-App-Nachrichten pro Tag werden bundesweit verschickt. Jeder schaut mindestens 100 Mal aufs Handy. Was macht das mit uns", wollte Stimme-Moderator Tobias Wieland von dem Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie wissen, und stellte die Frage: "Ständig online − das neue Normal?"

 

 

150 Euro, um ein Konzert mit dem Smartphone zu filmen

"Timy" sei das Thema, eben brandaktuell, antwortete der. Termindruck, ständige Online-Präsenz und Multitasking sorgten dafür, dass heute bereits jeder Dritte so stark unter Druck stehe, dass er Schlafstörungen habe, unter Verspannungen leide oder mit den Zähnen knirsche. "Wie sehr digitale Medien die Wahrnehmungen verändert haben, ist mir kürzlich bei einem Coldplay-Konzert aufgefallen. Da haben Leute doch tatsächlich 150 Euro für ein Ticket bezahlt, um sich den ganzen Auftritt durch den Sucher anzuschauen."

Nein, sagt der Referent, er wolle uns das Handy nicht versauen. Und nein, digitale Medien machten nicht dement, "auch wenn man das intellektuell vermuten könnte bei SMSen wie HDMFLDH." Was das heißt? "Hab dich mega fett lieb, Du Hammer." Internet und neue Medien haben unser Leben, die Sprache und das Verhalten verändert.

Zum Vorteil, weil sich dadurch die allgemeine Reaktionsgeschwindigkeit, die intellektuelle Wahrnehmungsgeschwindigkeit und die motorische Fingerkoordination wesentlich verbessert haben. Zum Nachteil, weil sie Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle verschlechtern. Aus neuro-wissenschaftlicher Sicht heißt das: Sie betreffen zwei wesentliche Gehirnfunktionen. Das "Bottom up", das Belohnungssystem, das sich über Reizzuwendung freut, und deshalb mit dem "Top Down", dem Bereich, der für Konzentration und Impulskontrolle steht, in Konkurrenz tritt.

Es wird schwerer, aufmerksam zu bleiben

"Wir alle kennen die zunehmende Schwierigkeit, aufmerksam zu bleiben, weil wir ständigen Reizen ausgesetzt sind." Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt: "Wir sind heute nur etwa die Hälfte der Zeit bei der Sache. 46 Prozent der Zeit schweifen wir ab und betreiben Mind Wandering. Wir alle haben heute ein bisschen ADHS." Beispiel gefällig? "Der Büroangestellte wird im Durchschnitt alle zehn Minuten bei seiner Arbeit unterbrochen. Elf Unterbrechungen pro Aufgabe", beschreibt Volker Busch. "Wenn die Unterbrechung ein bis zwei Minuten dauert, brauchen wir danach fünf bis acht Minuten, um wieder so konzentriert zu sein wie zuvor."

Dabei ist es egal, ob der Chef schnell etwas wissen will, wir einen Blick aufs Handy werfen oder schnell die neueste Mail checken. Ablenkung als Feind der Fokussierung. Kennt jeder. Egal, ob Finanzminister Wolfgang Schäuble im Bundestag Sudoku löst, statt der Debatte zu folgen oder Schüler beim Unterricht geistig abschweifen. "Eine Untersuchung im Viertelstunden-Rhythmus ergab: In der Mittel- und Oberstufe sind die Kids heute sechs Minuten bei der Sache und neun Minuten abgelenkt. Die bei der Stange zu halten, wird immer schwieriger", weiß Busch aus Erfahrung − schließlich ist er auch Dozent an der Uni Regensburg.

"Frauen können nicht besser Multitasking - sie versuchen es nur öfter"

Womit wir beim Mythos Multitasking wären. "Wer kann das besser, Männer oder Frauen?" Das Urteil fällt eindeutig aus und − falsch. "Frauen können das nicht besser, die versuchen es nur öfter", erklärt der Neurologe. Wir alle können kein Multitasking. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgerichtet, gleichzeitig Dinge zu tun, die ein und denselben Bereich betreffen. "Es hat Schwierigkeiten mit dem raschen Umschalten. Das führt zu Fehlern.

Wir können nur Dinge gleichzeitig tun, die sich in getrennten Gehirnbereichen abspielen: Also Schuhe binden und singen, zuhören und atmen." Auch Autofahren und Telefonieren gehen gleichzeitig. Deshalb sei das Handy-Verbot am Steuer völliger Nonsens. "Denn: Es ist intellektuell nicht schwierig, zu fahren und das Handy ans Ohr zu halten. Intellektuell schwierig ist es, zuzuhören und sich gleichzeitig auf den Verkehr zu konzentrieren. Und das hat sich durch die Freisprechanlage nicht geändert."

Beim Multitasking sind dem Gehirn enge Grenzen gesetzt, weil "es alle Informationen seriell, also hintereinander, und nicht parallel verarbeitet." Dafür sorgt die Frontopolarregion, eine Art Fernbedienung zur Regelung der Aufmerksamkeit, die beim Multitasking umschaltet. Wenn wir älter werden, lassen die "Batterien unserer Fernbedienung", sprich die Nervenzellendichte, nach. "Deshalb fallen älteren Mitarbeiten Change-Prozesse schwerer." Übrigens: Auch Jugendliche, die multimedial aufwachsen, sind nicht multitask-tauglicher. "Man kann das einfach nicht lernen."

Wer multitaskt, braucht länger und macht mehr Fehler

Multitask sein − und auch das ist wissenschaftlich erwiesen − benötigt im Gegensatz zur Konzentration auf eine Sache 30 Prozent mehr Zeit und erhöht die Fehlerquote um 20 Prozent. Die Lösung heißt "beobachten, genau hingucken, aufmerksam sein. Das klingt nicht sexy. Aber ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ist alles andere nichts. Und das müssen wir wieder lernen mit einer versöhnlichen Rückkehr zum gehirngerechten Arbeiten. Dann kommen wir auch mit dem digitalen Fortschritt besser zurecht."

Wie das gehen soll? "Indem wir uns täglich eine Phase der Konzentriertheit schaffen." Peak-Performance heißt das auf Neudeutsch, für ein "Deep Work". Übersetzt: Im Job täglich eine Zeit offline gehen, um in den "Flow" zu kommen, ganz in einer Sache zu versinken. "Keiner von uns ist so wichtig, dass die Welt da draußen nicht eine Stunde auf ihn verzichten kann." Der Arbeitgeber wird es danken, denn die Fehlerquote sinkt, wenn wir "ganz bei uns sind".

Dafür braucht es die "Restauration" des Gehirns. Die lässt sich am besten dadurch erreichen, dass wir in unserer Freizeit etwas tun, das uns völlig ausfüllt. "Das kann Gartenarbeit sein, Lego spielen, Bergwandern oder Golfen. Das muss jeder für sich herausfinden. Wichtig ist es nur zu wissen, dass in Langeweile, Ruhe, Stille und Tiefe Ihr Gehirn in sich spazieren geht." Was am Ende effizienter ist, als es ständig unter Strom zu setzen. "Der französische Lyriker Hans Arp sagte einmal: ,Einst wird man von der Ruhe und Stille wie von einem Märchen erzählen." Lassen wir es nicht dazu kommen." Der wichtigste Rat, den Dr. Volker Busch seinen Zuhörern mit auf den Weg gibt.

 

Nächste Bürger-Uni am 23. November

Die nächste Heilbronner Bürger-Uni, eine Veranstaltungsreihe von GGS (German Graduate School of Management and Law), Dieter-Schwarz-Stiftung und des Medienunternehmens Heilbronner Stimme, findet am Donnerstag, 23. November, statt. Referent ist dann Daniel Domscheit-Berg, Ex-Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks.

 


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