Bürger-Uni Heilbronn: Die Kunst der Entscheidung

Heilbronn  Qual oder Freiheit? Bei der Bürger-Uni führt Rebekka Reinhard einmal quer durch die Philosophiegeschichte. Denn auch berühmte Philosophen müssen und mussten Strategien finden, um wichtige Entscheidungen zu treffen.

Von Christine Faget
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Links, rechts, oder doch geradeaus? Die Mutter pflegen oder Karriere machen? Forscher gehen davon aus, dass wir am Tag zwischen 20.000 und 100.000 Entscheidungen treffen.

Als die promovierte Philosophin Rebekka Reinhard am Donnerstag bei der Bürger-Uni die Bühne der ausverkauften Aula vom Bildungscampus Heilbronn betritt, hat sie deshalb eine Mission: Nicht weniger als einen Wegweiser durch dieses "irre, wilde Leben" will sie den Besuchern geben. Unterstützung hat sie sich bei Philosophen von der Antike bis in die Neuzeit geholt, jeder davon mit einer anderen Antwort auf die Frage: "Wie kann ich gut Entscheidungen treffen?".

Die antiken Griechen: Lebenszeit und Eigenzeit

Bereits die antiken Griechen wussten: Wähle deine Zeit. Beispielhaft hierfür stehen die beiden Götter Chronos und Kairos. Der grausame Chronos kenne nur eine Zeit, und die gehe immer nach rechts, in Richtung Tod, erklärt Reinhard mit schwungvollen Handbewegungen. Die Botschaft: Wer nicht aufpasst, verliert seine Lebenszeit. Anders hingegen Kairos, der Gott der rechten Gelegenheit. Er repräsentiere eine Form der Eigenzeit, die wir aus uns selbst heraus entwickeln können und zeige: Wenn wir nicht aufmerksam sind, ist die Gelegenheit schon vorbei.

Doch was können wir tun, um die Gelegenheit für einen Job oder einen Menschen nicht zu verpassen? Antike griechische Philosophen antworteten mit dem berühmten "Carpe Diem" - "Lebe jeden Tag, als sei es der Letzte." Viel weniger stressig findet die Philosophin, das Motto umzudrehen. "Erlebe jeden Tag, als wäre es dein erster" - also wie ein Kind wachsam und staunend die Welt zu erkunden, schlägt sie vor. Dies gebe uns erst die Muße, für jede Option offen zu sein.

Die Tugend der alten Chinesen

Eine Strategie der Muße fand Reinhard bei den alten Chinesen. Deren Tugend war, dass eine Entscheidung wachsen und sozusagen reifen muss, bevor sie vom Baum fällt. "Die chinesisch-listige Variante hat viel mit Abwarten zu tun", erläutert Reinhard. Und nennt als Beispiel den Bauern: "Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man daran zieht. Man kann bestimmte Gelegenheiten nicht erzwingen." Es sei ja durchaus möglich, dass man kein Kind bekommt, obwohl man sich dafür entschieden hat. Die alten Chinesen würden schulterzuckend "na und" sagen, versichert Reinhard - es reiften ja neue Gelegenheiten. Die wir aber übersehen, wenn wir nur hetzen. Es liege eben nicht alles in unserer Macht.

Deshalb unterschieden die Stoiker, Vertreter einer griechischen philosophischen Strömung, welche Entscheidungen überhaupt in unserer Macht liegen. Einer davon ist der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel. Als Feldherr musste er schwierige Entscheidungen treffen. Tobte draußen das Waffengefecht, zog sich Aurel in sein Zelt zurück und schrieb auf einem Täfelchen. Wie ein Mantra wiederholen sich die Mahnungen, die er sich selbst gab: Bleibe sachlich, handle mitmenschlich, und versuche, mit Gelassenheit zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst.

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Wie Epikur das Glück wählte

Eine andere Strategie verfolgte Epikur. Wichtig für ihn war es, zu unterscheiden, welche Lüste gut für das Leben sind. Um glücklich zu sein, reicht es Epikur völlig aus, zu essen, zu trinken, und zu schlafen. Vor zu vielen Lüsten warnt er. Genauso wie Reinhard: Das Streben nach mehr Likes, mehr Liebe, mehr Geld mache uns zu regelrechten Glücksjunkies. "Das macht uns nicht frei, sondern abhängig", mahnt Reinhard. Wer hingegen wenig hat, der habe alles - weil er frei sei, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren.

Auch moderne Philosophen haben an Strategien gefeilt, um gute Entscheidungen zu treffen. Sören Kierkegaard (1813 bis 1855) habe beispielsweise dafür plädiert, sich gegen die Beliebigkeit zu entscheiden. Im Gegensatz zu Pflanzen habe der Mensch nämlich seine Subjektivität und existiere durch seine Entscheidungen, erläutert Reinhard. Vor allem, weil er zwischen gut und böse unterscheiden kann. "Es lohnt sich, ein Ethiker zu werden", ist sich Reinhard sicher. Die freiwillige Selbstverpflichtung zur Ethik mache frei von äußeren Zwängen.

Wenn eine Entscheidung besonders schwierig ist

Wenn es um besonders schwere Entscheidungen geht, sucht Reinhard Rat bei der Philosophin Ruth Chang. Beispielsweise bei der Entscheidung: Karriere oder Mutter pflegen? Bei solchen gleichwertigen Option gebe es kein gut oder schlecht. Eine Entscheidung könne nur im Inneren getroffen werden. Die Kunst sei es, die Entscheidung anschließend konsequent durchzuziehen.

Man müsse eine Liebesbeziehung mit der Entscheidung eingehen, rät Reinhard. Denn: "Wir verändern uns durch die Entscheidung und entwickeln uns weiter. Dadurch kommen wir zu neuen Entscheidungen, die wir vorher gar nicht im Blickfeld hatten." Im abschließenden Interview bringt Stimme-Moderator Tobias Wieland die bekannte Philosophin dazu, zu verraten: "Ich bin selbst Stoiker. Marc Aurel ist mein Lieblingsphilosoph." Tomás Bayón, Geschäftsführer der German Graduate School of Management and Law, bedankt sich für einen mitreißenden Vortrag. Welche Entscheidungsstrategie die Zuschauer nun wählen - das müssen sie schon selbst entscheiden.

Zur Person

Dr. Rebekka Reinhard (45) hat zur Gegenwartsphilosophie promoviert. Sie ist Führungskräfte-Coach, Redakteurin der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ und Autorin von Büchern wie „Die Sinn-Diät“, „Würde Platon Prada tragen?“ und „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“.

Bürger-Uni

Die Bürger-Uni bietet dreimal jährlich kostenlos Einblick in wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Projekt haben die Dieter-Schwarz-Stiftung, die German Graduate School of Management and Law (GGS) und die Heilbronner Stimme ins Leben gerufen. Am 27 März spricht Professor Jens Weidner zum Thema Jugendgewalt.

 

 

 
 

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