Deutsche Hersteller unter Dauerstrom

Schanghai  Audi, Mercedes und VW stellen bei der Automesse in Schanghai neue Elektroautos vor. Die Hersteller stehen aktuell, so scheint es, unter Dauerstrom.

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Ein Herz für die Familie beweist auch VW mit dem ID.6, der ebenfalls eine dritte Sitzreihe bietet. Bisher ist der Wagen noch ein China-Projekt, er könnte aber auch nach Europa kommen.

Gerade mal eine Woche ist es her, dass Audi mit dem Kompakt-SUV Q4 E-Tron das erste Elektroauto für eine breitere Masse vorgestellt hat. Konkurrent Mercedes legte nur einen Tag später mit dem EQS nach - einem elektrischen Pendant zur S-Klasse mit einer rekordverdächtigen Reichweite von 770 Kilometern.

Nun zeigen die deutschen Autobauer in dieser Woche weitere lokal emissionsfreie Neuheiten bei der größten Automesse der Welt im chinesischen Schanghai. Audi, Mercedes und Co. stehen, so scheint es in diesen Tagen, unter Dauerstrom.

China bleibt ein starker Wachstumsmarkt

China ist der große Lichtblick für deutsche Autobauer in der Corona-Krise. Der weltgrößte Automarkt wird in diesem Jahr nach Einschätzung chinesischer Branchenexperten um sechs Prozent oder auch mehr zulegen. Besonders rasant soll der Absatz bei Elektroautos wachsen. "70 Prozent Zuwachs dürften kein Problem sein", sagt der Generalsekretär der Personenwagenvereinigung, Cui Dongshu.

Auch der deutsche Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht im chinesischen Automarkt die "große Lokomotive - China fährt allen davon", so der Direktor des Center Automotive Research (CAR). Die Aussichten stehen also ganz klar auf Wachstum. "Gerade das Premiumsegment wächst überproportional", sagt Fred Schulze, ab 1. Mai neuer Werkleiter von Audi in Neckarsulm und derzeit noch Produktionschef von VW in China. "Hier soll die Zahl der Verkäufe mittelfristig von drei auf vier Millionen Fahrzeuge im Jahr wachsen." Nur im Premiumsegment - ein Markt, der dann bald größer sein wird als zum Beispiel der gesamte deutsche.

A6 E-Tron mit besonders flachem Aufbau

Dafür rüsten sich die Hersteller entsprechend mit zahlreichen Neuheiten. So zeigt Audi den A6 E-Tron, der, wie am Montag berichtet, ursprünglich am Standort Neckarsulm gebaut werden sollte, ab 2023 nun aber in Ingolstadt und später auch in Chins vom Band laufen wird. Er basiert auf dem neuen Elektrobaukasten PPE (Premium Platform Electric), die Audi zusammen mit der Konzernschwester Porsche entwickelt. Der Wagen ist in etwa so groß wie ein heutiger A6, besitzt eine fließende Linienführung mit der Silhouette eines Coupés.

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Der Audi A6 E-Tron ist für ein E-Auto relativ flach, er soll bis zu 700 Kilometer weit kommen.

Den Ingenieuren ist es gelungen, die Fläche zwischen den beiden Fahrzeugachsen so auszunutzen, dass die rund 100 kWh fassende Batterie derart untergebracht ist, dass der Stromer im Gegensatz zu vielen anderen Modellen wie eine klassische Limousine daherkommt: flach und sehr aerodynamisch. Weitere optische Merkmale sind die schmalen Scheinwerfer vorne und die fast durchgehende Heckleuchte, die in der Mitte durch ebenfalls leuchtende Audi-Ringe unterbrochen wird. Wie von Audi zu hören ist, entspricht der noch offiziell als Studie bezeichnete Wagen zu 95 Prozent dem Serienstart.

In zehn Minuten Strom für 300 Kilometer

Die Reichweite des knapp fünf Meter langen A6 E-Tron soll mindestens 700 Kilometer betragen. Ein weiteres Kernelement der neuen Architektur ist die 800 Volt-Technik, die Audi auch schon beim E-Tron GT nutzt. Damit können die PPE-Modelle voll von den 270 kW-Schnellladesäulen profitieren und binnen zehn Minuten den Strom für 300 Kilometer zapfen.

Bis zu 1710 Liter Stauraum im Mercedes EQB

Mit dem dritten neuen Elektroauto im noch jungen Jahr 2021, das diese Woche auf der Motorshow in Schanghai enthüllt wird und dort aus lokaler Produktion bereits im Sommer in den Handel kommt, besetzt Mercedes geschickt eine Lücke im Markt. Denn abgesehen von Tesla Model 3 und Model 4 ist der 4,68 Meter lange EQB das einzige Elektroauto diesseits klassischer Kastenwagen, das in dieser Liga drei Sitzreihen und sieben Plätze zu bieten hat.

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Der EQB ist bereits das dritte neue Elektroauto von Mercedes in diesem Jahr. Er bietet bis zu drei Sitzreihen und Platz für maximal sieben Personen.

Und selbst wenn auf den versenkbaren Einzelsesseln im Fond nur der Nachwuchs bis 1,65 Metern Platz findet, ist das ein deutliches Plus gegenüber Konkurrenten wie dem VW ID.4 oder dem BMW iX3, von Mokka, Mini & Co ganz zu schweigen. Zumal der EQB auch ohne die dritte Reihe ein paar Vorteile bietet: Die mittlere Bank lässt sich auf Wunsch um zwei Handbreit verschieben und der Kofferraum fast im besten Fall 1710 Liter.

Mit Front- oder Allradantrieb

Wo der EQA mit Nachwuchs etwas knapp sein könnte und der EQC bei vielen das Haushaltskonto sprengt, wird der EQB zur ebenso praktischen wie bezahlbaren Zwischengröße. Denn trotz Akku-Aufschlag sollte der EQB noch für knapp unter 50 000 Euro zu haben sein, wenn er im Herbst bei uns in den Handel kommt. Die Technik teilt sich der EQB mit dem EQA - auch ihn wird es deshalb als Fronttriebler oder mit Allrad und mit bestenfalls mehr als 200 kW/272 PS geben, geplant sind mehrere verschiedene Akkus für Reichweiten jenseits von 400 Kilometern, und geladen wird mit bis zu 100 kW, so dass der EQB bei Ionity & Co den Hub von zehn auf 80 Prozent Akku-Stand in weniger als 30 Minuten schafft.

Ein Herz für die Familie beweist auch VW. Der zweitgrößte Autobauer der Welt gönnt der Generation E einen Nachschlag und stellt dem ID.4 den ID.6 zur Seite. Analog zu Tiguan und Tiguan Allspace wird der Stromer dafür um rund 30 Zentimeter gestreckt und wird so mit entsprechen mehr Platz und einer dritten Sitzreihe zum perfekten Pampersbomber. Möglich macht das der flexible Modulare E-Antriebs-Baukasten (MEB), den die Niedersachsen für den ID.6 zu neuer Größe aufblasen: So wachsen der Radstand auf 2,97 Meter und die Länge auf 4,87 Meter und innen geht es so geräumig zu, dass hinter der verschiebbaren Mittelbank zur Not sogar zwei Erwachsene in der dritten Reihe sitzen können.

Bis zu 588 Kilometer Reichweite im ID.6

Die Abmessungen sind neu, doch der Auftritt ist vertraut, und auch den Antrieb kennt man aus der MEB-Familie. Es gibt den ID.6 wahlweise mit einem 132 oder 150 kW starken Motor im Heck oder als 225 kW starken Allradler mit einem zweiten 75 kW-Motor im Bug sowie mit zwei Akkus von 58 oder 77 kW Kapazität, mit denen Reichweiten von 436 bis 588 Kilometern erzielt werden können. Offiziell ist der ID.6 noch ein Projekt für den chinesischen Markt. Doch angesichts des anhaltenden SUV-Booms und des wachsenden Platzbedarfs gibt es wenig Gründe, weshalb der ID.6 als vorerst einziger elektrischer Siebensitzer im Konzern nicht auch in Europa funktionieren sollte.

 

Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

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