Flüsterleise in die Zukunft

AUDI E-TRON  Testfahrt mit dem Strom-Boliden − Viel Licht und etwas Schatten − Preis: ab 79?900 Euro

Von unserem Redakteur Alexander Rülke
Flüsterleise in die Zukunft

Optional und erstmals wird ein Kamera-Außenspiegel angeboten, dessen Aufnahmen über Displays in den Türen in den Innenraum übertragen werden.

Es ist soweit: Anfang nächsten Jahres kommt der E-Tron auf den Markt. An dem 4,90 Meter langen Fünftürer sind zwei Dinge komplett neu. Zum einen handelt es sich um das erste rein elektrische Fahrzeug von Audi. Zum anderen kommt der Wagen mit einer innovativen Außenspiegel-Technologie. Was gut funktioniert und was eher nicht so gut, konnte die Autostimme bei ausgiebigen Testfahrten in Erfahrung bringen.

Der Antrieb mit Eingang-Getriebe ist eine Wucht. Jeweils ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse fungieren als permanentes Allradsystem und bringen somit maximal 408 PS und 664 Newtonmeter Drehmoment souverän auf die Straße. Dass der Brummer fast 2,5 Tonnen wiegt, ist beim Gasgeben auf gerader Strecke nicht zu spüren, denn Elektro-typisch zieht der Wagen mit vollem Drehmoment verzögerungsfrei sowie traktionsstark an. In 5,7 Sekunden ist aus dem Stand Tempo 100 erreicht, abgeregelt wird bei 200 Kilometer pro Stunde.

Doch schnelle Kurvenfahrten mag der in Brüssel vom Band laufende E-Tron nur bedingt − hier kann er sein Gewicht nicht wirklich kaschieren und ist eher entspannter Reisewagen denn sportliches SUV.

Das im Boden montierte Batteriepack mit der Größe eines Doppelbettes kommt auf stattliche 700 Kilogramm, stellt andererseits aber auch 95 kWh elektrische Energie zur Verfügung. Damit schafft der mindestens 79?900 Euro teure Ringträger laut Hersteller über 400 Kilometer. Bei unseren Testfahrten ist es uns nicht gelungen, der Reichweitenanzeige diesen Wert zu entlocken. 300 bis 350 Kilometer scheinen jedoch realistisch. Vorausgesetzt, man nutzt fleißig die Möglichkeit zur Energie-Rückgewinnung. Zum Beispiel bei Bergabfahrten: Ist hier der manuelle Modus eingestellt, lässt sich der Rekuperations-Widerstand über Paddel am Lenkrad justieren. Bei höchster Stufe wird mehr Energie zurückgeführt − und die klassische Bremse hat damit weitestgehend Pause.

Wer den Audi E-Tron an einen Wechselstrom-Anschluss mit 11 kW stöpselt, muss mit einer Ladezeit von etwas mehr als acht Stunden rechnen, bei 22 kW wäre es dann die Hälfte der Zeit. Während das Wechselstrom-Laden eher im privaten Bereich zum Einsatz kommt, will Audi das schnelle Laden im öffentlichen Raum forcieren. Mit Gleichstrom-Technik sollen aktuell bis zu 150 kW möglich sein − dann wäre der Edel-Stromer nach rund 25 Minuten wieder voll einsatzbereit.

Unter dem Namen Ionity − einem Joint Venture von BMW, Daimler, Ford sowie Audi und Porsche − soll die Ladeinfrastruktur nun kontinuierlich wachsen. Bis Anfang 2019 auf rund 200 Säulen in Deutschland, bis 2020 auf rund 400.

1540 Euro Aufpreis kostet der erstmals zum Einsatz kommende virtuelle Außenspiegel. Sein Vorteil: Dank schlanker Form verbessert er die Aerodynamik. Doch das kamerabasierte System ist im Fahrbetrieb noch reichlich gewöhnungsbedürftig, denn die Bilder der Außenkameras werden über zwei kleine Displays in den Innenraum übertragen. Die wiederum befinden sich oberhalb des jeweiligen Türöffners − während man als Lenker den Bildschirm in der Beifahrerseitentür gut im Blick hat, ist das Display auf der Fahrerseite etwas tief und in einem recht flachen Winkel angebracht. Und wer gerne mit der linken Hand lenkt, überdeckt mit seinem Arm einen Teil des kleinen Monitors. Interessenten sollten das System vor dem Kauf also besser erstmal testen.

Der E-Tron ist ein Audi, kein Ufo. Nur dezente Features wie die vier horizontalen LED-Balken an der Front, der variable Kühlergrill (lässt sich teilweise öffnen und schließen) oder aerodynamisch designte Räder deuten auf einen Fahrzeug-Pionier hin. Ansonsten wirkt das Elektroauto wie eine Mischung aus Q5 und Q8 und könnte auch Q6 heißen.

Gewohntes Bild auch im großzügig bemessenen und voll familientauglichen Innenraum: Die piekfeine Verarbeitung der hochwertigen Materialien und das logische Bediensystem mit drei digitalen Displays kennt man so ähnlich auch aus anderen Modellen der Marke. Ergänzend kommt hier noch hinzu, dass der Lärm eines Verbrennungsmotors fehlt, da der flüsterleise E-Tron seine Insassen mit einer Geräuschkulisse auf Wellness-Niveau umschmeichelt. Und daran gewöhnt man sich sehr schnell.

Flüsterleise in die Zukunft

4,90 Meter lang, rund 2,5 Tonnen schwer, bis zu 408 PS stark und vom Platzangebot her absolut familientauglich − so geht der mindestens 79?900 Euro teure E-Tron an den Start. Und die Reichweite? Laut Hersteller rund 400 Kilometer.

Fotos: Audi

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Die Buchse für den Ladestecker befindet sich auf der Fahrerseite vorne. Wird mit bis zu 150 kW geladen, ist der E-Tron in knapp einer halben Stunde wieder voll.


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