In alten Ortsdokumenten lesen ist wie alte Bekannte treffen

Untergruppenbach  Friedrich Eisenmann und Ingrid Paul vom Heimatverein Untergruppenbach entziffern Gemeindeunterlagen aus dem 16. Jahrhundert.

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Im Keller des Untergruppenbacher Rathauses ruhen die Ortsdokumente von Untergruppenbach und Unterheinriet. Die ältesten Aufzeichnungen − Nachlassakten, Forstlager- oder Kaufvertragsbücher stammen aus dem 16. Jahrhundert.

Fotos: Linda Möllers

Der Pergamenteinband ist über die Jahrhunderte schrumpelig geworden, der Buchrücken abgeschabt. Am "Contract Buch Gruppenbach anno 1586" - ein altes Kaufvertragsbuch der Gemeinde Untergruppenbach - hat der Zahn der Zeit ganz schön genagt. Doch als Friedrich Eisenmann den dicken Wälzer aus dem Regal zieht, zeigt sich, dass er noch immer recht kompakt ist.

Bände wie diesen durchforstet der ehrenamtliche Gemeindearchivar, pensionierte Grundschullehrer und Vorsitzender des Heimatvereins Untergruppenbach seit über 30 Jahren. Mal wählt er die Bücher gezielt aus, oder sucht nach Stichwörtern, um die damaligen Gegebenheiten in der Gemeinde zu erforschen.

Wichtig dabei: die gedruckte und handschriftliche Frakturschrift zu entziffern und zu deuten. Eisenmann fotografiert die Seiten, passt den Kontrast digital an, um sie besser lesen zu können. Sie einzuscannen wäre schwierig, sagt er. Nicht nur, weil die Wälzer teilweise für einen herkömmlichen A 4-Scanner zu groß wären. Der Sand, der zum Trocknen der Tinte über die Seiten gestreut wurde, würde das Einlesegerät beschädigen.

Bücher haben mehr ideellen denn materiellen Wert

Eisenmann tippt das, was er entziffert, auf seinem Laptop ab. Über die Jahre hat er eine Vielzahl von Dokumenten zu einer Sammlung zusammengetragen. Den gesamten Archivbestand übertragen? Das wäre ihm eindeutig zuviel, sagt Eisenmann.

In alten Ortsdokumenten lesen ist wie alte Bekannte treffen

Ingrid Paul und Friedrich Eisenmann vom Heimatverein Untergruppenbach entziffern die alten Schriften und übertragen sie in ein digitales Schreibprogramm.

Dabei leistet seine Nichte Ingrid Paul, die ebenfalls Vorstandsmitglied des Heimatvereins ist, seit 2014 Unterstützung bei der Übertragung der Schriften. Die 55-Jährige arbeitet als Maschinenbautechnikerin in einer Weinsberger Firma und interessiert sich nebenher für alte Schriften.

Sie beide haben Zugang zu den Archivräumen im Rathauskeller. In zwei Zimmern lagern dort die amtlichen Unterlagen von Untergruppenbach und Unterheinriet: Mehrere Regalreihen voll mit Gemeinderatsprotokollen, Nachlassakten, Forstlager- sowie Kaufbüchern und mehr. Sie reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert, und gehen bis zur Vereinigung von Untergruppenbach und Unterheinriet 1974.

Der älteste und einer der wichtigsten Wälzer: das Dorfbrauch- und Rechtsbuch von 1560, das Aufschluss über die Regelungen des Ortslebens gibt. Die Unterlagen besitzen mehr ideellen denn materiellen Wert, beurteilt Ingrid Paul. Lange wurden sie auf dem Dachboden des Rathauses gelagert, und das in einem ziemlichen Chaos. So mancher Wälzer trug wegen des undichten Daches einen Wasserschaden davon. 1993 wanderten sie runter in den Rathauskeller.

Das Lesen brachten sie sich selbst bei

Drei vollgepackte Regale und einige Kartons füllen den Raum mit den Untergruppenbacher Zeitdokumenten. Wie groß der Bestand ist? Friedrich Eisenmann zieht Notizen von Kreisarchivar Angerbauer heran: "325 Bände auf sieben Regalmetern, 247 Protokolle auf elf Regalmetern."

In alten Ortsdokumenten lesen ist wie alte Bekannte treffen

Ästhetisch, aber mitunter schwer lesbar: Handschriftlich verfasste Unterlagen wie im Dorfbrauch- und Rechtsbuch von 1570 fordern viel Zeit zur Einarbeitung.

Die Schriften lesen zu können, brachten sich Friedrich Eisenmann und Ingrid Paul autodidaktisch bei: Er habe schon als junger Mann die Fraktur beim Lesen alter Karl-May-Bücher gelernt, sagt Eisenmann. Ingrid Paul entdeckte ihre Faszination für alte Schriften mit 16 Jahren, als sie bei ihrer Großmutter zu Besuch war. Auf deren Dachboden fand sie die alten Schulunterlagen ihres Onkels, vollgeschrieben in altdeutscher Schreibschrift.

Das veranlasste sie, sich die Kurrentschrift beizubringen. Seitenweise füllte Paul Hefte mit den geschwungenen Buchstaben oder übertrug Texte ins Altdeutsche.

Ein Blick in eine Ortschronik: verschnörkelte Wörter zieren die Seiten. Manche von ihnen lassen sich deutlich entziffern - die Namen "Fugger" und "Württemberg" fallen auf den ersten Blick auf.

Doch viele Buchstabenenden sind kunstvoll verschwurbelt, laufen teilweise in dreifachen Kreisen aus und sind schwer lesbar. "Es braucht seine Zeit, sich an eine Schrift zu gewöhnen und zu lernen, wie man sie liest", sagt Ingrid Paul. "Manchmal sitzt man eine halbe Stunde vor einem Text wie ein Ochs vorm Berg."

Trotz allem sind die Schriftzeichen vor allem eines: ästhetisch.

Das findet auch Ingrid Paul. "Es ist faszinierend", sagt die 55-Jährige beim Anblick der Zeilen. "Die Buchstaben setzen bei mir ein Kopfkino in Gang. Ich stelle mir vor, wie die Leute damals gelebt haben", sagt sie und ergänzt: "Allzu oft waren das arme Tröpfe."

Man kennt seine Pappenheimer irgendwann

Jubiläum

136 Mitglieder gehören dem Heimatverein Untergruppenbach derzeit an. Er feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Neben regulären Veranstaltungen wie dem Kaffeenachmittag ist in diesem Jahr der Jubiläumsfestakt am Samstag, 28. November, ein Höhepunkt. Festredner ist Prof. Dr. Hermann Ehmer. Erstellt seine Forschungen über die Herren von Heinriet vor.

Eine weitere Herausforderung für die beiden Hobbyarchivaren stellen die unterschiedlichen Handschriften dar: Jeder Schreiber - zumeist waren es die Pfarrer der Gemeinde - setzt seinen Strich anders, fügt seine persönliche Handschrift hinzu oder mache sich mit lateinischen Schnörkelwörtern wichtig, erklärt Friedrich Eisenmann.

Zudem gab es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine einheitliche Rechtschreibung - darum wurden nicht unbedingt Hauptwörter groß geschrieben, sondern was dem Schreiber wichtig erschien. Das Entziffern stellt jedoch nur eine erste Hürde dar. Oft stehen Friedrich Eisenmann und Ingrid Paul vor der Schwierigkeit, erst herauszufinden, wovon die Texte überhaupt handeln. "Wenn man keine Ahnung hat, worauf man eigentlich gestoßen ist, ist es echt schwer, Zusammenhänge herzustellen", sagt Friedrich Eisenmann.

Zwar lagern im Rathaus-Archiv ausschließlich Dokumente mit bürokratischem Inhalt. Die handschriftlichen Aufzeichnungen verraten jedoch Persönliches über ihre Verfasser - beim Lesen zwischen den Zeilen zum Beispiel: "Wenn die Schrift verschmiert, dann kann man davon ausgehen, dass er wohl irgendwann die Schnauze voll hatte", sagt Ingrid Paul.

Man erkenne so manche Handschriften wieder, erzählt sie. Ganz so, als würde man alte Bekannte wiedertreffen.

 

 

Linda Möllers

Linda Möllers

Autorin

Linda Möllers kommt aus Weinheim an der Bergstraße und kam im November 2019 zur Heilbronner Stimme. Jetzt berichtet sie aus dem nördlichen und östlichen Landkreis - am liebsten über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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