Wie die Frucht in die Flasche kommt, sieht man in Pfedelbach

Pfedelbach  Die Destillatwege zwischen Oberohrn, Baierbach, Pfedelbach und Windischenbach führen durch eine traumhafte Landschaft. Unterwegs kann man zahlreiche Brennereien besuchen.

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26 Infotafeln erklären den Weg der Destillate von der Frucht in die Flasche.

Es ist ein schöner Sommertag, als Günter Wieland mit Tochter Julia in Michelbach die Rappen Till und Miro anspannt. Mit zwei PS geht es auf die Destillatwege. Sind es zumeist Wanderer und Radler, die dort unterwegs sind, ist die Kutsche eine weitere reizvolle Möglichkeit, die abwechslungsreiche Landschaft mit Streuobstwiesen, Obstplantagen, Weinbergen, Wiesen, Feldern und Wäldern zu erkunden.

Das finden auch die Fahrgäste an diesem Nachmittag. Mit Christine Mozer und Anna Schleicher haben auf der Wagonette zwei Fachfrauen Platz genommen. Christine Mozer ist Edelbrandsommelière, bewirtschaftet mit Mann und Familie den Lerchenhof mit Obstbau und Brennerei auf der Anhöhe zwischen Oberohrn und Pfedelbach. Anna Schleicher repräsentierte als Destillatkönigin von 2016 bis 2018 den Verband der Klein- und Obstbrenner Nord-Württemberg und stammt aus einem Obstbaubetrieb mit Brennerei in Hinterespig. Beide Frauen haben eine Ausbildung zur Brennerin.

"Geübte Wanderer schaffen die Destillatwege in einem Tag. Sinnvoller ist es aber, die Wege in Etappen aufzuteilen, um auch den einen oder anderen Brenner aufzusuchen", meint Christine Mozer, als es in flottem Trab entlang des Michelbachs in Richtung Oberohrn geht. Beim Obstbaubetrieb mit Brennerei der Familie Weippert biegen Till und Miro auf den "Gfingldr" ein. Woher dieser seinen Namen hat? Das Wort bedeutet Schnaps und stammt aus dem Jenischen. 5,5 Kilometer lang ist die Route um Oberohrn und Baierbach. Kleine Schilder weisen den Weg. Für uns geht es über Ohrnbrücke und die Landesstraße in Oberohrn, um gleich darauf in den "Himbeergeist Süd" einzubiegen.

Schwarze Johannisbeeren in Hülle und Fülle

Wie die Frucht in die Flasche kommt, sieht man in Pfedelbach

Brav warten die Pferde, als Anna Schleicher (li.) und Christine Mozer an einer Johannisbeeranlage bei Oberohrn einen Likör aus den Beeren kredenzen.

Fotos: Bettina Hachenberg

Auf 4,9 Kilometer Länge verbindet er den "Gfingldr" mit dem "Kirschwasser". Eine Tafel am Wegesrand verschafft einen Überblick, bevor wir vorbei an Streuobstbäumen auf einen kurzen Anstieg einbiegen. Und dann liegt eine knapp drei Hektar große Anlage mit schwarzen Johannisbeeren vor uns. "Im Juli wird sie abgeerntet - mit dem Vollernter, denn mit der Hand wäre es viel zu zeitaufwändig", erklärt Mozer und kredenzt vor der Kulisse des Steinbacher Tals einen Johannisbeerlikör.

Schon pur sehr lecker, eigne er sich mit Sekt auch für Kir Royal oder Cocktails, sagt die Edelbrandsommelière. Weiter geht es vorbei an Obstplantagen, wo die Äpfel noch in einem frühen Stadium sind. "Wie die Obsternte in diesem Jahr wohl ausfallen wird?" Das könne man noch nicht sagen, meinen beide Frauen. Bei den Äpfeln und Birnen hätten manche Anlagen stark unter dem Frost gelitten, andere seien kaum geschädigt. Mozer: "Ein paar Meter her oder hin machen in diesem Jahr viel aus." Und auch Hagel kann noch drohen.

Kühe mit Glocken und Quittenbäume

Vorbei am Lerchenhof führt der "Himbeergeist Süd" zwischen Obstanlagen und Weinbergen am Nonnenberg hinunter nach Pfedelbach. Dort passieren wir Weinbau-Museum und Schloss und biegen in die Kaiserstraße und dann Richtung Weißlensberg ein. Das Landschaftsbild ändert sich. Am Weißlensberg fühlt man sich fast ein wenig an das Allgäu erinnert, wenn man die Kühe mit Glocken sieht. Vereinzelt stehen Quittenbäume am Weg.

"Die Quitte ist eine interessante Frucht. Man kann sie zwar so nicht essen. Wenn sie verarbeitet wird als Brand, Likör oder Gelee ist sie eine Delikatesse", weiß Mozer. Als wir dann am "Ruheplatz" mit Panoramabild am Weißlensberg kurz rasten - Till und Miro warten wieder gelassen - und den Blick hinunter ins Tal schweifen lassen, schenkt Anna Schleicher einen eigenen Quittengeist mit 38 Prozent ein. "Wir haben drei Quittenbäume selbst und viele Zulieferer."

Obstanlagen mit Hagelschutz und stattliche Streuobstbäume

Wie die Frucht in die Flasche kommt, sieht man in Pfedelbach

Dann geht es auf dem "Kirschwasserweg" bergab. Dieser führt in einer weiten Schleife über den Lindelberg und zu den Obstanlagen und Weinbergen am Golberg. Wir wählen die Abkürzung direkt nach Windischenbach. Rechts Obstanlagen mit Hagelschutznetzen, links hohe Bäume mit Balduffer Birnen, einer weiteren Spezialität Pfedelbacher Brenner. Nach der Ortsmitte von Windischenbach biegen wir in den 3,4 Kilometer langen "Himbeergeist Nord" ein, der wieder nach Pfedelbach und zurück nach Oberohrn führt. Hier schließt sich unsere Rundtour auf den Destillatwegen.

Nach drei Stunden sind Till und Miro noch immer frisch vor der Kutsche. Wir dagegen angesichts vieler Eindrücke fast schon etwas erschöpft. "Wir haben die Destillatwege heute aus einer anderen Perspektive erlebt. Man kann immer wieder neue Ecken in der Heimat entdecken", sind sich Christine Mozer und Anna Schleicher einig.

Hochburg der Klein- und Obstbrenner in Nord-Württemberg

Rund 110 Brennrechte sind in der Gemeinde Pfedelbach vergeben. Regelmäßig werden Brenner für ihre Produkte ausgezeichnet. Vor drei Jahren hat die Gemeinde ihre Destillatwege eingeweiht. In Zusammenarbeit mit örtlichen Brennern und Selbstvermarktern und der Weinkellerei Hohenlohe sind drei insgesamt 20,7 Kilometer lange Wissenspfade um Oberohrn, Pfedelbach und Windischenbach entstanden. Seither ergänzen sie das touristische Angebot der Gemeinde und der Hohenloher Perlen. Unter der Überschrift "Von der Frucht in die Flasche" kann man auf den beiden Hauptrouten "Gfingldr" und "Kirschwasser" und den Verbindungswegen "Himbeergeist Nord und Süd" Wissenswertes zu Obst, Destillaten, Weinbau und ökologischen Themen erfahren.

Auskunft geben dabei nicht nur die 26 Infotafeln auf den Destillatwegen. Man hat - am besten gegen Voranmeldung -an zehn "Genusszielen" auch die Möglichkeit, Brennereien zu besichtigen und dort von den Brennern zu erfahren, wie aus Obst Hochprozentiges entsteht. Und getreu dem Motto "Probieren geht über Studieren" kann man sich das eine oder andere Versucherle schmecken lassen. Oder bei Destillatproben einen Einblick in die Vielfalt von Bränden und Likören gewinnen.

Kutschfahrt

Für eine Kutschfahrt auf den Destillatwegen kann man sich an Günter Wieland, Telefon 0172 7118594, wenden.

 

Bettina Hachenberg

Bettina Hachenberg

Autorin

Bettina Hachenberg ist seit Februar 1988 Redakteurin bei der Hohenloher Zeitung in ihrer Heimatstadt Öhringen. 

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