Fahrende Leute werden in Heuberg sesshaft

Schwäbisch Hall/Pfedelbach  Die Dauerausstellung "Auf der Reis" im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen zeigt die Geschichte einer Minderheit, die auch für Pfedelbach bedeutsam ist.

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Ein jenischer Reisewagen vor rund 100 Jahren.

Foto: Archiv Jakob Kronenwetter

Im Jahr 2017 eröffnete im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen eine vielbeachtete Dauerausstellung. "Auf der Reis" - Die "unbekannte" Minderheit der Jenischen im Südwesten" ist ihr Titel. In der Scheune aus Michelfeld, direkt neben dem Steigengasthaus, wird sie gezeigt. Originaldokumente, Alltagsgegenstände aus früheren Zeiten und Fotos kann man dort sehen. Vieles sind Leihgaben jenischer Familien. Besonders ins Auge fällt ein alter Reisewagen aus dem 20. Jahrhundert. Originalgetreu eingerichtet, zeigt er, wie eine jenische Familie "auf der Reis"" Mitte der 1950er Jahre auf kleinstem Raum zusammenlebte und arbeitete.

Kultur und Lebensweise

Entstanden ist die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit Angehörigen der Minderheit der Jenischen, denen sich heute geschätzt noch rund 40 000 Menschen zugehörig fühlen. Weitere Jenische leben in Österreich, der Schweiz, Frankreich und den Beneluxstaaten. "Auf der Reis"" widmet sich der wechselhaften Geschichte sowie der Kultur und Lebensweise des Jenischen, deren Ursprung bis heute eine ungelöste Frage ist. Jahrhundertelang zogen sie als fahrendes Volk mit ihren Wagen übers Land. Sie waren Hausierer, Markthändler, Musiker, Kesselflicker und Scherenschleifer, die ihre Waren und Dienstleistungen feilboten. Und die hin und wieder auch betteln oder etwas ergaunern mussten, um leben zu können.

Ihnen gemeinsam war ihr eigener Wortschatz, mit dem sie sich in einer Art "Geheimsprache" untereinander verständigten. Die Lebensweise der Jenischen stieß oftmals auf Misstrauen. Sie wurden als Minderheit ausgegrenzt. Unter den Nationalsozialisten erhielten sie Berufsverbote, einige starben in Konzentrationslagern.

Katholischer Graf siedelt Jenische an

Fahrende Leute werden in Heuberg sesshaft

"Auf der Reis"" in der Ausstellung im Freilandmuseum Wackershofen: (v. li.) Rosemarie und Friedrich Messer sowie Günter Echle aus Heuberg.

Foto: Bettina Hachenberg

Auch die Geschichte der Jenischen im Pfedelbacher Ortsteil Heuberg ist in der Ausstellung dokumentiert. Als mit Ludwig Gottfried 1728 der letzte seiner Linie der Grafen von Hohenlohe starb, die bis dahin Pfedelbach regiert hatten, fiel der Ort an Graf Ferdinand von Hohenlohe-Bartenstein. Er wollte den katholischen Glauben in Pfedelbach verbreiten. Dazu ließ er den Heuberg roden und dort kleine Häuser bauen, die er katholischen Neusiedlern kostenlos überließ. Unter ihnen waren zahlreiche Jenische, die nun sesshaft wurden. Ab dem späten 19. Jahrhundert gingen die Jenischen immer mehr in der alteingesessenen Pfedelbacher Bevölkerung auf.

Erst in der jüngeren Pfedelbacher Geschichte kommt dem Jenischen zunehmend wieder mehr Bedeutung zu. Die Pfedelbacher besinnen sich auf die Geschichte und besondere Sprache der Jenischen, lassen diese ab 1990 in eigens verfassten Theaterstücken in jenischer Sprache wieder aufleben, geben 2017 ihrer neuen Gemeindehalle einen jenischen Namen.

Erlebnispfad zur jenischen Geschichte angedacht

Und nun gibt es ein weiteres neues Projekt: Der Bürgerverein Heuberg-Buchhorn und der Allgemeine Bürgerverein Gleichen haben einen Erlebnispfad ins Auge gefasst. Es soll ein sieben bis acht Kilometer langer Rundweg werden, auf dem die jenische Geschichte in Heuberg anhand von Tafeln erlebbar wird. Wann dieser Pfad realisiert werden kann, ist jedoch völlig offen. Zwar haben beide Vereine bei ihrem Bergfest schon 2500 Euro an Spenden gesammelt. Allerdings ist dies nur ein Anfang. Wann die Gemeinde Pfedelbach bei den den zu erwartenden finanziellen Einbrüchen in ihren Finanzen durch die Corona-Krise ein solches Projekt umsetzen kann, steht vorerst in den Sternen.

 

Bettina Hachenberg

Bettina Hachenberg

Autorin

Bettina Hachenberg ist seit Februar 1988 Redakteurin bei der Hohenloher Zeitung in ihrer Heimatstadt Öhringen.

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