Lebendige Geschichtsstunde in Öhringen

Öhringen  Fritz Offenhäuser führt als Nachtwächter durch die Gassen der Öhringer Innenstadt. Begleitet wird er von Brigitte Fischer als Bürgersfrau. Beide wissen viel aus der Vergangenheit der Großen Kreisstadt zu erzählen.

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Von der Öhringer Stadtmauer sind noch 70 Prozent erhalten. Auf ihr drehten einst die Nachwächter ihre Runden.

"Hört Ihr Leut und lasst Euch sagen, unsre Glock hat zehn geschlagen. Bewahrt das Feuer und das Licht, dass der Stadt kein Schaden g'schicht." So beginnt die Nachtwächterführung auf dem Öhringer Marktplatz. Das Öhringer Urgestein Fritz Offenhäuser zeigt den Teilnehmern, wo überall Geschichte aus den alten Gemäuern hervorlugt.

Die Bürgersfrau Brigitte (Brigitte Fischer) ist mehr als seine Begleitung. Auch sie weiß einiges zu erzählen, etwa von fürstlichen Festgelagen. Und da auch Bürgerfrauen Poesie schätzen, gibt sie alles in Reimform zum Besten. Die Nachtwächterführung ist schließlich keine trockene Geschichtsstunde. Offenhäuser spielt zwischen seinen Ausführungen und Anekdoten Lieder auf der Trompete. "Immer Abstand halten", warnt er und holt die Teilnehmer wieder in die Corona-Gegenwart zurück.

Runden auf der Stadtmauer gedreht

Nachtwächter hatten eine wichtige Funktion im Stadtleben. Sie drehten ihre Runden auf der Stadtmauer und riefen die Uhrzeit aus. So wusste jeder, wann Sperrstunde war und wann man morgens zur Arbeit musste. "Damals gab es ja noch keinen Wecker", sagt Offenhäuser. Die Nachtwächter wussten über alles Bescheid, auch von wem welches Kind wirklich ist. Sie hatten schließlich von oben einen Blick auf das gesamte Stadtleben. Der letzte Nachwächter beendete seinen Dienst 1910. Offenhäuser führt die Tradition auf seine Art weiter, indem er Führungen anbietet. 20 Jahre lang kümmerte er sich zudem um den Blasturm der Stiftskirche.

So manches in Öhringen ist "steinalt". Seit 1000 Jahren bewachen zwei Löwenköpfe den Südeingang der Stiftskirche. Warum Löwen? Das liege am Bibelvers "Der Teufel geht umher wie ein Löwe", erklärt Offenhäuser. Früher beherbergte die Kirche zudem einige Reliquien, wie einen angeblichen Splitter vom Kreuz Jesu. "Der Bau der Kirche dauerte von 1433 bis 1503. Denn zwischendrin ist das Geld ausgegangen", merkt er an.

Schloss wurde als Witwensitz erbaut

Lebendige Geschichtsstunde in Öhringen

In der ehemaligen Fleischgasse, die heute die Marktstraße ist, boten die Metzger ihre Waren an. Im alten Rathaus war eine Markthalle.

Fotos: Nadine Nowara

Zahlreiche Fachwerkgebäude machen den Flair der Öhringer Altstadt und Innenstadt aus. Von der Stadtmauer sind noch etwa 70 Prozent erhalten, weiß der Hobbyhistoriker. Das Öhringer Schloss war ursprünglich der Witwensitz der Gräfin Magdalena von Hohenlohe. Es wurde in der Renaissance-Zeit, im 17. Jahrhundert, erbaut. Auch heute noch wird von hier, aber nun demokratisch, die Stadt regiert. Hier befindet sich heute das Rathaus. Das einfache Volk arbeitete einst gleich nebenan. Die Schlachthausgasse lag in der Nähe zur Ohrn. Die ehemalige Fleischgasse, heute Marktstraße, war nicht weit. Hier waren früher die Metzger ansässig. Das alte Rathaus, in dem sich heute die Stadtbücherei befindet, wurde als Markthalle genutzt.

Damals musste man besonders vor dem Feuer Acht geben. "Viele Häuser hatten einen Lehmfußboden, der mit Sägemehl ausgelegt war", gibt Offenhäuser zu bedenken. Die Brückenmühle fiel zweimal den Flammen zum Opfer. Ein anderes Element wütete an der Altstadt-Brücke. Bei einem Hochwasser ertranken dort mehrere Ochsen. Eine Anwohnerin schwamm, so erzählt man sich, schlafend in ihrem Bett direkt auf den reißenden Strom zu, in den sich die Ohrn verwandelt hatte. Sie wurde zum Glück gerettet. In der ehemaligen Altstadt gab es ein Spital für die betagten Bürger. Teile der Altstadtmauer sind noch erhalten. Wenige Meter weiter spielen heute Kinder auf dem Wasserspielplatz.

Besuch vom König

Lebendige Geschichtsstunde in Öhringen

Fritz Offenhäuser kennt sich mit der Öhringer Geschichte bestens aus.

Auch hoher Besuch wurde in Öhringen empfangen: So schaute im 19. Jahrhundert König Karl von Württemberg vorbei. Öhringen war damals schon an das Schienennetz angeschlossen. In dieser Zeit wuchs auch die Stammtischkultur: Einige Lehrer wurden ins Hohenlohische strafversetzt und machten fortan die Nacht in den Gaststätten unsicher.

Nach zwei Stunden Rundgang mit Nachtwächter Offenhäuser klingt der Abend auf dem Ölberg bei der Stiftskirche aus. Dann geht auch schon die Sonne unter.

 

Nächste Führungen
Die 90-minütigen Führungen mit den Nachtwächtern Fritz Offenhäuser und Günter Patzelt finden im Wechsel immer am ersten und zweiten Mittwoch im Monat statt. Die nächste Führung mit Offenhäuser ist am Mittwoch, 8. Juli, mit Patzelt am 5. August. Treffpunkt ist jeweils um 20 Uhr am Rathauseingang, Marktplatz. Teilnahmegebühr fünf Euro pro Person. Es wird um Anmeldung bei der Tourist-Info, Telefon 07941 68-118, oder beim jeweiligen Nachtwächter (Offenhäuser 07941 207387, Patzelt 07942 941888) gebeten.

 

Nadine Nowara

Nadine Nowara

Autorin

Nadine Nowara arbeitet seit Mai 2020 bei der Heilbronner Stimme. Sie kümmert sich bei der Hohenloher Zeitung unter anderem um die Gemeinden Krautheim und Schöntal.

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