Der Herr des leeren Schreibtisches

Öhringen  OB Thilo Michler spricht im Interview über die Überraschung des ersten Tages und die Aufgaben der Zukunft.

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Öhringens OB Thilo Michler mag es aufgeräumt. Im Interview spricht er über Bauch-Entscheidungen und die Ziele der Zukunft.

Foto: Yvonne Tscherwitschke

Ein Jahr seiner Amtszeit durfte OB Thilo Michler (48) von Fest zu Fest eilen, von Einweihung zu Einweihung. Doch längst ist auf dem Öhringer Rathaus der Nach-Laga-Alltag eingekehrt, stehen Zukunftsaufgaben an. Und längst ist nicht mehr alles vergnügungssteuerflichtig.

Herr Michler, können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Thilo Michler: Aber klar, das war der 6. Oktober 2009. Es war ein normaler Oktobertag, ohne Regen. Alle Mitarbeiter haben mich im Treppenhaus begrüßt. Frau Kobald, damals Bauzeichnerin, hat ein schönes Buch mit Fotos aller Kollegen vorbereitet .Das ist bis heute wichtig. Bei 425 Kollegen dient es öfter als hilfreiches Nachschlagwerk. Deshalb liegt es - obwohl ich ein Fan von leeren Schreibtischen bin - seit elf Jahren neben meinem Kalender. Es war es ein spannender Tag, der in Erinnerung bleibt, vor allem die Verpflichtung am Abend in der Kultura.

Es folgten spannende Jahre.

Michler: Ja, gleich im Dezember bekam Öhringen den Zuschlag für die Laga 2016. Und es begannen drei Jahre des Planens und drei Jahre des Bauens und ein halbes Jahr Party. Es lief alles, es waren Zukunftsprojekte, die nachhaltig angelegt waren. Das spüren wir heute. Erst kürzlich haben wir mit dem Fitness-Parcours den letzten Baustein fertig gestellt. Wenn ich sehe, wie die Scheune angenommen wird, die Spielplätze, dann muss ich schon sagen, das hat sich alles gelohnt.

Und was ist in den elf Jahren richtig schief gegangen?

Michler: Ich bin ein positiv denkender Mensch und schaue nach vorne. Natürlich hat es im Jahr der Laga mal richtig gescheppert. Die Mehrarbeit für alle war enorm. Viele Menschen waren eingebunden. Und wo es viele Menschen gibt, gibt es viele Meinungen. Politik ist immer ein Kompromiss.

Die Zeit des Feierns ist vorbei, was sind nun die Themen?

Michler: Ganz klar liegt der Fokus nun auf Bildung, auf Kindergärten und Schulen. Die Sanierung und der Neubau des Hohenlohe-Gymnasiums ist das größte Projekt meiner Amtszeit. Wir warten nur auf das Geld und das Go vom Kultursministerium. Aber auch die gesamte Schullandschaft bis hin zu den Grundschulen ist im Fokus. Wir werden im Juli die Ergebnisse des Städtebaulichen Wettbewerbs für den Limespark vorstellen. Dann geht es mit Grundschule und Sportstätten weiter und wir erstellen die Bebauungspläne.

Öhringen wächst also weiter?

Michler: Wir hatten jetzt die 25 000. Einwohnerin. Vor zehn Jahren waren es noch 22 200. Für 2030 rechnen wir mit 26 500 Einwohnern. Ja, Öhringen wächst weiter. Die Bauplätze für den Limespark sind überzeichnet. Das liegt auch daran, dass viele Kinder der Babyboomer zurückkommen und jetzt selbst wieder Kinder bekommen.

Aber die Menschen, die hier leben, die wollen auch Arbeit.

Michler: Mit Veigel, Tobsteel und Dachser sind uns gute Ansiedlungen gelungen. Wir haben 10 000 Arbeitsplätze. Darauf können wir stolz sein.

Aber der Einzelhandelsstandort Öhringen hat es nicht nur leicht.

Michler: Corona wirbelt alles durcheinander. Ja, Einzelhandel und Büroflächen werden Themen. Wir als Stadt sind dabei, mit dem Handels- und Gewerbeverein das Stadtmarketing neu aufzustellen. Zukunftsfähige Strukturen sind hier wichtig.

Treffen Sie Entscheidungen mit dem Bauch oder dem Kopf?

Michler: Ich bin Bauch-Mensch.

Und wer ist das Regulativ?

Michler: Wir diskutieren in der Amtsleiterrunde, mit den Fraktionsvorsitzenden, dem Gemeinderat. Manchmal erden mich meine Frau und die Kinder. Ich bin sparsam und bescheiden erzogen worden. Das ist auch meine Grundhaltung.

Bei aller Sparsamkeit und Bescheidenheit werden nicht alle Bürger jede Entscheidung gutheißen?

Michler: Ich bin 21 Jahre im Geschäft und weiß, dass es immer 20 Prozent gibt, die mit etwas nicht zufrieden sind. Da muss man sich ein dickes Fell zulegen.

Ihr Tipp für junge Kollegen?

Michler: Immer offen und ehrlich kommunizieren. Das ist wichtig, um gute Entscheidungen im Gemeinderat zu ermöglichen. Und da muss man sagen: Auch wenn etwas mal nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, ist es Demokratie. Und das ist gut so. Aber natürlich, wenn man offen und ehrlich ist, dann ist man auch verletzlich.

Was sind die Themen der Zukunft?

Michler: Ganz klar werden wir uns über die Schulen Gedanken machen, auch zusammen mit dem Landkreis. Wo stehen wir 2030? Was brauchen wir? Mit dem Bahnhofsareal sind wir im Sanierungsgebiet. Und dann entwickeln wir den Gesundheitscampus. Das Krankenhaus wird wohl größter Arbeitgeber.

Wachstum bedeutet mehr Verkehr.

Michler: Ja, das Verkehrskonzept wird wichtiges Thema, keine Frage.

Ihr Lieblingsort?

Michler: Die große Platane.

Und was haben Sie erst vor kurzem in Öhringen kennengelernt?

Michler: Den Buchhof an der Grenze zu Jagsthausen. Sehr idyllisch.

Ihre Vision?

Michler: Ein starkes Öhringen, gern mit funktionierenden Stadtwerken und einer Stadtbau GmbH.

 

Yvonne Tscherwitschke

Yvonne Tscherwitschke

stv. Redaktionsleiterin Hohenloher Zeitung

Yvonne Tscherwitschke ist seit 1994 bei der Heilbronner Stimme. Als gebürtige Hohenloherin weiß sie, welche Geschichten die Hohenloher interessieren.

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