Kleine Kommune mit viel Kapital

Neckarwestheim  Das Atomkraftwerk sorgte über Jahrzehnte für Wachstum und Wohlstand in Neckarwestheim. Gemessen an der Einwohnerzahl kann sich die Infrastruktur sehen lassen.

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Prägen den Ort: Das Kernkraftwerk und Schloss Liebenstein mit Gastronomie, Hotel und 27-Loch-Golfplatz.

Foto: Matthias Bitsch

Klein, aber oho. So ließe sich Neckarwestheim in wenigen Worten beschreiben. Wo sonst gibt es einen 4000-Einwohner-Ort mit einem Finanzpolster von 38 Millionen Euro, einer Bürgerstiftung mit 7,5 Millionen Euro Kapital, einem historischen Schloss und einem 27-Loch-Golfplatz?

Obwohl zwischen Weinbergen und unweit des Neckars gelegen, eilt ihm aber dann doch vor allem sein Ruf als "Atomdorf" weithin voraus. Bundesweit Schlagzeilen machte auch der Skandal um den früheren Bürgermeister Horst Armbrust, der zwischen 1987 und 1995 insgesamt 41 Millionen D-Mark aus der Gemeindekasse verspekulierte und daraufhin seines Amtes enthoben wurde.

Belastung für Generationen

Der Bau des Gemeinschaftskraftwerks (GKN) auf dem Gelände des Steinbruchs des ehemaligen Portland-Zementwerks Lauffen bescherte dem Ort ab den 1970er Jahren Wachstum und Wohlstand und ist bis heute der größte Arbeitgeber. "So konnte man sich die Eigenständigkeit bewahren. Vielleicht wäre Neckarwestheim sonst Teilort von Lauffen geworden", sagt Bürgermeister Jochen Winkler. Regelmäßige Proteste von Atomkraftgegnern waren der Preis. Besonders bei Castor-Transporten oder dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima rückte Neckarwestheim in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch nach der Abschaltung von Block II und dem Abbau der Anlage wird die Zukunft des unterirdischen Zwischenlagers wohl noch Generationen beschäftigen.

Mit inzwischen sieben Photovoltaikanlagen und einem Nahwärmenetz für öffentliche Gebäude versuchen die Bürgerenergiegenossenschaft und die Gemeinde Neckarwestheim mit alternativen Energien Kontrapunkte zu setzen.

Ursprünglich war das Dorf geprägt von Viehzucht, Wein- und Ackerbau. Erstmals urkundlich erwähnt als "Westheim" im Jahr 1123, wurde es um 1500 zu Kaltenwesten. Den Namen Neckarwestheim trägt es erst seit 1884. Der Überlieferung nach wohl eine frühe Form von "Ortsmarketing" des Königs Karl von Württemberg, um den Absatz der örtlichen Wengerter anzukurbeln. Das mediterrane Klima im Sommer bietet an den steil abfallenden Weinbergen hin zum Neckarufer zusammen mit den alten Muschelkalk-Terrassen gute Voraussetzungen für den Weinbau. Ausgewählte Sorten - allen voran der Schwarzriesling - gedeihen am Herrles- oder am Schlossberg. Im Jahr 2011 ging die Neckarwestheimer Weingärtnergenossenschaft in der Felsengartenkellerei Besigheim auf. Direktvermarkter gibt es nur wenige.

 

Fünf Fachärzte und Apotheke unter einem Dach

Dafür ungewöhnlich viele Gasthäuser: acht an der Zahl. Auch sonst kann sich die Infrastruktur, gemessen an der Einwohnerzahl, sehen lassen. Jüngste Errungenschaft ist das Haus für Gesundheit mit fünf Fachärzten und Apotheke mitten im Ort, dessen Bau die Kommune finanziell unterstützt hat. Für die Versorgung mit Lebensmitteln sorgen der Cap-Markt der Aufbaugilde am Marktplatz, der große Hofladen Rieker, der Netto am Ortsrand sowie eine Metzgerei und eine Bäckereifiliale. Volksbank und Kreissparkasse sind mit zwei vollwertigen Filialen vertreten. Ein Geschäft für Babyausstattung und der Laden einer einheimischen Designerin locken Kunden aus der näheren und weiteren Umgebung nach Neckarwestheim.

Kleine Kommune mit viel Kapital

Fünf Fachärzte und eine Apotheke gibt es im Haus für Gesundheit.

Foto: Veigel

Kommunale Bauplätze gibt es keine mehr, in der Pipeline ist das Gebiet Rohr/Hart II mit 3,5 Hektar. Der Einwohnerzuwachs bringt aber auch Pflichten mit sich. Drei Projekte für insgesamt acht Millionen Euro werden noch 2020 begonnen: der Bau eines Kindergartens und einer Kinderkrippe sowie die Erweiterung der Kernzeitbetreuung an der Grundschule.

In ihrer Freizeit engagieren sich viele Neckarwestheimer in den zahlreichen Vereinen. Allzu festlesfreudig scheinen sie aber nicht zu sein: Die größte Veranstaltung, das Marktplatzfest, findet nur alle zwei Jahre statt. Vielleicht liegt es daran, dass sie vom Geld aus der Bürgerstiftung verwöhnt und nicht ganz so sehr auf die Festeinnahmen angewiesen sind. Womit wir wieder bei den Besonderheiten wären: Über die Bürgerstiftung werden die Vereine gefördert. Es gibt Karten für sechs Frei- und sieben Hallenbäder in der Region zum Preis von 20 Euro. Und kostenlose Bäderfahrten gehen einmal in der Woche nach Ludwigsburg ins Heilbad Hoheneck.

Beteiligung am 900-Jahr-Jubiläum 
2023 feiert Neckarwestheim seine erste urkundliche Erwähnung vor 900 Jahren, damals noch unter dem Namen Westheim. Das Festprogramm wird von der Kommune organisiert. Der Geschichtskreis hat vor, sich mit Führungen und Ausstellungen am Ortsjubiläum zu beteiligen. Doris Fezer und Brigitte Popper können sich beispielsweise eine Ausstellung unter dem Motto "Erinnerungsstücke" vorstellen. Alte, für Neckarwestheimer persönlich wertvolle Gegenstände, "sollen als Leitfaden dienen, Ortsgeschichte zu erzählen", so Archivarin Popper. Diese könnten sowohl virtuell auf der Homepage der Gemeinde als auch real in einem Raum präsentiert werden.


Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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