Junges Tennis-Talent aus Möckmühl mit schlechtem Gewissen

Tennis  Die Corona-Krise gefährdet das Geschäftsmodell von Antonia Schmidt aus Möckmühl: Wegen der ständigen Kosten hat die Tennisspielerin ihren Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen. Zumal die Einnahmen in diesen Zeiten spärlich sind.

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Kraftvoll bei den deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften Anfang Dezember in Essen: Antonia Schmidt holt in der Klasse U18 den Titel im Doppel.

Foto: privat

Und so ist Antonia Schmidt mit Sack und Pack wieder bei ihren Eltern in Möckmühl eingezogen. Irgendwie ist alles wie immer, wie vor dem Abitur vergangenes Jahr. Und doch ist alles anders. "Ich weiß das erste Mal in meinem Leben nicht, worauf ich trainieren soll", sagt die 18-Jährige, die im August nach Offenbach zog, um Tennisprofi zu werden. Doch die Tennis-University des ehemaligen Davis-Cup-Spielers Alexander Waske hat, natürlich, wegen der Corona-Pandemie vorübergehend dicht gemacht. Und alle Turniere fallen bis 7. Juni aus. Mindestens.

Antonia Schmidt war schon immer mehr als andere auf Ziele getriggert: Schule, Tennis, Training, Turniere, Spiel, Satz und Sieg. "Es war meinen Eltern sehr wichtig, dass ich Abitur mache", hat das Talent Anfang Dezember gesagt, kurz nach dem sie mit Angelina Wirges (DTV Hannover) bei den deutschen Jugend-Meisterschaften mit dem Sieg im Doppel der Altersklasse U 18 ihren größten Erfolg gefeiert hat.

Abitur auf einem ganz normalen Gymnasium

Ihr Abi-Schnitt: 2,9. Fast entschuldigend schiebt Antonia Schmidt nach: "Ich war auf dem Jagsttal-Gymnasium in Möckmühl. Das ist keine Sportschule, alles ganz normal, sehr anspruchsvoll." Dazu die ständige Fahrerei an den Stützpunkt des Württembergischen Tennis-Bundes nach Stuttgart-Stammheim. Dann der Wechsel nach Offenbach. Jetzt die maximale Entschleunigung. "Die ganze Situation gerade macht mich sehr nachdenklich", sagt Antonia Schmidt. "Ich habe meinen Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen wegen der ständigen Kosten." Und der nur sehr spärlichen Einnahmen.

Die Tennis-University mit ihren zwölf Tennis-, drei Fitnesstrainern und vier weiteren Angestellten kostet Geld, eine vierstellige Summe im Monat - plus Reisekosten. Nein, das Geschäftsmodell sei mit dem Ausbruch der Corona-Krise nicht eingestürzt. "Ich habe unheimlich viel Rückhalt von meinen Eltern", sagt die jahrelange Spielerin des TC Lauffen. "Aber es kommt darauf an, wie lange das jetzt alles geht."

Der erste Weltcup-Punkt gibt ihr Auftrieb

Antonia Schmidt hat einen Trainingsplan und "das Büro von Mama als Fitnessraum eingerichtet". Dort trainiert sie, macht zudem Intervallläufe. Ihre drei Brüder leisten ihr mehr oder weniger Gesellschaft.

Die Rechtshänderin weiß nicht, worauf sie trainieren soll, aber sie ist nicht ziellos. Dass sie Mitte Februar beim ITF-Turnier in Antalya ihren ersten Weltranglistenpunkt geholt hat, gibt ihr Auftrieb.

Antonia Schmidt ist weiter als andere mit ihren 18 Jahren. Sie hat sich auf das Telefonat vorbereitet wie auf ein Match. Sie lernt Selbstständigkeit, wäscht, kocht, putzt. So wünscht sich das Alexander Waske, der vor drei Jahren während eines Herren-40-Spiels beim TC Heilbronn sagte: "Das Abitur ist bei uns obligatorisch. Wir wollen der Ort sein, wo Spieler eine unglaublich gute Ausbildung bekommen, und eine maximale Anzahl von Spielern in die Top 100 bringen." Denn da wird es finanziell richtig interessant.

Ist da noch Luft für ein Fernstudium?

Antonia Schmidts Trainingstag in der Tennis-University beginnt mit der ersten Einheit um 7.30 Uhr und endet spätestens um 16 Uhr. Da ist also noch Luft. Für ein Fernstudium? "Das steht im Raum, ja", sagt das Talent. "Aber ich weiß noch nicht, in welche Richtung es gehen soll." Zeit zum Überlegen hat Antonia Schmidt jetzt ja.

Wann sie wieder vom Elternhaus zurück in ihre Tennis-WG ziehen kann? Niemand weiß es. Von ihrer Mitbewohnerin aus der Schweiz habe sie sich mit den Worten verabschiedet: "Bis bald, bleib gesund."

Eine gute Adresse

Alexander Waske hat in seiner Tennis-University auf der Rosenhöhe in Offenbach Angelique Kerber und Andrea Petkovic in die Top Zehn der Weltrangliste geführt. Für Kinder und Jugendliche ist es Pflicht, täglich zwei Artikel auf der Titelseite der "FAZ" zu lesen und darüber beim Essen zu diskutieren. Nicht alle der betreuten Spielerinnen und Spieler schaffen es ganz nach oben. Der "FAZ" hat der ehemals 16. der Doppel-Weltrangliste, der am Dienstag 45 wird, kürzlich stolz von anderen großen Karrieren berichtet: Zwei Jungs seien mit einem Start-up-Unternehmen mit einem elektronischen Netzpfosten für Tennisplätze erfolgreich, andere seien bei der Nasa Raketenwissenschaftler oder Unternehmensberater. 

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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