Zinsfreiheit für die Zigeuner

Massenbachhausen  Der 30-jähriger Krieg beschert Massenbachhausen Not, Elend und einen Spitznamen, der die Jahrhunderte überdauert.

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Not und Elend brachte der 30-jährige Krieg auch über das Leintal. In der Zeit von 1618 bis 1648 waren es Kaiser und Fürsten, die erbittert gegen die religiösen Parteien kämpften, die aus Katholiken und Protestanten bestanden.

Es war der 17. April 1622, als der kaiserliche Feldherr Generalfeldmarschall Tilly den vereinten Truppen von Mansfeld und Markgraf Georg Friedrich von Baden Durlach unterlag. Tilly und seine Mannen zogen sich in aller Eile durch das nördliche Leintal nach Wimpfen zurück. Die Sieger wählten ihren Weg über Schwaigern, wo der Markgraf sein Hauptquartier aufschlug - mit 20.000 Mann, 20 Geschützen sowie 1800 Rüstzeug- und Gepäckwagen. Seine Leute konfiszierten Lebensmittel, Pferde und weiteres Vieh von der Bevölkerung, die zudem noch Soldaten aufnehmen musste.

Schlacht um Wimpfen

Am 6. Mai 1622 folgte die nächste große Schlacht zwischen Wimpfen und Obereisesheim mit rund 400 bis 5000 Toten auf jeder Seite. Aus ihr ging diesmal Tilly als Sieger hervor. Im Nachgang zogen dessen Landsknechte marodierend durchs Land, brandschatzten, vergewaltigten und mordeten.

In dieser Zeit entstand auch die Sage vom Grausental: An der Markungsgrenze von Massenbach und Massenbachhausen zieht sich ein liebliches Tal von der Straße gegen den Wald derer von Neipperg. Dort sollen sich - bevor es zum Grausental wurde - die ersten Häuser von "Hausen bei Massenbach" befunden haben.

Sage vom Grausental

Nach der großen Schlacht von 1622 machten sich durchziehende Soldaten dort auf die Suche nach verborgenen Schätzen. Mit den Bewohnern gingen sie dabei alles andere als zimperlich um. Vor der Gewalt flüchtete die Bevölkerung Massenbachhausens in die benachbarten Wälder, wo die Menschen unter erbärmlichen Bedingungen in Erdlöchern hausten - mit ihrem übriggebliebenen Vieh. So wurde das Land entvölkert, die Felder blieben unbestellt - und alles, was man zum täglichen Leben brauchte, wurde teurer.

Die Folge waren Hungersnöte, es wüteten Krankheiten wie Ruhr und Pest. Schließlich suchten sich die Vertriebenen einen anderen Platz. Sie siedelten sich im damals noch mit Wald bestandenen Quellgebiet an, dort, wo heute Massenbachhausen steht. Doch auch diese neugegründete Siedlung wurde verwüstet. Das letzte Mal im 30-jährigen Krieg geschah dies 1648 - kurz vor dessen Ende, als erneut die Franzosen mit ihrem großen Heer in die Gegend kamen.

Die bayerische Armee, die bis dato für relative Ruhe gesorgt hatte, zog sich zurück und überließ den Franzosen den Landstrich zum zweiten Mal. Es kam zur letzten großen Schlacht im Neckartal, welche die mit Schweden vereinigte französische Armee für sich entschied. Auf ihrem Vormarsch hatte sie nicht nur die am Neckar und die auf ihrem Weg gelegenen Orte überfallen, sondern auch viele Gemeinden in der Umgebung verwüstet und eingeäschert.

Plündernd und mordend stürzten sie die Bevölkerung erneut in tiefe Not. Viele Alt-Hausener suchten deshalb Schutz innerhalb der Stadtmauern von Schwaigern und Heilbronn. Vor den Soldateska waren sie dort sicher, nicht aber vor der Pest, welche die Bevölkerung zusätzlich dezimierte.

Im Namen des Glaubens

Dazu kam in Massenbachhausen noch ein Herrschaftswechsel: Während dort vor dem 30-jährigen Krieg ausschließlich Protestanten gelebt hatten, kam der Ort 1650 in den Besitz der katholischen Adelsfamilie Echter von Mespelbronn. Die neuen Herren vertrieben im Namen ihres Glaubens die Evangelischen und siedelten dafür Katholiken an - vorwiegend Söldner und Soldaten aus aller Herren Länder, denen man für ihren Zuzug Zinsfreiheit versprach.

Zinsfreiheit für die Zigeuner

Massenbachhausener sind Zigeuner: Der Spitzname stand auch Pate für eine Brauchtumsgruppe des Carnevalclubs, die 1973 ins Leben gerufen wurde.

Foto: Archiv/Muth

So wollte die Herrschaft dafür sorgen, dass aus der verwilderten Bevölkerung wieder tüchtige und anständige Menschen wurden. Für ihre Nachbarn waren sie aber weit davon entfernt. Die Neu-Massenbachhausener blieben ihnen für lange Zeit suspekt. Für sie waren die Zugezogenen nichts weiter als Zigeuner.

Ein Spitzname, der die Jahrhunderte überdauerte und der 1973 schließlich auch Pate stand für eine neue Abteilung des Carnevalclubs: die Masken- und Brauchtumsgruppe Zigeuner, die den Uznamen der Ortschaft bis heute lebendig hält.

 

Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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