Besen- und Bürstenbinder: Ein altes Handwerk bleibt lebendig

Massenbachhausen  Staubwedel aus der kleinen Werkstatt von Roland Lehner fegen durch die Republik und bis nach Paris. Im Rahmen der Serie 50 Wochen, 50 Orte gewährt er Einblick in seine Arbeit.

Von Gabi Muth
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Roland Lehner fertigt in seiner kleinen Werkstatt Besen und Bürsten und verkauft sie auf zahlreichen Märkten. Er ist einer der wenigen in Deutschland, die dieses Handwerk noch beherrschen.

Foto: Gabi Muth

Man kommt ins Staunen, wenn man einen Blick in die kleine Werkstatt von Roland Lehner am Massenbachhausener Backhausplatz wirft. Hier ist noch Handarbeit angesagt.

Denn der 76-Jährige ist einer der wenigen im Ländle, die das Bürsten- und Besenbinden von der Pieke auf gelernt haben und es bis heute aus dem Effeff beherrschen.

Mit seiner Ware ist er auf den Märkten in der ganzen Republik unterwegs. Aufgrund des Coronavirus wurden diese für die nächsten Wochen allesamt abgesagt - für Roland Lehner bedeuten das schmerzliche finanzielle Einbußen.

Wie aus einer Platte mit Löchern eine Staubbürste wird

Flink steckt Roland Lehner den bruch- und rostsicheren Stahldraht durch die zylinderförmigen Löcher des Rohlings aus Buchenholz. Was zunächst wie eine mit Löchern durchbohrte Platte aussieht, wird später eine Staubbürste sein. Auf der kleinen Werkbank vor ihm steht der so genannte Portionierer. Darin liegt kuschelweiches elfenbeinfarbenes Ziegenhaar, das von der Maschine in entsprechend dicke Büschel geteilt wird. Roland Lehner wickelt den Draht gekonnt um jedes Büschel und zieht ihn mit einem Ruck fest. Sind alle Löcher mit Ziegenhaarbüscheln bestückt, werden sie mit der Bankschere noch auf die gleiche Länge geschnitten. Nach einer halben Stunde Arbeit ist die Staubbürste fertig.

Eine Familie der Bürsten- und Besenbinder

Das Handwerk des Bürsten- und Besenbindens hat Roland Lehner von seinem Vater Karl gelernt. Schon als kleiner Junge half er in der Werkstatt mit, im Alter von sieben Jahren begann er selbst mit dem Binden. "Freizeit hat es bei uns fast keine gegeben", erzählt Lehner. Die sechs Kinder mussten zu Hause mit anpacken.

"Damals gab es noch viele Bürstenmacher, die Konkurrenz war groß", erzählt Lehner. Deshalb arbeitete er hauptberuflich 40 Jahre lang in der Schaltwarte der Südmilch-AG und später bei der übernehmenden Campina. In seiner kleinen Werkstatt saß er nach Feierabend. Die Zahl derer, die dieses Handwerk ausübten, wurde im Laufe der Jahre immer weniger - die Chance für Roland Lehner, ein florierendes Geschäft aufzubauen. Seit 1998 ist er selbständig, hat vom Ministerium die Genehmigung für seinen Betrieb bekommen und ist in die Handwerksrolle eingetragen.

Zusammen mit seiner Frau Resi, die ihn tatkräftig unterstützt, sitzt er nun tagtäglich in seiner Werkstatt und bindet dort Staub- und Kleiderbürsten, Handfeger, Backpinsel, Flaschenputzer, Badebürsten oder Straßenbesen. Roland Lehner legt besonders großen Wert auf die Qualität seiner Ware, deshalb halten seine Produkte auch deutlich länger als Fabrikware. "Das weiche Ziegenhaar stammt von asiatischen langhaarigen Bergziegen aus Tibet" erzählt er. Das kräftige Rosshaar und die Naturfaser Fibre kommen aus Mexiko.

Mit dem voll beladenen VW-Bus zogen Roland und Resi Lehner bis kurz vor der Corona-Krise von Markt zu Markt. Von Bühlertann über Donauwörth, Blaufelden und den Tegernsee bis nach Passau und Pfronten. "Der schönste Markt ist der Weihnachtsmarkt der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in Regensburg", sagt Lehner. "Dort sind wir immer vom 18. November bis Heiligabend."

Selbst für das Louvre in Paris wurde sein Ware geordert. Und wer weiß: Vielleicht huscht ein in Massenbachhausen hergestellter Staubpinsel aus butterweichem Ziegenhaar über das anmutige Gesicht der Mona Lisa. Roland Lehner schmunzelt: "Deshalb lächelt sie vermutlich auch so."

Auswirkungen der Corona-Krise

Roland Lehner wurde im November 1943 in Massenbachhausen geboren. Zusammen mit seiner Frau Resi hat er vier Kinder, die alle das Handwerk des Bürsten- und Besenbinders beherrschen. Nachdem aufgrund des Coronavirus sämtliche Märkte abgesagt wurden, entstehen auch Roland Lehner finanzielle Einbußen. Denn seine Rohware, die er von einem Händler in Hamburg in großen Einheiten abnehmen muss, will im Vorfeld bezahlt sein.

 

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