Löwensteiner Spitznamen zeugen von Armut und harter Arbeit

Löwenstein  Reich war Löwenstein nie. Seine Bewohner lebten vom Weinbau und der Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht hingegen konnten sie aufgrund der geografischen Lage der Stadt kaum betreiben. Diese Verhältnisse brachten ihnen ihre Spitznamen ein.

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Die Geißburger aus der Bockstadt tragen ihren Uznamen mit Stolz: So ist beim alljährlichen Bockrennen oft ein tierisches Maskottchen mit dabei. Foto: Archiv/Pfäffle

Wie viele Orte der Region, war auch Löwenstein stark vom 30-jährigen Krieg gebeutelt – mit Truppendurchzügen, Plünderungen und Seuchen. Besonders im September 1634 nach der Schlacht von Nördlingen, als die unterlegen Truppen Löwenstein durchströmten, litten die Einwohner große Not. Im Folgejahr starben allein 314 Personen an der Pest, was zur Folge hatte, dass viele Güter über Jahre brach lagen. Die Kriegslasten, die man Löwenstein aufbürdete, verschlimmerten die Armut.

So versuchte man im 18. Jahrhundert das Teusserbad mit seiner Bittersalzquelle wieder zu beleben, den Weinbau zu verbessern, Krämer anzusiedeln, die Straße von Heilbronn nach Hall auszubauen und einen Viehmarkt zu etablieren. Doch es sollte noch bis zu Beginn des frühen 19. Jahrhunderts dauern, bis sich die Lebensverhältnisse verbesserten. Genau diese Verhältnisse sind es, die wohl auch beim Spitznamen Pate standen, den man den Löwensteinern zugedacht hat.

Über die Entstehung der Geißburger lässt sich nur mutmaßen: Die Stadt bestand lange Zeit aus einer armen bäuerlichen Bevölkerung. Alles, was sich halbwegs gut bewirtschaften ließ, waren die hoch über dem Ort gelegenen Weinberge. Armut und Platznot waren dafür verantwortlich, dass sich die Löwensteiner weder Kühe noch Ochsen leisten konnten. Um über die Runden zu kommen und sich durchzuschlagen, haben sich die Menschen Geißen gehalten. Doch eines hatten sie sehr wohl, mit dem sie aufwarten konnten: ihre Burg. Und so wurden sie dank ihrer Nachbarn zu Geißburgern oder Geißböcken, der Ort selbst zu Bockstadt.

Sage über Flammen bei einer Grafen-Trauung

Und auch in den Stadtteilen gibt es noch Spitznamen. So heißen die Bewohner von Hößlinsülz Stibbich oder Stiwich. Und das, so will es die mündliche Überlieferung, komme einzig und allein daher, dass die zu früherer Zeit sehr klein gewesen seien. In Hirrweiler waren wohl Narren daheim, die Reissacher heißen Kirschewusele und die Rittelhofer werden als Wuohler oder Ochsen bezeichnet.

Ein halbes Jahrtausend ist es her, als am 15. Januar des Jahres 1512 der 19-jährige Graf Wolfgang von Löwenstein und die 13-jährige Elisabeth, Tochter des Grafen von Hohenlohe, vor den Traualtar traten. Während des Festes brach – vermutlich ausgelöst durch die vielen Hochzeitsfackeln – in der Burg Löwenstein ein Feuer aus. Der Graf trug zuerst seine junge Angetraute ins Freie, half dann bei den Löscharbeiten und wurde schließlich durch vom Turm herabfallendes Gebälk erschlagen. Die Burg wurde zerstört – und nie wieder aufgebaut. Elisabeth aber konnte sich – so die Sage – nie von ihr lösen. Und nach ihrem Tod wollen viele Löwensteiner die trauernde Frau immer wieder an den Mauerresten des Bergfrieds auf weißen Nebelschwaden haben schweben sehen.

Tragisches Ende einer doppelten Verliebtheit

Ebenso tragisch ist die Legende von Jäger Gilg. Einem jungen, beliebten und gut aussehenden Burschen, der sich in gleich zwei Mädchen verliebt hatte: die schwarzhaarige, gesellige Käthe, und die blonde, zurückhaltende Liese. Jahrelang konnte sich Gilg nicht entscheiden, welche der beiden nun sein Eheweib werden sollte – und jede der Frauen gab der anderen die Schuld.

Als Käthe eines Tages im Wald Gras holen wollte und dafür ihr Mieder ablegte, begegnete ihr Liese, die ihre Arbeit bereits beendet hatte. Ein Wort gab das andere – bis die Käthe im Streit ihrer Widersacherin schließlich mit der Sichel über den Kopf schlug und dabei die Schlagader durchschnitt. Käthe floh, ein Holzhauer fand Liese und brachte die Tote mitsamt Käthes Mieder und Sichel in den Ort. Noch in der Nacht wurde Käthe verhaftet, am nächsten Tag zum Tode verurteilt und kurz darauf enthauptet. Jäger Gilg verlor seine Lebenslust, zog als Knecht mit Graf Albrecht von Löwenstein in die Schlacht und fiel im August 1388 bei Dörflingen. Im Löwensteiner Wald erinnert noch heute das steinerne Kreuz an den Mord.

Wer sich für noch mehr solcher Geschichten interessiert: Die bietet Naturparkführerin Sabine Rücker bei ihren Rundgängen in Hülle und Fülle. Und während der Sommerferien gibt es auf der Burg Löwenstein immer sonntags von 11 bis 17 Uhr die Burg-Rallye "Tierischer Burgspaß" – zu finden auf der Homepage der Stadt Löwenstein.

 

Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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