Zukunftsorientierte Menschen in Großgartach und Schluchtern

Leingarten  1970 wurde aus Schluchtern und Großgartach die Gemeinde Leingarten. Hermann Eppler war ab dem Zusammenschluss 32 Jahre lang ihr Bürgermeister. Bei aller Verschiedenheit einte der Blick nach vorne beide Ortsteile.

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Ortsschildertausch 1970 und 2020: Die Zeitzeugen Erich Landesvatter mit dem alten Hufeisen von damals und leicht verdeckt Klaus Werner, waren bei beiden dabei.

Fotos: Archiv/ Berger/Staudinger

Im Jahr 1970 wurde aus den bis dato selbstständigen Nachbardörfern Großgartach und Schluchtern die Gemeinde Leingarten. "Die Bürger wollten etwas Neues, Gemeinsames, Unvoreingenommenes", blickt Hermann Eppler zurück, der dort just im Jahr des Zusammenschlusses sein Amt als erster Bürgermeister von Leingarten antrat. "Meine Aufgabe war klar: Die neue Gemeinde erfolgreich weiterzuentwickeln."

Die Idee kam 1968 auf

Schon 1968 hatte der damalige Großgartacher Schultes Heinrich Hägele "den spontanen Gedanken eines Zusammenschlusses", schreibt Ludwig Lidl im Heimatbuch, das zwölf Jahre nach der Fusion erschienen ist. Der Verwirklichung hätten sich noch viele Hindernisse entgegengestellt, "fürchteten doch gerade die Schluchterner eine Majorisierung durch Großgartach", so der Autor. Immerhin hatte Großgartach damals 5400, Schluchtern nur 1900 Einwohner. In getrennten Beratungen in den Gemeinderäten fanden sich im April 1969 aber klare Mehrheiten. Am 19. August sollten dann die Bürger angehört werden.

Zukunftsorientierte Menschen hier wie da
Der Ortsschildertausch 2020.

"Während man in Großgartach der Entscheidung in Ruhe entgegensah, führten die gegensätzlichen Meinungen in Schluchtern zu recht hitzigen Auseinandersetzungen." Bei einer Wahlbeteiligung von 86,7 Prozent gab es in Schluchtern schließlich 616 Ja- und 371 Nein-Stimmen. In Großgartach gingen nur 65,7 Prozent zur Abstimmung mit einem Ergebnis von 1525 zu 340 Stimmen für den Zusammenschluss. In einer gemeinsamen Ratssitzung erhielt die neue Gemeinde ihren Namen: Leingarten.

Hermann Eppler hatte die überall aufbrandenden Diskussionen um die Gemeindereform in Baden-Württemberg als Sachbearbeiter für Baurecht und Sozialwesen beim Städtetag hautnah miterlebt. Er habe es als sinnvoll angesehen, "größere Planungseinheiten zu schaffen, die über den Kirchturm hinausgehen".

Zwei unterschiedliche Strukturen

Schon vor der Vereinigung gingen die Wohngebiete von Schluchtern und Großgartach fast nahtlos ineinander über. "Es waren Straßendörfer. Da wusste man nicht genau, wo die Grenze ist", erinnert sich Hermann Eppler. "Aber es waren auch zwei Gemeinden mit sehr unterschiedlicher Struktur aufgrund ihrer historischen Vergangenheit." Schluchtern katholisch und badische Exklave. Großgartach evangelisch und württembergisch.

Zukunftsorientierte Menschen hier wie da

Alt-Bürgermeister und Ehrenbürger Hermann Eppler.

Foto: Claudia Kostner

Doch etwas Entscheidendes hatten sie in Epplers Augen gemeinsam: "Es waren aufgeschlossene, zukunftsorientierte und freundliche Menschen auf beiden Seiten. Man hat die Mehrheitsentscheidung akzeptiert." Natürlich habe es weiterhin Frotzeleien gegeben. "Aber nie böse gemeint."

32 Jahre lang hat der heute 83-Jährige die Geschicke von Leingarten geführt. Bei Spaziergängen durch die Gemeinde oder auf dem Sportplatz immer nah an den Bürgern. "Zu Beginn hat es überall gefehlt", blickt Eppler zurück. Weitere Kindergärten mussten gebaut werden, das Thema Schule war unbefriedigend gelöst, es gab teilweise noch unbefestigte Gehwege. Groß war das Abwasserproblem: "Da sind im Winter die Spätzleswässer aus der Metzgerei an der Kandel festgefroren", erzählt er schmunzelnd.

Viele Aufgaben angepackt

Zwei Feuerwehren galt es zusammenzuführen. Ein Gewerbegebiet mit Anschluss an die Bundesstraße wurde erschlossen, um Betrieben, die in den Ortskernen angesiedelt waren, eine Perspektive zu bieten. Durch die Gründung des Hochwasserschutzverbands sind die Zeiten, in denen die Talaue überflutet wurde, vorbei.

Zukunftsweisend war die Elektrifizierung der Stadtbahnstrecke. "Es gab davor Überlegungen, die Trasse abzureißen und stattdessen eine Straße nach Heilbronn zu bauen", sagt der Eisenbahnfan kopfschüttelnd. Schon gewählt, aber noch vor seiner offiziellen Einsetzung, musste sich Eppler mit einem heißen Thema befassen: Die geplante Neckar-Alb-Autobahn, die direkt unter dem Heuchelberg vorbeigeführt hätte. "Zum Glück wurde der Plan aufgegeben." "Der Gemeinderat hat dann gleich einen neuen Flächennutzungsplan aufgestellt, in dem dieser Bereich als Wohnbaugebiet ausgewiesen wurde."

Seit 18 Jahren ist Eppler im Ruhestand. Die Entwicklung des Ortes liegt ihm weiter am Herzen. Dass diesem 2020 die Stadtrechte verliehen wurden, hat den Ehrenbürger gefreut: "Das ist eine Anerkennung für die Bürgerschaft."

 

Zur Person
Hermann Eppler (83) ist in Dornstetten im Schwarzwald geboren und dort als ältester von vier Brüdern aufgewachsen. Schon als junger Mann war er im zweiten Teil seiner Ausbildung 1956/57 Gehilfe im Großgartacher Rathaus. Aber erst 1970 führte ihn seine berufliche Laufbahn dorthin zurück: als Bürgermeister der neu entstandenen Gemeinde Leingarten. Dreimal wurde Eppler wieder gewählt, bevor er 2002 in den Ruhestand ging und bei seinem Abschied zum Ehrenbürger ernannt wurde. Der zweifache Vater und dreifache Großvater lebt mit seiner Frau Elfriede in Großgartach. "Aber bis zur Markungsgrenze nach Schluchtern sind es nur 50 Meter", so Eppler. 


Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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