Käsreiter und Brocke: Die Uznamen der Leingartener

Leingarten  Nur die Bewohner der beiden ehemals selbstständigen Leingartener Ortschaften Schluchtern und Großgartach haben einen Uznamen verpasst bekommen. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein hörten die Großgartacher ihren Namen überhaupt nicht gern.

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Erst in den 50er Jahren besann sich der Heimatverein Großgartach auf das historische Ereignis. Seitdem gibt es ihn wieder, den Käsritt.

Foto: Archiv/Eisenmenger

Es wächst zusammen, was nicht zusammengehört: Beispielsweise das württembergische Großgartach und badische Schluchtern, zwei Orte, die seit der Gebietsreform im Jahr 1970 zusammen die neue Gemeinde Leingarten bilden. So erfolgreich übrigens, dass ihr in diesem Jahr die Stadtrechte verliehen wurden. Genau aus diesem Grund gibt es auch keinen Spitznamen für die neue Stadt und deren Bewohner, doch hier sind die Leingartener zuversichtlich. "Was nicht ist, kann ja noch werden", heißt es im Rathaus. Bis dahin müssen sie sich mit denen für die beiden ehemals selbstständigen Ortschaften zufriedengeben.

Die Käsreiter sind auf eine historische Begebenheit zurückzuführen. Bis zum 16. Jahrhundert hatten die Bewohner von Großgartach ein verbrieftes Weiderecht auf dem nahe Frankenbach gelegenen Hipfelhof. 1534 sollte dieses Recht nach Streitigkeiten über Flurschäden abgelöst werden – allerdings musste man den Großgartachern Bauern als Ausgleich eine Entschädigung zugestehen.

Jeweils am Pfingstmontag – so lautete der Vertrag – durften die sich auf dem Hipfelhof zwei Käslaibe abholen. Diese Naturalien wurden von jungen Reitern in Empfang genommen und zu Pferd nach Großgartach gebracht, wo man den Einzug mit einem großen Fest feierte – und zwar bis zum Jahr 1835. Durch Kriege geriet diese Tradition dann in Vergessenheit.

 

Erst spät mit dem Uznamen angefreundet

Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein hörten die Großgartacher ihren Spitznamen Käsreiter überhaupt nicht gern. Erst mit der Wiedereinführung des traditionellen Käsritts, der in der Regel alle drei Jahre vom Heimatverein durchgeführt wird, haben sich die Großgartacher mit ihrem Uznamen angefreundet. Von der Veranstaltung versprachen sich die Wengerter einen besseren Absatz ihres Weines.

Nur wenig bekannt ist, dass die Großgartacher noch mit einem zweiten Spitznamen neueren Datums bedacht wurden: Thermometer. Dieser Titulierung liegt eine Geschichte in mehreren Versionen zugrunde, an deren Wahrheitsgehalt sich die Geister scheiden.

Demnach soll eine Großgartacherin eines Tages nach Heilbronn gekommen sein, um dort einen Thermometer zu erstehen. Als der Optiker die Dame fragte "nach Celsius oder nach Réaumur", antwortete die Kunden wie aus der Pistole geschossen: "Nei, nach Großgartich".

Herkunft des Schluchterner Spitznamens unklar

Wie die Schluchterner zur ihren Brocke gekommen sind, darüber kann nur noch wild spekuliert werden. Aufzeichnungen über die Entstehung des Uznamens gibt es keine mehr – dafür stehen aber zwei Deutungsversuche im Raum, die sich bis heute gehalten haben.

Von älteren Schluchternern stammt die Version, dass der Brocke von einem Gericht, einem Essen herrühre, das typisch für den Ort gewesen sei und aus vielen Brocken bestanden haben soll. Da sich diese Mahlzeit offensichtlich nicht halten konnte, heute keiner mehr weiß, woraus diese Speise bestanden haben soll, erscheint diese Version relativ unwahrscheinlich.

Die zweite Geschichte ist die, die von den Schluchternern selbst bevorzugt erzählt wird. Demnach gehörte der Ort ursprünglich zum Großherzogtum Baden. So mussten die jungen Burschen aus der Gemeinde auch beim badischen Militär dienen. Dort gab es das Leibregiment des Großherzogs 109.

Wer in dieses Karlsruher Regiment eintreten wollte, musste von kräftiger Statur und mindestens 178 Zentimeter groß sein. Dan nun die meisten Großgartacher Burschen in dieser militärischen Einheit zu finden waren, hatten sie ihren Spitznamen weg: Schluchterner Brocke.

 

Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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