"Wir dürfen nicht in Lethargie verfallen"

Künzelsau  Stefan Neumann nimmt den Kreis beim Landratsamt und beim Medizinischen Versorgungszentrum in die Pflicht. Außerdem erzählt der Künzelsauer Bürgermeister im Stimme- Interview, wie er mit der Corona-Krise umgeht und warum er in Problemen nur Herausforderungen sieht.

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Bürgermeister Stefan Neumann bleibt trotz Corona und einiger politischer Turbulenzen wie der Krankenhaus-Schließung ein Optimist.

Foto: Andreas Veigel

Finanzkrise, Gewerbesteuerrückzahlung, Unwetter, Krankenhaus - Künzelsau hatte in den vergangenen Jahren mit herben Rückschlägen zu kämpfen. Sorgen bereitet auch das Hin und Her um das Medizinische Versorgungszentrum und die Unsicherheit beim Neubau des Landratsamts. Doch Bürgermeister Stefan Neumann ist optimistisch.

 

Wie fühlt man sich als Vater dreier Kinder, Bürgermeister einer Kreisstadt mitten in der Corona-Krise und mit Bergen kommunaler Probleme?

Stefan Neumann: In der Anfangsphase der Corona-Krise haben wir einen Krisenstab eingerichtet, der täglich getagt hat. Jetzt tagen wir bedarfsgerecht, um die Vorgaben pragmatisch vor Ort umzusetzen. Ich persönlich bin auch eher ruhig vom Temperament her und relativ entspannt, weil wir sehen, dass die Maßnahmen greifen. Als Familienvater macht man auch manches mit. Ich sehe aber nicht nur den Berg von Problemen, sondern eher Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben. Wir dürfen nicht in Lethargie verfallen und sagen, wie schlimm jetzt alles ist, sondern müssen das Beste daraus machen.

Wie dramatisch trifft die Krise die Stadt Künzelsau?

Neumann: In den Programmen, die der Bund auflegt, steht, dass krisenbedingte Ausfälle von Gewerbesteuern im Jahr 2020 kompensiert werden sollen. Allerdings glaube ich auch nicht, dass alle Ausfälle eins zu eins ersetzt werden. Deshalb fahren wir auf Sicht und haben eine Haushaltsperre verhängt. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir wollen parallel dazu strategisch schauen, wo will und kann Künzelsau hin. Die Ziele müssen wir aber auch packen können - von der Manpower und von den Finanzen her. Deshalb müssen wir die Richtung jetzt intensiv diskutieren.

 

Nachbarstädte haben Einkaufszentren und neue Wohnbaugebiete geschaffen. Kritiker haben das Gefühl, Künzelsau hat Entwicklungen verschlafen. Wie sagen Sie denen?

Neumann: Wir hatten zusätzlich auch mit anderen Herausforderungen zu kämpfen, wie die Gewerbesteuerrückzahlungen, die dafür sorgten, dass wir nicht immer liquide Mittel hatten. Innenstadtentwicklung ist langwierig, da braucht man Geduld und Nerven. Wir sind konsequent auf die Innenstadt und nicht auf die Grüne Wiese ausgerichtet. Und wir haben das Veigel-Areal mit 34 Wohnungen entwickelt, wir haben die einmalige Chance, das Mustang-Areal komplett neu zu gestalten, mit einem großen Edeka-Markt, einem Fachmarkt und attraktiven Wohnungen. Aber wir hätten Mustang natürlich auch gerne in der Stadt behalten und bedauern den Standortwechsel. Beim Quartier an der Stadtmauer hatten wir einige Rückschläge. Jetzt haben wir den Investor, das Gelände ist verkauft, die Baugenehmigung da, so dass es Anfang des dritten Quartals tatsächlich losgehen soll.

 

Worauf setzen Sie beim Weg aus der Krise?

Neumann: Wir haben als starker Wirtschaftsstandort mit großen Gewerbesteuereinnahmen immer wieder Krisen gehabt und dennoch in den vergangenen zehn Jahren kräftig investiert. Und wir haben gleichzeitig 50 Millionen Euro Rücklagen gebildet für Gewerbesteuerrisiken. Es gab Zeiten, da durften wir Baugebiete nur erschließen, wenn wir bereits 40 Prozent der Grundstücke verkauft hatten, erfreulicherweise sind wir darüber hinweg. Und jetzt müssen wir schon wieder die Folgeplanungen für die kommenden Baugebiete machen, weil wir so eine wirtschaftsstarke Region sind.

 

Nicht voran geht es beim Medizinischen Versorgungszentrum und beim Neubau des Landratsamtes. Wie konnte es soweit kommen?

Neumann: Ich bin nicht der Landrat, sondern nur Kreisrat und Bürgermeister. Von städtischer Seite ist alles klar und der Kreistag muss im Herbst entscheiden, gehen wir in die Sanierung, oder gehen wir in den Neubau. Klar ist, dass das Geld im Topf des Kreises geringer wird. Deshalb muss man auch andere Finanzierungsmöglichkeiten prüfen.

 

Zum Beispiel?

Neumann: Also privat oder über Sparkassen und Genossenschaftsbanken, wodurch die Wertschöpfung in der Region bleibt. Vielleicht muss man auch nicht ganz so groß bauen. Aber wenn ich jetzt nur eine Sparsanierung mache, dann gebe ich den Landkreis auf. Beim Medizinischen Versorgungszentrum haben wir ein großes Interesse und sind mit den Beteiligten in Kontakt. An uns wird es nicht scheitern.

 

Sie sind seit 2010 Bürgermeister: Was zeichnet Künzelsau für Sie aus?

Neumann: Für mich ist Künzelsau die kleine familienfreundliche Stadt, die einerseits total bodenständig ist, aber nach vorne blickt und einen Nährboden bildet für Ideen. Hier findet man die richtigen Partner, um die Ideen auch umzusetzen, und ein sehr starkes ehrenamtliches Engagement. Das finde ich einzigartig. Deshalb bin ich bei allen Herausforderungen glücklich, hier wohnen und arbeiten zu dürfen.


Zur Person

Stefan Neumann ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Künzelsau. Er wurde 1982 in der Uckermark in Brandenburg geboren. Nach seinem Studium 2006 an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl war er zunächst Kämmerer in Forchtenberg. Anschließend wechselte er in das gleiche Amt in Putzbrunn bei München.

2010 setzte er sich bei der Bürgermeisterwahl in Künzelsau gegen vier Mitbewerber mit 56,7 Prozent im ersten Wahlgang durch. 2018 wurde Neumann in der Kreisstadt mit 87,4 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt. Der 37-Jährige ist verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn.

 

Thomas Zimmermann

Thomas Zimmermann

Autor

Thomas Zimmermann ist seit Dezember 2020 in der Stadtredaktion der Heilbronner Stimme. Zuvor arbeitete der ehemalige Radioreporter und Magazinmacher ab Februar 2015 in der Hohenloher Zeitung und berichtete vor allem über Künzelsau und Umgebung. In der Stadtredaktion berichtet Zimmermann vor allem über Handel, Gastronomie, Stadtpolitik und Gerichtsverhandlungen.

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