Die Schließung des Krankenhauses hat ganz Künzelsau bewegt

Künzelsau  Die Bewohner trauern auch Jahre später über die Schließung des Künzelsauer Krankenhauses. Die Demonstrationen gegen den Beschluss des Kreistags begannen im Oktober 2016. Das versprochene ambulante Gesundheitszentrum lässt derweil weiter auf sich warten.

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Die Klinik ist seit sieben Monaten geschlossen. Am 15. November war der Umzug nach Öhringen beendet. Der Weg zum ambulanten Gesundheitszentrum ist noch lang. Fotos: Reichert /Zimmermann

Nichts in der jüngeren Geschichte Künzelsaus hat die Bürger so bewegt wie die Schließung ihres Krankenhauses. Über nichts haben sie sich so maßlos geärgert und gegen nichts haben sie so massiv protestiert. Im Oktober 2016 ging es los. Seitdem hat sich Künzelsau verändert. Der ganz große Aufschrei ist inzwischen vorbei, die Wogen haben sich geglättet. Doch der Stachel des Frusts sitzt immer noch tief. Zumal nach dem Aus der stationären Versorgung am 15. November 2019 kaum Informationen durchdringen, wann und in welcher Form die versprochenen Leistungen des ambulanten Gesundheitszentrums tatsächlich zur Verfügung stehen.

Anlaufstelle für Notfälle 

Ein historischer Verlust

Bei den Demonstrationen gegen die Schließung des Künzelsauer Krankenhauses protestierten verärgerte Bürger ab Oktober 2016 lautstark gegen den Beschluss des Kreistags. Dahinter stand die Bürgerinitiative "Wir sind HK".

Bisher gibt es nur einen zusätzlichen Sitzdienst, der an sieben Tagen in der Woche Anlaufstelle für Notfälle ist, wenn die niedergelassenen Ärzte nachts und am Wochenende nicht erreichbar sind. Der Sinn dieses Angebots wird freilich schon wieder in Zweifel gezogen. Für viele ist es nur eine teure Beruhigungspille ohne großen Nutzen. Manche gehen sogar so weit, das ambulante Folgemodell als Ganzes infrage zu stellen.

Dabei ist am Ende mehr herausgesprungen als viele gedacht haben. Und der Hohenlohekreis nimmt dafür richtig Geld in die Hand. Er muss alle Leistungen bezahlen, die über das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) hinausgehen, das Sache der Hohenloher Krankenhaus gGmbH (HK) ist.

Bisher ist nur klar: Das Hospiz folgt als nächstes. Und Landrat Matthias Neth beteuert: Die Corona-Krise ändere nichts am Konzept und an der Umsetzung. Dass diese nur schrittweise erfolge, sei von vornherein klar gewesen. Das ambulante Gesundheitszentrum in seinem vollen Umfang aufzubauen und zu etablieren, dauere nicht Monate, sondern Jahre. Dies war bei vielen Künzelsauern ganz anders angekommen, als der Kreistag die vorzeitige Schließung des Krankenhauses im Dezember 2018 beschlossen und den Weg freigemacht hat für das ambulante Gesundheitszentrum. Danach tat sich lange Zeit: nichts. Und wieder gärte es in der Bevölkerung. So musste die Spitze der HK gGmbH am 4. November 2019 nochmals im Kreistag anrücken, um die Pläne vor vielen Besuchern zu präzisieren.

Neue Rettungswache in Kirchensall

Ein historischer Verlust

Die letzte Patientin Marianne Hellinger winkt im November 2019 zum Abschied.

Seitdem ist klar: Das MVZ braucht Zeit zum Wachsen. Alle gewünschten Arztstellen können nicht auf Knopfdruck besetzt werden. Der Rettungsdienst wurde mittlerweile gestärkt, die telemedizinische Ausrüstung verbessert. In Kirchensall wird eine neue Rettungswache eingerichtet, um die Posten in Künzelsau und Öhringen zu entlasten. Über das Zentrum für Integrative Medizin, das zu einem regionalen Leuchtturm werden und seinen Schwerpunkt auf medizinisch anerkannte Naturheilverfahren legen soll, ist hingegen kaum noch etwas zu hören. Und es wird wohl noch Jahre dauern, bis die geplante Kurzzeitpflege realisiert werden kann.

Warten auf weitere Informationen

Denn für beide Leistungen müsste das Bettenhaus der Klinik für 20 Millionen Euro umgebaut werden - was derzeit völlig illusorisch erscheint. Der Mittelbau direkt neben dem Ärztehaus "Medi-Kün", das wie die Psychiatrische Tagesklinik voll erhalten bleibt, ist nicht das Problem. Dort kann das MVZ ohne großen finanziellen Aufwand einziehen. Jetzt wartet ganz Künzelsau auf weitere Infos.

Wie man hört, will sich die Stadt noch stärker einschalten. Und so ruhen die Hoffnungen jetzt darauf, dass Landkreis, HK und Stadt partnerschaftlich und transparent zusammenarbeiten. Und auch den Schulterschluss suchen zu den Machern der Praxisklinik auf Schloß Stetten. Damit die Künzelsauer endlich wissen, woran sie sind.

 


Kommentar: Die Geschichte des Künzelsauer Krankenhauses im Schnelldurchlauf

Von Ralf Reichert 

Mit 35 Betten, zwei Diakonissen und zwei Ärzten fällt am 21. Oktober 1901 der Startschuss: Die Künzelsauer Klinik wird eingeweiht – als Bezirkskrankenhaus. Ab 1851 hat es bereits ein kleines städtisches Krankenhaus gegeben: für Dienstboten und Gewerbegehilfen mit sieben Betten. Das größere Bezirkskrankenhaus mit fünf Zimmern und 16 Betten für alle übrigen Gemeinden im Oberamt stand seit 1885 in Ingelfingen.

Nachdem Künzelsau zum neuen klinischen Zentrum geworden ist, kommt 1928 ein Erweiterungsbau hinzu, der in den 50er Jahren ein weiteres mal vergrößert wird. 1964 leistet sich der Altkreis einen Neubau, er wird 1968 eingeweiht und in den folgenden drei Jahrezehnten Zug um Zug modernisiert und erweitert. 1998 beginnt die Komplettsanierung, sie dauert bis in die 2000er Jahre.

Strukturell sind die Krankenhäuser in Künzelsau und Öhringen lange eigenständig. 1995 beschließt der Kreistag, sie unter dem Dach der Hohenloher Krankenhaus gGmbH zu vereinen. Hauptziel ist, den kommunalen Klinikbetrieb konkurrenzfähiger zu machen, um den Anforderungen des immer wirtschaftlicher ausgerichteten Gesundheitswesens standzuhalten.

Dieser ökonomische Druck mündet in Überlegungen, mit dem Schwäbisch Haller Diak und dem Kreis Schwäbisch Hall eine Regionalklinik zu bauen. Die Pläne scheitern 2005. Ein Jahr später tritt die HK gGmbH der Regionalen Gesundheitsholding Heilbronn-Franken bei: mit den SLK-Kliniken Heilbronn als Mehrheitseigentümer. Die Liaison wird im Frühjahr 2017 geschieden. Am 30. September 2016 ebnet der Kreistag den Weg, um die Klinik in Künzelsau zu schließen und in Öhringen einen Neubau zu errichten. Am 9. Juni 2017 wird dieser Beschluss besiegelt.

Die HK gGmbH sucht nach einem neuen starken Partner und findet ihn 2018 in der BBT-Gruppe, einem kirchlichen Träger. Im Dezember 2018 beschließt der Kreistag, die Klinik in Künzelsau nicht erst zu schließen, wenn der Neubau in Öhringen 2023 steht, sondern schon Ende 2019. Am 15. November endet die Geschichte des Künzelsauer Krankenhauses. Der Betrieb wird nach Öhringen verlagert.


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen.

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