Ein Großbrand und hellauf guckende Hasen

Ilsfeld  Die Spitznamen der Ilsfelder beziehen sich auf den Hasen-Sonntagsbraten. Bereits vor 100 Jahren gab es Katastrophentourismus in die Gemeinde.

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Beim großen Brand von Ilsfeld im Jahre 1904 wurden 130 Gebäude und 77 Scheunen zerstört. Ausgelöst wurde die Katastrophe von Kindern.

Foto: Archiv/Heimatmuseum

Wie so viele Gemeinden in der Region war auch Ilsfeld im Dreißigjährigen Krieg stark gebeutelt. So brach dort 1626 und 1634 die Pest aus, 1638/39 nahmen die kaiserlichen Truppen im Ort Quartier, und 1645 kam es durch Franzosen, Hessen und Weimarer zu Plünderungen. Infolge des Kriegs wurde die Bevölkerung von 1200 auf rund 100 Einwohner dezimiert. Ein Großteil der fruchtbaren Äcker und Weinberge lag brach. Trotz der Zuwanderung vieler Siedler aus Österreich und der Schweiz brauchte es fast 100 Jahre, bis in Ilsfeld wieder geordnete Verhältnisse und ein bescheidenes Wachstum herrschten.

Glücklicherweise nur ein Toter

Hart traf es die Gemeinde auch im Jahr 1904, als bei einem Großbrand, der sich auf 420 Ar ausdehnte, 130 Gebäude – darunter auch Rathaus, Schule und Kirche – sowie 77 Scheunen zerstört wurden. Bei dem Feuer, dessen Sachschaden damals mit rund 1,4 Millionen Reichsmark beziffert wurde, gab es zum Glück nur einen Toten, aber 706 Obdachlose. Ursache der Brandkatastrophe war ein Spirituskocher, der von Kindern beim Äpfelbraten umgestoßen worden war. Ausdehnen könnte sich das Feuer aber vor allem dadurch, dass die örtlichen württembergischen Feuerwehren unterschiedliche Schlauchkupplungen benutzten, und so die Löscharbeiten unnötig erschwert wurden.

Die Ilsfelder Feuersbrunst erschütterte damals ganz Deutschland, Neben König Wilhelm I. reisten in den Tagen nach dem Unglück rund 40.000 Katatstrophentouristen, die es auch damals schon tatsächlich gab, an. An einem Vormittag wurden in Stuttgart von Schaulustigen rund 2000 Fahrkarten nach Ilsfeld gelöst. Und in den Sonntagen nach dem Brand verstopften Fußgänger, Radfahrer sowie Fuhrwerke die Straßen. Die abgebrannten Wirte indes nutzten den Boom für sich: Aus ein paar Brettern zimmerten sie den Überlieferungen zufolge Buden zusammen und versorgten die Besucher mit Speisen und Getränken.

Schon in den Tagen nach dem Brand formierte sich ein Wiederaufbaustab. Dieser ließ in Windeseile ein Barackendorf mit 100 Notunterkünften als Übergangslösung errichten. Anschließend erfolgte die rasche Umsetzung eines neuen Ortsbauplans, bei dem auch die heute noch zentrale Hauptstraße – die König–Wilhelm-Straße – errichtet wurde. Weitgehend abgeschlossen war der Wiederaufbau bereits im Jahre 1906.

Heute gehören zu Ilsfeld die Ortsteile Auenstein und Schozach sowie die Weiler Wüstenhausen, Helfensberg und Abstetterhof. Während es für dessen Bewohner keinen Spitznamen gibt, sind die Auensteiner Schnogga, die Wüstenhäuser Stangenreiter und die Helfensberger Saukübel. Bei allen dreien liegt die Herkunft des Uznamens im Dunkeln. Anders sieht es bei den Ilsfelder Hasaropfern und den Schozacher Hellauf aus. Über die Entstehung des Ilsfelder Spottnamens kursieren zwei Geschichten, die beide schriftlich festgehalten wurden.

Gerupfte Hasen

Ein Ilsfelder Bauer ging eines Tages auf seinen Kartoffelacker. In der Ackerfurche entdeckte er einen schlafenden Hasen. Kurz entschlossen zog er dem Tier die Haue über den Kopf, setzte sich auf einen Markstein und fing an, den Hasen zu rupfen. Just in diesem Augenblick kam ein Schozacher Bauer des Wegs, betrachtete das Treiben und fragte den Ilsfelder Kollegen, was er denn da mache. "Ich rupf mir meinen Sonntagsbraten", meinte der. Der Schozacher schaute sich den Hasen an, deutete auf dessen geöffnete Augen und rief: "Der guckt jo no hell auf!" Durch die Schmerzen beim Rupfen war das Tier aus seiner Ohnmacht erwacht und sprang mit einem gewaltigen Satz davon. Völlig verdutzt sahen die beiden dem Hasen nach. Da fing der Schozacher an zu lachen und rif "I han jo g'sagt, der guckt no hell auf."

Die zweite Version erzählt von einer Treibjagd in Ilsfeld. Die erfolgreichen Jäger hatten einer Wirtin einen erlegten Hasen zur Zubereitung anvertraut. Die Wartezeit aufs Mahl vertrieben sie sich bei einem guten Schluck und viel Jägerlatein. Weil der Braten aber allzu lange auf sich warten ließ, ging einer der Jäger in die Küche und erblickte die Wirtin, die im Schweiße ihres Angesichts an einem übel zugerichteten Hasen herumrupfte wie an einer Gans. Der Jäger, der sich vor Lachen kaum noch halten konnte, rief seine Jagdfreunde hinzu. Ihre Unwissenheit darüber, dass man einem Hasen vor der Zubereitung normalerweise das Fell über die Ohren zieht, versuchte die Wirtin offensiv zu vertuschen: "Des hat man bei uns allenthalbe so g'macht", verteidigte sie sich, "da gibts doch gar nix zu lache."

Das Ilsfelder Hasaropferlied indes, das ebenfalls die zweite Version besingt, handelt nicht von einer Wirtin, sondern von einer der Kochkunst nicht ganz so zugetanen Bäuerin, die ihrem Mann eine kulinarische Freude bereiten wollte – und den Hasen ebenfalls rupfte.


Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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