Das Reitturnier des RV Ilsfeld im Wandel der Zeit

Ilsfeld  Vom Feierabend- zum Profisportler: Die Traditionsveranstaltung zeigt, wie sich das Leben der einstigen Arbeitstiere verändert hat. In diesem Jahr musste das Turnier erstmals seit 1950 abgesagt werden.

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Das ist mächtig: "Beim Mächtigkeitsspringen hatten wir einmal neun Sieger, die alle über 2,05 Meter gesprungen sind", erinnert sich Dieter Melwitz.

Foto: Archiv/Krüger

Die Fotos sind faszinierend, die Unterschiede zwischen damals und heute schlicht unglaublich. Dieter Melwitz hat gerade zu Hause in seinem Büro die Schatzkiste geöffnet, klickt sich durch Ordner mit digitalisierten Fotos, zeigt Protokolle in Sütterlinschrift. 1950 wurde der Reiterverein Ilsfeld gegründet, richtete vor 70 Jahren erstmals ein Turnier aus. Früher gab es ausschließlich Sachpreise zu gewinnen: Schubkarre, Schuhschränkchen, Sonnenliege.

Dieter Melwitz schüttelt erfreut lächelnd den Kopf und sagt: "Zum Turnier gehörten damals ein Umzug durch den Ort und ein Fest in der geschmückten Gemeindehalle, die immer randvoll war."

Auf den Fotos sind viele, viele Menschen zu sehen, die sich um den Reitplatz drängen. Die Hindernisse bestanden aus einer Stange, Strohballen, Öl- und Bierfässern. Im Programmheft zum Turnier am 27./28. Juni 1964 sind Prüfungen für "städtische" und "ländliche Reiter" ausgeschrieben - es war einmal.

Karl-Heinz Schwab kann sich noch gut an das Ilsfelder Turnier von 1963 erinnern. "Da war ich 16", sagt der Springreiter vom RV Schwaigern. "Wir haben damals mit dem Schlepper knapp eineinhalb Stunden von Bad Rappenau nach Ilsfeld gebraucht", erinnert sich der 73-Jährige. "Ilsfeld war schon immer ein sehr gutes Pflaster. Allein von den Zuschauern her war es ganz klar das Beste. Nirgends gab es so viele Zuschauer."

Wie im Western vor dem Saloon

Das Reitturnier des RV Ilsfeld im Wandel der Zeit: Vom Feierabend- zum Profisportler

Zuschauer rings um den Reitplatz, dicht an dicht: das Ilsfelder Reitturnier in den 60er Jahren. Am Sonntagmittag hat es stets einen großen Umzug gegeben.

Foto: privat

Geschlafen wurde im Stall, im ganzen Ort seien Pferde gestanden, die man an Ständer gebunden hatte - wie im Western vor dem Saloon. Das Wort "Ilsfeld" lässt Schwab schwärmen: "Ilsfeld ist ein schönes Turnier, das hat immer Spaß gemacht. Und dann der Wirtschaftsbetrieb! Früher ist man zusammengesessen - heute zieht sich jeder in seinen LKW zurück." Ilsfeld ist immer noch ein schönes Turnier, noch immer groß und noch immer bestens besucht. Vor zehn Tagen hätten die drei tollen Tage von Ilsfeld stattfinden sollen. Doch wegen der Coronavirus-Pandemie musste es erstmals seit 1950 ausfallen.

Dieter Melwitz ist seit zehn Jahren Erster Vorsitzender des RV Ilsfeld. Und Sammler und Bewahrer. Es geht um (Familien-)Tradition: Sein Vater Werner Melwitz war von 1966 bis 1988 sein Vorvorgänger; Melwitz junior ist der siebte Vorsitzende des RVI. 1953 hatte der Verein, der sich die Förderung des Turniersports auf die Fahnen, beziehungsweise in die Satzung geschrieben hat, 36 Mitglieder. Heute sind es um die 385. Mehr denn je.

Zwei Namenslisten als das Allerheiligste

"Die vergangenen fünf bis sieben Jahre war die Zahl konstant", sagt Dieter Melwitz, der vor fünf Jahren im Museum des Heimatvereins Ilsfeld eine Ausstellung über seinen Verein zusammengetragen hat. Es gibt viele Schätze, wie etwa das Protokollbuch von 1950. Quasi das Allerheiligste sind zwei Namenslisten mit den Siegern des Großen Preises von Ilsfeld im Springen (seit 1972) und der Dressur (seit 1977). Ilsfeld ist nicht nur bekannt für seine große Kulisse, sondern auch für große Namen.

Das Reitturnier des RV Ilsfeld im Wandel der Zeit: Vom Feierabend- zum Profisportler

Einer der Größten: Gerd Wiltfang gewinnt 1997 auf Ramina den Großen Preis von Ilsfeld und stirbt kurz darauf an Herzversagen − das Foto zeigt ihn 1996.

Foto: Krüger

Die auch auf der Reitanlage hängenden Listen sind lang. Vier Namen stechen als erstes ins Auge, weil hinter ihnen fünf bunte Ringe zu sehen, sie Olympiasieger sind: Otto Becker gewann 1978 in Ilsfeld auf Seven Hills, Gerd Wiltfang 1997 auf Ramina, Dressurreiter Martin Schaudt 1998 mit Valentin und der Österreicher Hugo Simon 2003 auf Conquest of Paradise. Reiter aus mehr als 20 Nationen haben im Laufe der Jahrzehnte an der Schozach gesattelt, darunter der Niederländer Jeroen Dubbledam sowie die Iren Denis Lynch und Cameron Hanley.

Pferde sind heute mitunter Kapitalanlagen

Für das Turnier 1955 hatte der Vorstand acht ländliche und zwei städtische Vereine eingeladen. Dieter Melwitz schüttelt den Kopf, erklärt, dass früher Reiter aus Stuttgart oder Ludwigsburg wegen ihrer besseren Pferde in anderen Prüfungen zu reiten hatten als Reiter aus Schwaigern oder Güglingen: "Am Samstagmorgen sind die Pferde auf dem Land noch auf dem Feld im Einsatz gewesen, anschließend wurde zum Turnier geritten oder mit dem Traktor und dem Anhänger gefahren", sagt der 63-Jährige. Pferde waren damals grundsätzlich Arbeitstiere, Feierabendsportler. Heute sind sie Profisportler, mitunter Kapitalanlagen.

Das Reitturnier des RV Ilsfeld im Wandel der Zeit: Vom Feierabend- zum Profisportler

Ein Hingucker: Das erfolgreiche Schimmelgespann von Volker Schmidt aus Großbottwar im Jahr 1976.

Foto: Archiv/Mitschke

"Man sieht beim Blick zurück, dass es auch mit weniger Aufwand, weniger Investitionen geht. Die Pferde waren damals nicht so hochgezüchtet. Wobei der Kern unseres Sports der gleiche war und geblieben ist", sagt Jan Müller. Der 43-jährige Springreiter startet für den RV Ilsfeld und betont, dass es auf jeden Fall besser sei, wie die Pferde heute untergebracht sind - Boxenhaltung ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Sport- und Zuchtpferde werden optimal versorgt, viel bewegt. Auf dem Laufband, in der Führanlage, sie bekommen Wassertraining und Solarium. Der Sattel ist mittlerweile maßgefertigt. Reiten ist kostspielig geworden. Reiten ist mehr als ein Hobby.

Bud Spencer ist das prominenteste Tier Ilsfelds

Eines der interessantesten deutschen Springpferde steht übrigens in Ilsfeld: Mit dem elfjährigen Schimmelwallach Bud Spencer zählt Sven Schlüsselburg zu den Kandidaten für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio. Der 38-Jährige betreibt nördlich von Ilsfeld ein Pferdeleistungszentrum. Auch Sven Schlüsselburg steht auf der Ilsfelder Liste, gewann sein Heimturnier 2014 auf Quando tschi und 2015 mit Quintessenz - seinem Vater Manfred Schlüsselburg gelang mit El Chico 1979 und 1980 ebenfalls eine erfolgreiche Titelverteidigung.

Eines der großen Ziele von Vollblutamateur Jan Müller ist es nach wie vor, sich auf dieser Liste zu verewigen. 2020 ist es wieder nichts geworden - der Audianer, der seine Pferde auf einem Hof in der Nähe von Güglingen-Frauenzimmern stehen hat, aber mit dem RV Ilsfeld verwurzelt ist, wartet geduldig auf das Turnier 2021. Aber er hat Sorge um seinen Sport: Corona.

Jan Müller macht sich Sorgen um den Springsport

Es gibt mittlerweile tatsächlich wieder Reitturniere. Sehr wenige. "Alle wollen reiten", sagt Karl-Heinz Schwab. "Aber die Meldefenster sind nur fünf Minuten offen. Das ärgert viele." Jan Müller hat kürzlich Glück gehabt, bei einem Turnier in Durmersheim melden und reiten können. "Wir sind froh, dass irgendjemand was macht. Aber mit reiten, wie wir es kennen, hat das gerade nichts zu tun." Die Prüfungen sind kontingentiert. Wer mit seiner Prüfung durch ist, muss im Auto auf die nächste warten oder die Anlage verlassen. Es gibt keine Siegerehrung. Das Nenngeld sei doppelt so hoch wie sonst, das Preisgeld wiederum auf dem Minimum. "Und der Turniersport war noch nie lukrativ", merkt Jan Müller an. "Bleibt das auf Dauer so, bricht die breite Masse, der Mittelstand weg."

Auch Dieter Melwitz hat schon Corona-Turniererfahrung. Als Richter. "Der Sport ist gut. Aber es ist anders", sagt der Reiterchef der Ilsfelder, die jedes Jahr normalerweise das große Turnier, ein regionales und ein Voltigierturnier ausrichten. Turniere seien unter den derzeitigen Rahmenbedingungen fast nicht machbar. Das Problem, so Melwitz: "Du bis ganz schnell im Minus." Und finanzielle Risiken will derzeit kaum ein Verein eingehen. Was in den vergangenen Monaten auch zu sehen war: "Da war Totenstille, die Turnierlandschaft ist ohne die Vereine tot. Alles basiert auf den Vereinen, ohne sie gibt es unseren Sport nicht", sagt Dieter Melwitz. Ja, er sei jemand, der von Tradition lebe: "Das ist das Erbe. Es geht darum zu vermitteln, was Verein bedeutet." Der Reiter-Verein Ilsfeld steht wie kein anderer in der Region für Reitsporttradition.

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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