Das Ilsfelder Nahwärmenetz wächst immer weiter

290 Gebäude im Ort beziehen ihre Energie ausschließlich über das Nahwärmenetz. Jährlich werden so 2500 Tonnen CO2 eingespart.

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Ein Gewirr aus Rohren und Leitungen: Thomas Gessler von der Gemeinde an einem der Blockheizkraftwerke in der Abwasserheizzentrale in Ilsfeld.

Foto: Mario Berger

In dem holzverkleideten Häuschen neben der Kläranlage, in der die Abwasserheizzentrale für das Nahwärmenetz untergebracht ist, rattert eines der beiden Blockheizkraftwerke. Die Maschine produziert im Moment Wärme auf Vorrat in den Pufferspeicher. Der Löwenteil der Energie für das Nahwärmenetzes stemmt derzeit die Beilsteiner Biogasanlage. Zehn Millionen Kilowattstunden an Energie können jährlich produziert werden. "Der Bedarf liegt derzeit bei acht Millionen Kilowattstunden", sagt Thomas Gessler.

Seit Oktober 2013 ist er bei der Gemeinde Ilsfeld für Nahwärme und Umwelt zuständig, seit 2019 steht ihm Harald Fortwingel zur Seite. Ein Jahr nach Inbetriebnahme der Abwasserheizzentrale im Mai 2019 gibt Gessler einen Einblick in das zukunftsweisende Projekt, mit dem die Gemeinde jährlich rund 2500 Tonnen CO2 einspart.

Das Netz legt einen rasanten Ausbau hin

In der Ilsfelder Abwasserheizzentrale wird das geklärte Abwasser durch Wärmepumpen und Blockheizkraftwerke auf 80 Grad erhitzt, in die Leitungen eingespeist und an die Haushalte verteilt. Die Gemeinde wurde 2015 mit dem European Energy Award ausgezeichnet. Das europäische Gütezertifikat wird Kommunen für eine nachhaltige Energie- und Klimaschutzarbeit verliehen. Ilsfeld konnte sich so um Fördermittel aus dem Europäischen Fond für Regionale Entwicklung (EFRE) bemühen.

Mit Erfolg: Das rund neun Millionen Euro teure Nahwärmenetzprojekt wurde mit drei Millionen Euro von der EU bezuschusst. Hinzu kamen zwei Millionen Euro von Bund und Land. 2014 weihte Umweltminister Franz Untersteller das Netz ein. Bis April 2019 war das Schulzentrum mit seinen drei Gaskesseln alleiniger Energieversorger des Netzes. Seit seinen Anfängen legte das Ilsfelder Nahwärmenetz einen rasanten Ausbau hin, blickt Thomas Gessler zurück. Um mit dem Projekt starten zu können, war eine gewisse Zahl an Abnehmern nötig, die entsprechend Wärme beziehen.

Die Gemeinde möchte mit dem Nahwärmeprojekt nichts verdienen, aber auch nicht drauflegen. "Es haben sich dann immer mehr und mehr Interessenten gemeldet", erzählt Gessler. Selbst kenne er kein vergleichbares Projekt aus Kommunen mit Ilsfelder Größenordnung, "außer vielleicht in Großstädten".

Das Netz startete mit 42 Anschlüssen. Heute sind es rund 290 Gebäude. 30 Kilometer Leitungen sind verlegt. Ganze Straßenzüge beziehen ihre Energie schon vollständig über das Nahwärmenetz. Wenn es nach Thomas Gessler ginge, wären es schon mehr: "Die Bauarbeiten hatten sich aber durch widrige Umstände wie zubetonierte Leitungen im Baugrund verzögert." Binnen eines Jahres kommen rund 120 neue Anschlussnehmer dazu, davon 40 allein in den neuen Baugebieten "Gässlesfeld" und "Hühnlesäcker" in Auenstein.

Die Politik bremst die Energiewende selbst aus

Im Moment liegen rund 680 Verträge vor, die Gebäude werden nach und nach angeschlossen. Kunden zahlen rund neun Cent pro Kilowattstunde und 500 Euro Jahresgrundzahlung für die Übergabestationen bis 50 Kilowatt Leistung. Darin inbegriffen sind eventuelle Reparaturen und Wartung. "In der Gesamtkostenrechnung ist das günstiger, weil auch die Rückstellungen für eine neue Heizung entfallen", sagt Thomas Gessler.

Kann der wachsende Bedarf langfristig gedeckt werden? "Mit den drei Heizzentralen sind wir gut aufgestellt", sagt Gessler. Sollten Biogasanlage oder Wärmepumpenzentrale an ihre Grenzen stoßen oder ein technisches Problem auftreten, springen die Gaskessel im Schulzentrum an.

Noch ist die Ilsfelder Energiewende aber nicht perfekt: "Die Politik will sie, bremst sie aber an der einen oder anderen Stelle aus", kritisiert Gessler - und meint damit genehmigungsrechtliche Verfahrensschritte oder Investitionen, die verschoben werden müssen.

 

Linda Möllers

Linda Möllers

Autorin

Linda Möllers kommt aus Weinheim an der Bergstraße und kam im November 2019 zur Heilbronner Stimme. Jetzt berichtet sie aus dem nördlichen und östlichen Landkreis - am liebsten über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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