Sontheim war einst Fabrikstandort und ist heute Bildungsstadtteil

Heilbronn  Der zweitgrößte Stadtteil Heilbronns ist geprägt von Schulen und Hochschulen. Sontheim ist nach wie vor zweigeteilt in den alten Ortskern und das neuere Sontheim-Ost

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Für die älteren Heilbronner hat Sontheim eine besondere Bedeutung: Der Name des Stadtteils steht als Geburtsort im Personalausweis oder Reisepass. Tausende Kinder sind in der heutigen Alice-Salomon-Schule zur Welt gekommen, die bis 1972 als Frauenklinik genutzt wurde. Das prächtige Gebäude von 1907 war einst ein jüdisches Altenheim und ist eines der wenigen verbliebenen historischen Bauten, obwohl Sontheim im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig zerstört wurde.

 

 

Erhalt von Fabrikgebäuden war kein Thema

Die prägenden Bauten des Stadtteils aus der wirtschaftlichen Blütezeit sind erst später verschwunden. Sie wurden Ende der 1970er und in den 1980er Jahren abgerissen. Damals hatte man keine Verwendung für Industriegebäude. Diese in Wohngebäude umzunutzen war noch keine Option. Auf den Flächen östlich des alten Ortskerns entstanden Neubauten. Von den Fabrikanlagen ist in der Staufenbergstraße eine Produktionshalle übrig geblieben. Dort sind eine Apotheke und einige Arztpraxen untergebracht.

Zwirnerei Ackermann war prägend

Für die Älteren ist Sontheim noch eng mit dem Namen Ackermann verbunden, im 19. Jahrhundert war es eine der bedeutendsten Zwirnereien Deutschlands. Die Wolko Schuhfabrik in der Hofgartenstraße zählte in den 1920er Jahren 1100 Mitarbeiter, 5000 Schuhe wurden täglich produziert. Zusammen mit den Beschäftigten von Ackermann hatte Sontheim mehr Arbeitsplätze als Einwohner, weiß Wolfram Rudolph, Vorsitzender des Sontheimer Offenen Kreises (SOK).

Reiche Gemeinde

"Vor der Zwangseingemeindung durch Heilbronn waren wir die reichste Gemeinde in Nordwürttemberg." Sontheim brachte deshalb 1938 reichlich Geld in die Kasse von Heilbronn, während die ebenfalls zwangseingemeindeten neuen Stadtteile Böckingen und Neckargartach hoch verschuldet waren.

Die Geschichte fördert einige Misstöne zwischen Sontheim und Heilbronn zutage. Die Grenze heißt bis heute Sontheimer Landwehr und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Nach Streitigkeiten über den Grenzverlauf wurde dort ein 1600 Meter langer Graben errichtet. Und: Die freie Reichsstadt war protestantisch. Die Zugehörigkeit zum Deutschen Orden erklärt den hohen Anteil der katholischen Bevölkerung in Sontheim. Alteingesessene Bauern- und Wengerterfamilien sind bis heute eher katholisch.

Stadt und Stadtteil zusammengewachsen

In der Gegenwart spielt das Trennende keine Rolle mehr. Stadt und Stadtteil sind zusammengewachsen. Die Landesgartenschau 1985 machte Sontheim zu einem grünen Teilort - durch den 15 Hektar großen Wertwiesenpark, der ein großes Einzugsgebiet hat. Auch wurde das Neckarufer zugänglich. Das Parkgelände war einst Rübenacker.

Wohin mit den schon damals vielen Studierenden? Anfang der 60er Jahre waren die ersten angehenden Ingenieure noch im Bahnhofsviertel untergebracht. Die Raumnot führte auf die grüne Wiese. 1965 war der Neubau der Ingenieurschule an der Max-Planck-Straße bezugsfertig. In der Außenwirkung hat der Bildungscampus in der Innenstadt die Hochschule Heilbronn am Standort Sontheim mitunter an den Rand gedrängt. Dennoch prägt die HHN Sontheim als Bildungsstadtteil. Das benachbarte Justinus-Kerner-Gymnasium, seit 1968 in Sontheim, wirbt für sich als "Gymnasium im Grünen". Waldorfschule und Mörikerealschule ergänzen das Bildungsangebot.

Keine Busanbindung

Mit gut 12.000 Einwohnern ist Sontheim der zweitgrößte Stadtteil Heilbronns, vor allem Sontheim-Ost brachte viel Zuzug. Wolfram Rudolph bedauert, dass es nach wie vor eine Trennung zwischen dem älteren und dem neueren Teil um den Jörg-Ratgeb-Platz gibt. "Wer von dort zum Bürgerempfang in die Alte Kelter mit dem Bus kommen möchte, muss erst nach Heilbronn fahren." Da müsse endlich eine andere Regelung her, wünscht er sich.

Stadtteil erkunden

Die Corona-Krise lässt derzeit noch weitere Wünsche offen. Die Gemeinschaft, auf die man in Sontheim so viel Wert legt, muss warten. Das traditonelle Altstadtfest in diesem Sommer ist abgesagt. "Ob in diesem Jahr überhaupt etwas stattfinden kann, ist fraglich", sagt Rudolph. Die kontaktlose Zeit bietet sich an, um den Stadtteil auf eigene Faust zu erkunden: Der SOK hat zwei Karten ausgearbeitet. Ein historischer Rundgang führt durch den alten Ortskern; Wanderwege durch Weinberge und am Neckar entlang.

 


Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

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