Das erste Unterländer Auto fuhr in Neckargartach

Heilbronn  Der drittgrößte Heilbronner Stadtteil blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die im einstigen Ort Böllingen im Leintal begann. Pionierleistungen waren der Bau des ersten Autos im Unterland (1893 bis 1900) und der elektrisch betriebenen Straßenbahn (1928).

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Der Linsafamer-Brunnen stammt von Dieter Läpple. Er steht für den Spitznamen der Neckargartacher, denn anstelle von Fisch angelten sie verdorbene Linsen der Reichsstädter aus dem Neckar, um sie ihnen dann wieder zu verkaufen.

Foto: Andreas Veigel

Der Ursprung von Neckargartach liegt im einstigen Ort Böllingen im Leintal, von dem heute nur noch die Böllinger Höfe zeugen und der vermutlich als alemannische Siedlung um das 4. Jahrhundert angelegt und 767 erstmals erwähnt wurde. 1161 wurde der Ort als "Neccargardacha" in einer Urkunde Barbarossas erwähnt. Namensgeber sind der Neckar und die Gartach.

5000 Tote wurden im Mai 1622 beklagt

Großen Schaden richteten 1399 württembergische Reiter an, als sie den Ort heimsuchten. 1449 litt Neckargartach unter dem sogenannten Städtekrieg und während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) wurde die Siedlung bei der Schlacht bei Wimpfen am 6. Mai 1622 vernichtend getroffen. Nach den Kämpfen waren 5000 Tote zu beklagen - so viele Einwohner wie Heilbronn damals zählte.

Das unrühmliche Kapitel des Dritten Reiches begegnet einem heute auf dem KZ-Friedhof, der an das kleine Lager "Steinbock" nördlich des Sportplatzes an der Böllinger Straße erinnert.

Einst gab es 30 Gaststätten im Ort

Obwohl Neckargartach bis zum Zweiten Weltkrieg ein Arbeiter- und Bauerndorf war, blühte das gesellschaftliche Leben. Anfang der 1930er Jahre gab es im Ort 30 Gaststätten - heute mit dem Züchterheim im Widmannstal nur noch ein typisches Wirtshaus - drei Cafés, elf Metzger (heute einer), zwölf Bäcker (einer) und 13 Lebensmittelläden (einer).

Dazu gehört auch, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg noch 45 Bauern im Ort gab, von denen 39 Milch ablieferten. Heute gibt es nach den Worten von Hermann Hagner, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Neckargartach, "nur noch fünf Bürger, die Landwirtschaft betreiben".

 

 

Nach der Eingemeindung schrumpfte Neckargartach

Bis zur Zwangseingemeindung 1938 zu Heilbronn reichte die Gemarkung von Neckargartach bis zum Alten Neckar. "Der WTZ-Turm, der Zukunftspark, das Containerterminal oder das Hauptzollamt stünden heute auf Neckargartacher Gemarkung, wäre sie durch die Eingemeindung nicht bis zum Neckarkanal geschrumpft", analysiert der Neckargartacher Heimatforscher Peter Hahn den Lauf der Geschichte.

Dafür befinden sich auf der heutigen Gemarkung das SLK-Klinikum am Gesundbrunnen und das 1967 eröffnete Gesundbrunnen-Freibad. Das erste Neckargartacher Freibad war ein ehemaliger Baggersee, im Volksmund "Krottenteich" genannt, und befand sich auf dem Gelände der Energie-Versorgung Schwaben (EVS), später EnBW.

Mit acht PS durch Neckargartach

Geschichte schrieb in den Jahren 1893 bis 1900, als Schmiedemeister Georg Göring und der Mechanikermeister Franz Steinrück in der Hirschstraße das "Neckargartacher Auto" konstruierten. Das erste Automobil im Unterland hatte acht PS und war 40 Stundenkilometer schnell.

Eine einmalige Pionierleistung war auch der Bau einer elektrisch betriebenen Straßenbahn, die am 22. Juni 1928 ihren Betrieb aufnahm und von der Endstation Jakobstraße (heute Palmstraße) bis zur Neckarbrücke in Heilbronn fuhr. Im März 1955 endete der Schienenverkehr in Heilbronn und somit auch diese Neckargartacher Epoche.

Im Widmannstal wurde Geschichte geschrieben

Ein Kulturdenkmal besonderer Art ist die Correllsche Hammerschmiede, die noch heute bewundert werden kann. Sie befindet sich im Widmannstal, das den Namen des Industriepioniers Johann Jakob Widmann trägt. Er hatte am Leinbach eine mechanische Werkstatt zur Herstellung von Papiermaschinen gegründet. Bei der Wirtschaftskrise 1847 verlor er Hab und Gut und wanderte nach Kalifornien aus.

Klare Vorstellungen, wie sich Neckargartach weiterentwickeln muss, hat Herbert Burkhardt. Der seit nunmehr 22 Jahren amtierende Ortskartell-Vorsitzende und langjährige Heilbronner Stadtrat listet auf: "Der Leinbachpark muss endlich aufgewertet werden. Und der Steg bei der Leinbachschule, vom Park zur Kirchbergstraße, sowie der Anbau an die Römerhalle müssen kommen." Eine große Herausforderung ist das Neubaugebiet Nonnenbuckel, in dem einmal 1200 Bewohner leben werden. "Es gilt, die verkehrlichen Probleme zu lösen, aber auch Wege zu finden, die Menschen an Neckargartach zu binden", erinnert sich Burkhardt an die Sachsenäcker, wo es nur bedingt gelang, die Bürger zu integrieren.

 

Joachim Friedl

Joachim Friedl

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Joachim Friedl arbeitet seit Ende 1979 bei der Heilbronner Stimme. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kommunalpolitik. 

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