Rauch und Funken über der zerstörten Altstadt von Forchtenberg

Fortchtenberg  Die Forchtenbergerin Irmgard Schelling besitzt Tagebücher von ihrem Großvater Wilhelm Müller, in denen der einstige Oberlehrer und Heimatforscher auch die letzten Kriegstage 1945 in der Kochertalstadt schildert.

Von Regina Koppenhöfer
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Im März 1957 sind noch die Ruinen der alten Kocherbrücke zu sehen, bevor der Wiederaufbau begann. Solange führte eine Behelfsbrücke über den Fluss.

"Die meisten Forchtenberger zogen damals in die Gipsstollen, um dort Schutz zu finden", weiß Irmgard Schelling. Die Forchtenbergerin spricht von der Nacht des 8. auf den 9. April 1945. Das Kriegsende war nah und amerikanische Soldaten standen kurz vor den Toren des Kochertalstädtchens, als die Menschen verzweifelt Schutzräume suchten. Irmgard Schelling ist mit ihren 68 Jahren zu jung, um das selbst erlebt zu haben.

Doch sie ist im Besitz von Kriegstagebüchern ihres Großvaters. Wilhelm Müller, einst Oberlehrer in Forchtenberg, hat von August 1939 an aufgezeichnet, was in und um das Städtlein geschah. In einem Gespräch mit der Hohenloher Zeitung gab Irmgard Schelling Einblicke in die Tagebücher ihres Großvaters.

Wilhelm Müller (1895 bis 1963), der als Lehrer in Forchtenberg und Künzelsau arbeitete, war auch Heimatforscher und Hobbyhistoriker, und so überrascht es nicht, dass ihm die Dokumentation der Kriegsjahre ein Anliegen war. Auf die Menschen und das Geschehen blickte er und schrieb dann Erlebtes nieder.

Zunehmender Flüchtlingsstrom

Rauch und Funken über der zerstörten Altstadt von Forchtenberg

Alte Forchtenberger weinten, als am 4. April 1945 die altehrwürdige Brücke über den Kocher gesprengt wurde, schreibt Wilhelm Müller in seinem Tagebuch.

Fotos: privat (3)

Im März 1945 etwa berichtet Müller vom zunehmenden Flüchtlingsstrom. Er erzählt, dass das Schulgebäude als Flüchtlingslager eingerichtet wurde. Am 23. und 24. März schreibt er: "Sie kommen schwer beladen auf Fahrrad und mit Leiterwägelchen. Welch ein Bild, welch ein Jammer und ernstlich will keiner an den verlorenen Krieg denken." Später ist zu lesen: "Zunahme des Flüchtlingsstroms. Die ersten bringen schon tote Säuglinge mit. Alte Frauen werden schon ganz entkräftet in Wägelchen von ihren Angehörigen nachgeführt." Auch wenn es eher knappe Worte sind, die Wilhelm Müller einst niedergeschrieben hat, zeigen diese, dass das Elend der Menschen den Autor berührte.

Drei Hefte füllen die Kriegserinnerungen. Nachzulesen sind auch Notizen über die Sprengung der Kupferbrücke. Am 3. April 1945 geschah das. Einen Tag später schreibt Wilhelm Müller über die Kocherbrücke: "Nach Abweisung aller Vorstellungen und Einwände Sprengung der altehrwürdigen Kocherbrücke. Alte Leute haben geweint." Irmgard Schelling weiß, "ein Bild der Verwüstung" habe sich den Menschen damals geboten.

Geschosshagel von Brandgranaten

Rauch und Funken über der zerstörten Altstadt von Forchtenberg

Am 11. April 1945 marschierte die US-Army in Forchtenberg ein. Die Bewohner des stark zerstörten Kochertalstädtchens kommen aus den Gipsstollen, in denen sie Schutz vor den Brandgranaten gesucht hatten.

Foto: Archiv/ Koziol (Sammlung), US Army

Für Forchtenberg endet der Zweite Weltkrieg am 11. April 1945. An diesem Tag marschierten amerikanische Soldaten in die Stadt ein. Wilhelm Müller schreibt in seinem Tagebuch, dass am Abend zuvor ein "Geschosshagel von Brandgranaten" niedergegangen war, so dass schon bald das Zentrum des Ortes in Flammen stand. Müller erzählt: "Welch ungeheure Werte an Vieh, Schweinen, Holz und Möbeln gingen zugrunde, welche unersetzbaren Familienstücke, Bilder und Urkunden gingen in Flammen auf.

Welches Bild bot dieser ungeheure Schutthaufen, immer noch von Rauch und züngelnden Funken belebt, wenn man von der Kirche bis an die Kocherbrücke schaute!" Später ergänzt der Geschichtsschreiber: "Das schöne, malerische, altehrwürdige Forchtenberg ist in seiner Gesamtheit nicht mehr. Das furchtbare Kriegsunglück ging über das winkelige Städtchen hinweg, in dem vor und noch während des Krieges so viele Maler saßen. Die alten Bilder werden einst gesucht sein."

Zeugnisse der Vergangenheit

Rauch und Funken über der zerstörten Altstadt von Forchtenberg

Irmgard Schelling mit dem Tagebuch ihres Opas vom Kriegsende.

Foto: Koppenhöfer

Wilhelm Müller hat mit seiner Vermutung nicht unrecht: Gemälde, Zeichnungen oder auch Fotografien aus Forchtenbergs Vergangenheit sind wertvolle Zeugnisse. Ebenso auch Niederschriften. Zu diesen darf man die Kriegstagebücher Wilhelm Müllers zählen. Der Lehrer und Heimatforscher hat seine Aufzeichnungen der Tochter und später der Enkeltochter hinterlassen. Noch heute verwahrt Irmgard Schelling die Tagebücher ihres Großvaters im Büro ihres Vaters.

In der Vergangenheit hat Schelling sich intensiv mit den Aufzeichnungen beschäftigt. Auch ein Vortrag über die Kriegstagebücher ist dabei entstanden. Irmgard Schelling hat diesen im Jahr 2015 im Rahmen einer VHS-Veranstaltung gehalten. Die Informationen, die die Forchtenbergerin hat, will sie mit anderen teilen. Sie tut dies aus guten Grund. "Ich will auch zeigen, dass es immer wieder Krisenzeiten gab und dass man, wenn man zusammen hält, etwas erreichen und Krisen bewältigen kann."

Rauch und Funken über der zerstörten Altstadt von Forchtenberg

Oberlehrer Wilhelm Müller dokumentierte schriftlich die letzten Kriegstage.


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