"Wir sollten den Kopf nicht in den Sand stecken"

Flein  Fleins Bürgermeister Alexander Krüger fragt sich angesichts der Corona-Pandemie wie das Leben im Ort danach aussehen wird: Leiden Sozialkompetenz und Warmherzigkeit?

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Ortsverschönerung ist ein großes Anliegen von Bürgermeister Alexander Krüger, wie hier am "Gänsäcker"-Kreisel mit dem Kunstwerk.

Foto: Andreas Veigel

Die Infrastruktur ist in den vergangenen Jahren in Flein ausgebaut worden. Auf das äußere Erscheinungsbild, die Lebens- und Wohnqualität wird Wert gelegt. Ein zentrales Thema steht auf der Agenda, das Bürgermeister Alexander Krüger im Interview nennt: einen attraktiven Ortskern zu gestalten. 

 

Krüger, eigentlich hätten sie gestern Abend das traditionelle Fleiner Weinfest eröffnet. Haben Sie und die Vereine die coronabedingte Absage schon verkraftet?

Alexander Krüger: Jein. Natürlich haben wir die Situation akzeptiert und entsprechende Konsequenzen daraus gezogen. Auf der anderen Seite ist das Weinfest für die teilnehmenden Vereine ein wichtiges Ereignis. Und dazu kommt: Für viele Familien ist es ein Jahrestreffpunkt.

 

Es gibt noch keine Normalität im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben: keine Stimmbildung beim Sängerbund, keine Proben des Musikvereins, keine Anfeuerungen für die TV-Handballer: Haben Sie Sorge um das Gemeinschaftsleben?

Krüger: Ja, definitiv. Man stellt sich schon die Frage, wie es grundsätzlich weiter gehen wird. Ob alles in kurzer Zeit zum Normalbetrieb wieder hochgefahren werden kann, ist schon mit großen Fragezeichen verbunden.

 

Was macht die Pandemie mit einer Kommune und ihren Menschen?

Krüger: Ich muss unserer Bevölkerung großen Respekt zollen, wie hier vor Ort mit der Situation umgegangen wird. Die Frage wird sein: Was sind die bleibenden ,Schäden"? Wie weit setzt sich das Thema Abstand in den Köpfen fest? Und hat das vielleicht Auswirkungen auf die Warmherzigkeit untereinander? Man geht wahrscheinlich verstärkt in die digitale Welt, was Auswirkungen auf unsere Sozialkompetenzen haben wird.

 

Wie gingen Sie mit der Lage um?

Krüger: Für einen Bürgermeister, der eigentlich nah bei den Bürgerinnen und Bürgern sein sollte, ist das schon eine skurrile Situation. Man sitzt ja fast hinter verschlossenen Türen, kann in so einer Phase aber wenig auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt einwirken.

 

Wie hilfreich sind in diesen Zeiten die 14,5 Millionen Euro, die Flein auf der hohen Kante hat?

Krüger: Das muss man im Gesamtkontext sehen. Die erwirtschafteten Rücklagen gibt es in der neuen kaufmännischen Buchführung so nicht mehr. Aber objektiv betrachtet, ist die Gemeinde bei der Finanzausstattung gut aufgestellt. Der Gemeinderat muss über eine Haushaltssperre entscheiden oder ob wir nicht besser antizyklisch agieren sollten, um die Wirtschaft zu unterstützen.

 

Es wird Einbrüche bei Gewerbesteuer, Einkommenssteueranteil und Schlüsselzuweisungen geben. Wo muss die Gemeinde Verzicht üben?

Krüger: Unser großer Vorteil ist, dass wir im Unterhaltungsbereich unsere Hausaufgaben gut erfüllt haben. Da muss nichts groß geschoben werden. Wir bauen die Kalthalle für den Bauhof, sanieren das Felsenhaus und stellen die Straßenbeleuchtung auf LED um.

 

Viele Menschen sind in Kurzarbeit, sehen ihren Job gefährdet. Keine guten Voraussetzungen für ein neues Baugebiet. Sollte "Wolfsgraben/Lochäcker" nicht auf Eis gelegt werden?

Krüger: Vor der Krise ist nach der Krise. Ich denke vom Standort her und der Demografieperspektive, die Flein hat, sollte man nicht den Kopf in den Sand stecken. Wenn es mit dem Grunderwerb klappt, gehen wir das Thema an. Bis gebaut werden kann, vergehen noch Jahre.

 

Vor allem entlang der Ortsdurchfahrt sind viele alte Häuser durch Neubauten ersetzt worden. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Innenentwicklung?

Krüger: Die Entwicklung von Flein geht voran. Das war ja unser Ziel. Das sieht man auch an den Einwohnerzahlen. Durch den Zensus 2011 haben wir 300 Menschen verloren und sind jetzt trotzdem bei 7130 Einwohnern. Durch die kleine Gemarkung ist das Wachstum begrenzt. Flein ist bereits heute ein nachverdichteter Ort.

 

Der schicker und moderner geworden ist, betrachtet man etwa die Erlach- und Ilsfelder Straße und die Kreiselkunst. Ortsverschönerung ist eines Ihrer Themen. Was fehlt noch?

Krüger: Wir haben noch zwei Kreisverkehre, denen eine künstlerische Gestaltung gut tun würde. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Städtebauförderung sehr gut tut. Seit Jahrzehnten hatten und haben wir verschiedene Gebiete in diesem Programm. Dadurch ist der Kernort schon deutlich aufgewertet worden.

 

Der Edeka-Markt in der Erlachstraße ist eröffnet. Jetzt steht Franks Frischetreff gegenüber dem Rathaus leer. Was passiert nun im Herzen des Orts?

Krüger: Für die Gesamtentwicklung Fleins ist eine Aufwertung und Belebung der Ortsmitte von immenser Bedeutung. Es geht nicht nur um den Frischetreff. Die Gemeinde besitzt ja mehrere Grundstücke rund ums Rathaus. Daraus könnte man eine attraktive Ortsmitte gestalten. Ein Kernthema ist, die Bücherei hier anzusiedeln, sie aus dem Untergeschoss des Musiksaals ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Uns war es wichtig, die Bürgerschaft einzubeziehen und haben deshalb eine Umfrage gemacht. Für Mai war ein Event geplant mit Führungen rund ums Rathaus, um in Dialog mit den Bürgern zu kommen. Das fiel dem Corona-Virus zum Opfer.

 

Wohnbebauung ließe sich realisieren

Krüger: Das ist nicht unser Ziel. Was macht den Reiz einer Kommune aus, wenn im Ortskern keine Infrastruktur mehr vorhanden ist?

 

Vor einem Jahr wurde das Mobilitätskonzept vorgestellt. Welcher Baustein fehlt denn noch?

Krüger: Der Radweg entlang des Stadions ist fertig, die Ladeinfrastruktur steht. Es gibt sechs Standorte vom Rathaus bis zum Gewerbegebiet mit je zwei Lademöglichkeiten. Corona geschuldet fehlt noch das Car-Sharing-Fahrzeug am Rathaus. Wir sind mit diesem Konzept weit darüber hinaus gegangen, was sonst üblich ist.

 

Flein ist keine junge, sondern eher eine ältere Gemeinde. Wie reagiert die Kommunalpolitik auf den demografischen Wandel?

Krüger: Wir haben einen entsprechenden Altersdurchschnitt. Aber man mus auch sehen, dass wir die Kita in der Schulstraße nicht umsonst gebaut haben. Der demografische Wandel vollzieht sich anders als gedacht. Wir sind an dem Thema dran, haben die Gründung der Bürgerstiftung unterstützt, im Ärztehaus einen barrierefreien Bürgertreff installiert. Wir senken seit Jahren bei Baumaßnahmen die Gehwege ab.

 

Mit der Kinderbetreuung, vor allem in den Ferien, sind nicht alle Eltern zufrieden, andere Kommunen sind familienaffiner. Wenn die Zeiten wieder normal sind, wird da nachjustiert?

Krüger: Wird sind froh, dass wir gutes qualifiziertes Personal haben und müssen gucken, wie wir mit der Situation klar kommen. Das Thema ist komplex. Auf der einen Seite brauchen wir einen ausgeglichenen Haushalt, auf der anderen Seite ist der Wunsch nach ausgebauter Betreuung da. Die Personalkosten sind ein großer Bereich im Etat, der weiter wächst.


Zur Person

Alexander Krüger ist 52 Jahre alt. Er und seine Frau Britta haben zwei Kinder, Paula (16) und Henry (14). Der Diplom-Verwaltungswirt kam aus Lauda-Königshofen 2007 nach Flein. Er gewann die Bürgermeisterwahl im zweiten Wahlgang. Bei seiner Wiederwahl 2015 ohne Gegenkandidaten schaffte er es auf 99 Prozent der Stimmen.


 

Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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