Bei Hilfsprojekten von Fleinern in Indien geht es ums nackte Überleben

Flein  Die Fleiner Kinderärztin Dr. Monika Golembiewski und Pfarrer Markus Schanz berichten von katastrophalen Auswirkungen von Corona in Indien. Menschen werden mit Lebensmitteln versorgt. Die Teams vor Ort wachsen über sich hinaus.

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Bischof Singh (rechts) und sein Team von der Nethanja-Kirche, dessen Verein Markus Schanz als Geschäftsführer leitet, helfen in den Slums mit Nahrungsmitteln. Ein Hoffnungsschimmer für die Armen.

Monika Golembiewski und Markus Schanz machen sich große Sorgen. Am liebsten wären die Kinderärztin und der evangelische Pfarrer jetzt vor Ort bei ihren jeweiligen Hilfsprojekten. Aber die Fleiner sind weit weg. Wann sie wieder nach Indien fliegen können, ist in Zeiten von Reise- und Einreiseverboten nicht abzusehen. Was richtet die Corona-Pandemie bei ihren Schutzbedürftigen an? Die Berichte, die Monika Golembiewski und Markus Schanz von ihren Teams erhalten, sind erschreckend: Es geht ums nackte Überleben.

Menschen können kein Geld verdienen

"Das Problem war, dass die Bewohner in ihren Dörfern bleiben mussten", erzählt Monika Golembiewski, die sich mit ihrem Verein Shining Eyes um die arme Shanta-Bevölkerung in Westbengalen kümmert, von der strikten Ausgangssperre. "Deshalb konnten die Menschen kein Geld verdienen und hatten nichts zu essen." So hat das Personal im Kinderkrankenhaus St. Mary in Bolpur, das der Verein aufgebaut hat, Notpakete geschnürt mit Getreidebrei für Kinder und fünf Gemüsesorten für die Familien. Die Ration reiche für vier Tage. Nur auf abenteuerliche Weise gelangten die Mitarbeiter in die Dörfer, um die Notrationen zu überbringen. "Wer auf der Straße war, wurde verprügelt", erzählt Golembiewski. "Die Situation war prekär."

Zyklon "Amphan", der im Mai in Indien und Bangladesch tobte, verschärfte die Ernährungslage. "Die Reisfelder und Gemüsegärten sind zerstört", berichtet Golembiewski von katastrophalen Schäden in "ihren" westbengalischen Dörfern. Deshalb verteilte ihr Team Saatgut an die Familien in den 33 Orten, in denen Shining Eyes Projekte, unter anderem Ernährungsprogramme, anbietet.

Kinderkrankenhaus nach Zwangspause wieder offen

Nach zwei Monaten Zwangspause konnte die Ambulanz des Krankenhaus am 1. Juni wieder die Schwangerenvorsorge aufnehmen. "Auch der Kinderarzt kommt wieder", ist Golembiewski froh. Denn die Volunteers - eine Kinderärztin, eine Hebamme und eine Ernährungsstudentin - mussten das Krankenhaus Hals über Kopf verlassen und kamen am 1. April mit der Rückholaktion des Auswärtigen Amtes zurück nach Deutschland.

"Es hat sich bewährt, sie medizinisch auszubilden", sagt Golembiewski über das von ihr installierte System der Dorfhelfer. Diese ziehen von Haus zu Haus, um sich um kranke Menschen zu kümmern.

Heime, Schulen und Ausbildungsstätten geschlossen

Bei Hilfsprojekten von Fleinern in Indien geht es ums nackte Überleben

Nach zwei Monaten Zwangspause ist die Ambulanz des Krankenhauses St. Mary, das der Fleiner Verein Shinings Eyes aufgebaut hat, wieder geöffnet. Ohne Mund-Nasen-Schutz geht nichts.

Fotos: privat

Wegen des harten Lockdowns in Indien musste die Nethanja-Kirche in Andhra Pradesh ihre Kinderheime, Schulen und Ausbildungsstätten schließen. "Es ist echt hart für die Kinder. Sie gehen extrem gerne in die Schule, weil sie wissen, das ist die Chance ihres Lebens", sagt Markus Schanz, Geschäftsführer des Vereins Kinderheim Nethanja Narsapur/Christliche Mission Indien. Irgendwo in den Großclans in Slums oder Dörfern seien die Kinder und Auszubildenden untergekommen.

Auch Schanz berichtet, dass es bei den Armen ums nackte Überleben geht. "Das Riesenproblem ist, dass die Leute verzweifeln. Wir sind noch rechtzeitig gekommen, um Essen zu bringen und Hoffnung", gibt er die Eindrücke der Helfer vor Ort wieder. Der Monatsetat des Vereins, 87.000 Euro, wird nun komplett nach Indien überwiesen. "Wir überlassen es eurer Weisheit, es dort einzusetzen, wo Not ist", hat Schanz den Empfängern übermittelt. Völlig überwältigt ist er davon, dass im April 323.000 Euro, im Mai 18 800 Euro an Spenden aus dem Freundeskreis des Vereins zusammenkamen, die ebenfalls vollständig in die Hilfe vor Ort fließen.

Davon will auch der Staat profitieren. Schanz erzählt, dass dieser von Organisationen, die aus dem Ausland unterstützt werden, Geld verlange. "Wir geben Materialien für Bedürftige und Schutzkleidung für Krankenhäuser, kein Bargeld."

Millionen von Wanderarbeitern sind unterwegs

Schanz befürchtet Schlimmes, was die Verbreitung des Corona-Virus" betrifft. 100 Millionen Wanderarbeiter, die in den Städten ihren Job verloren hätten, seien unterwegs in ihre Heimatdörfer. "Sie bringen das Virus mit und streuen es", meint auch Golembiewski. "Das ist gar nicht zu halten, sondern eine Lawine", prophezeit der Pfarrer.

In der Katastrophe können die beiden Fleiner, die zuletzt im Februar in Indien waren, dennoch Positives berichten. Einhellig sind sie von ihren Teams und Partnern vor Ort beeindruckt. "Sie fühlen sich verantwortlich und laufen nicht davon. Ich bin positiv erstaunt, weil sie es gut und verantwortungsvoll hinbekommen", sagt Golembiewski. Und Markus Schanz stellt fest: "Es ist eine krasse Herausforderung für unsere Leute." Aber sie seien unheimlich kreativ.

Aufgaben der beiden Fleiner

Seit 25 Jahren leistet Monika Golembiewski Entwicklungshilfe für die arme Shanta-Bevölkerung in Westbengalen. Ihr Verein Shining Eyes bietet medizinische Versorgung und Ernährungsprogramme. Im Mai ist die Fleinerin vom Bundesverband der Kinderärzte als Pädiater in Krisengebieten ausgezeichnet worden. Markus Schanz ist seit 2016 Geschäftsführer des Vereins Kinderheim Nethanja Narsapur/Christliche Mission Indien.

 
 

Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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