Französischer Charme oder Retourkutsche?

Erlenbach/Binswangen  Über die Herkunft der Spitznamen für die Bewohner Erlenbachs und Binswangens gibt es unterschiedliche Versionen. Noch heute besteht eine liebevoll gepflegte Rivalität zwischen den zwei Orten.

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Zumindest die Binswanger haben sich so gut mit ihrem Spitznamen angefreundet, dass sie ihren Carnevals-Club danach benannten. Die Boschurle haben es damit zu landesweiter Bekanntheit gebracht.

Foto: Archiv/Glanz

Erlenbach und Binswangen – die Ortsnamen beziehen sich auf ein von Erlen gesäumtes Fließgewässer und auf ein Binsenfeld – waren über Jahrhunderte hinweg von Kriegen stark gebeutelt. Erst wurden als Rache für die Anführerschaft dreier Erlenbacher im Deutschen Bauernkrieg 1525 Aufstände in beiden Orten niedergeschlagen und weite Teile von Erlenbach und Binswangen zerstört. Außerdem entzog man Erlenbach sein Hochgericht für Jahrzehnte. Interessant ist in diesem Zusammengang, dass Erlenbach und Binswangen in Sachen Gerichtsbarkeit schon seit 1279 eine Einheit bildeten, sich das Gericht aus dem Erlenbacher Schultheißen sowie elf Richtern aus beiden Orten zusammengesetzt hatte.

Dann wütete Mitte der 1620er Jahre die Pest, die in beiden Orten so viele Todesopfer forderte, dass die Erlenbacher einen eigenen, außerhalb des Dorfes gelegenen Pestfriedhof errichteten. Kaum, dass sich die Bewohner davon erholt hatten, brachte der Dreißigjährige Krieg noch größeres Leid: 1643 brannten schwedische und französisch-weimarische Truppen Erlenbach nieder. Mehr als die Hälfte des Orte wurde komplett zerstört. Ein gutes Jahrhundert später besetzten Franzosen in den Napoleonischen Kriegen zwischen 1799 und 1814 die beiden Gemeinden – und brachten den Binswangern ihren Spitznamen ein.

Erste Variante: Buschurle kommt von den französischen Besatzern

Boschurle oder Buschohre – das ist hier die Frage. Die Binswanger jedenfalls behaupten mit Vehemenz, dass ihr Spottname "Boschurle" sei. Eine einleuchtende Erklärung liefern sie gleich mit: Während der Napoleonischen Kriege kamen viele französische Besatzungskräfte nach Deutschland und auch nach Binswangen.

Einige der Franzosen sind – vielleicht wegen des guten Weines der am Fuße des Kaybergs nachgewiesenermaßen seit 1177 angebaut wird – dort hängengeblieben. Sie ließen sich nieder und wurden sesshaft. Um eines der netten Binswanger Mädle heiraten zu können, verhielten sich die Franzosen äußerst charmant, waren freundlich und grüßten die Einheimischen immer schön mit "bon jour". Seither heißen die Binswanger Boschurle.

Eine zweite Variante kommt von den Erlenbachern

Ihre Nachbarn in Erlenbach sehen das vollkommen anders. Sie haben eine ganz andere Variante der Namensgebung in petto. Warum auch immer – die Erlenbacher werden schon seit grauer Vorzeit von den Binswangern mit Schlackeohre (soll es etwas freundlicher wirken auch Schlackeöhrle) tituliert.

Warum das so ist, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls hätten sich die Erlenbacher unbändig über die Schlackeohre geärgert – und wollten den Binswangern diesen Spitznamen mit gleicher Münze heimzahlen. Deshalb gaben sie auf jedes Schlackeohr ein Buschohr (oder Buschöhrle) zurück. Von "bon jour" allerdings sei nie die Rede gewesen, heißt es. Ärgern sich die Erlenbacher auch noch so über den Spitznamen, so ist ihnen ein Schlackeohr immer noch lieber als ein Kreuzkopf. Das ist nämlich der zweite Uzname, mit denen man sie beglückt. Um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, weisen die Erlenbacher darauf hin, dass dieser Spottname zu allgemein sei, sich nicht ausschließlich auf sie und ihren Ort beziehe. Schließlich hätten vor Jahrhunderten Protestanten ihre katholischen Nachbarn im gesamten süddeutschen Raum als "Kreuzköpf" bezeichnet.

Unter der Herrschaft des Deutschen Ordens hatte nämlich die Reformation weder in Binswangen noch in Erlenbach Anhänger gefunden. Als man 1537 in beiden Dörfern Wiedertäufer festnehmen wollte, musste man feststellen, dass es weder hier noch dort einschlägig verdächtige Personen gab.

Liebevolle Rivalität

Auch wenn Binswangen seit 1935 nach Erlenbach eingemeindet wurde – es dauerte lange, bis sich beide Ortsteile richtig grün waren. Besonders die Binswanger konnten den Zusammenschluss beider Gemeinden sowie den Verlust ihrer Selbstständigkeit lange Zeit nicht verwinden. Noch im Jahr 1848 boykottierten sie deshalb die Ortsvorsteherwahl. Von mehr als 400 Stimmberechtigten gingen damals nur 24 zur Wahl. Damit wollten die Protestler eine Ausgemeindung erzwingen – ohne Erfolg.

Heute sind Erlenbach und Binswangen zu einer Einheit zusammengewachsen – was aber weder die einen noch die anderen davon abhält, von den Spitznamen Gebrauch zu machen. Und zumindest die Binswanger Boschurle haben es mit ihrem gleichnamigen Carnevals-Club zu landesweiter Berühmtheit gebracht.


Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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