Ellhofen wird als Wohngemeinde immer beliebter

Ellhofen  Die Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Nicht verwunderlich, denn Ellhofen punktet mit Natur und einer guten Infrastruktur. Die verkehrsgünstige Lage hat aber auch ihre Schattenseiten.

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Der Ketzersberg, von der Querspange aus gesehen. Bei diesem Anblick fühlt man sich wirklich an die Toskana erinnert.

Er ist ein bisschen abgegriffen. Immer wenn die Reize des Weinsberger Tals hervorgehoben werden, wird der Ausdruck von der Schwäbischen Toskana bemüht. Das mag sich gut machen - aber ganz ehrlich: Ein paar Weinberge neben- und hintereinander formen noch keine italienische Landschaft. Einige Orte allerdings gibt es, da trifft es der Begriff doch ziemlich genau. Da wähnt man sich wirklich zwischen Siena und Florenz. Ein solcher Ort ist der Ellhofener Ketzersberg, besonders, wenn man sich ihm von der Querspange her nähert. Nur ein paar hundert Meter im Rücken brettern Autos und Lkw über die A81 - und vor einem liegt die Toskana. Dass die Bäume, die oben scharf in den Himmel ragen, keine Zypressen sind, sondern banale Säulenpappeln - darüber sehen wir an dieser Stelle mal großzügig hinweg.

Blech und Postkartenidyll

Hier die Natur im Postkartenidyll, dort tonnenweise Blech: Diese Ambivalenz ist ein Wesenszug Ellhofens. Hier ist mit Erwin Württemberger noch ein echter Schäfer ansässig. Oft ist er mit seinen Tieren an der Sulm, im Wiesental, unterwegs - und nur ein paar hundert Meter weiter rollen auf der B39 zig tausend Fahrzeuge durch die Kommune. Tag für Tag.

Der Lärm und der Gestank der Fahrzeuge lässt Anlieger stöhnen, die B39 zerlegt Ellhofen in zwei Teile. Immerhin tut sie das nicht, wie im weiteren Verlauf, in Willsbach oder Löwenstein, im Ortskern. Ellhofens historische Mitte bleibt weitgehend unbehelligt von der Karawane ein paar Meter weiter nördlich.

Ellhofen wird als Wohngemeinde immer beliebter
Er rollt und rollt und rollt, der Verkehr auf der Bundesstraße 39.

Zwar gehört es fast zum guten Ton, auf den B39-Verkehr zu schimpfen, genauso wie auf den der Autobahnen 6 und 81, die sich unweit von Ellhofen kreuzen. Jedoch: Gerade diese Verkehrsachsen und die Schienen, auf denen Züge und Stadtbahnen Richtung Heilbronn und Öhringen am Ort vorbeirollen, haben das Dorf zu dem gemacht, was es heute ist: eine begehrte Wohngemeinde. Aktuell leben hier gut 3700 Menschen. Tendenz in den vergangenen Jahren: stark steigend. Die großen Arbeitgeber der Region sind in Reichweite, und selbst in den Großraum Stuttgart ist es nicht mehr weit.

Ortsmitte wird neu gestaltet

Der Einwohnerzuwachs spült Geld in die Gemeindekasse, die Gewerbesteuerzahler am Ort, allen voran Edeka Südwest mit seinem Logistikzentrum und 730 Mitarbeitern, tun es auch. Da lässt sich ganz komfortabel die Grundschule samt einer Kita für fünf Millionen Euro erweitern, ohne dafür einen Cent Schulden machen zu müssen. Und es lässt sich vergleichsweise entspannt über die millionenschwere Neugestaltung der Ortsmitte nachdenken, mit Rathaus-Erweiterung und einigen anderen Annehmlichkeiten.

Ellhofen wird als Wohngemeinde immer beliebter

Die evangelische Kirche zum Heiligen Kreuz, St. Peter und Genovefa.

Für eine Kommune dieser Größe ist die Infrastruktur Ellhofens mehr als passabel: Die Grundschule läuft im freiwilligen Ganztagsbetrieb, Kita-Kinder werden von 7 bis 17 Uhr betreut, es gibt ein Pflegeheim, eine Halle für den Sport, eine weitere für Kulturelles, zwei Supermärkte, davon einer nagelneu und ziemlich groß, es gibt einen noch gut funktionierenden Ortskern mit Bäcker, Metzger, Schreibwarenladen, und es gibt seit Juli 2019 endlich wieder eine Allgemeinarztpraxis. Dazu ein reges Vereinsleben, ein vielfältiges Sportangebot und alle weiterführenden Schulen gleich in mehrfacher Ausführung im Umkreis von wenigen Kilometern.

Viele Annehmlichkeiten sind der Weitsicht von Bürgermeister Wolfgang Rapp und den Gemeinderäten zu verdanken - wobei es ganz und gar nicht die Art des Rathauschefs ist, sich selber auf die Schulter zu klopfen. Im Gegenteil: Anders als mancher Amtskollege agiert Rapp angenehm zurückhaltend.

Es wurde auch gestritten

Ellhofen wird als Wohngemeinde immer beliebter
Das Ellhofener Rathaus prägt die Ortsmitte. Gebaut wurde es 1859 als Schulhaus. In absehbarer Zeit wird es saniert und erweitert. Fotos: Mugler/Archiv/Mugler

Ellhofen - ein Hort der Glücksseligen also? Na ja, nicht ganz. Es wurde auch schon heftig gestritten, damals 2012, als die Diskussion um den Feuerwehrstandort in einem Bürgerentscheid gipfelte. Es gab viel böses Blut. Doch längst steht zwischen Ellhofen und der Nachbargemeinde Lehrensteinsfeld ganz selbstverständlich ein neues Magazin. Längst sind die Wehren der beiden Orte unter dem Dach eines Zweckbverbandes verschmolzen - eine Tatsache mit Vorzeigecharakter, landesweit sogar.

Wie viel Wachstum verträgt der Ort?

Wie so vieles in Ellhofen, hat die wachsende Beliebtheit ihre Kehrseite: Wie viel Wachstum verträgt eine Gemeinde, die eine Fläche von nicht mal 600 Hektar hat? Im zuletzt erschlossenen Baugebiet hätte die Kommune jeden ihrer Plätze fünf Mal verkaufen können. Der Druck ist groß. Gemeinderat und Bürgermeister lassen sich zum Glück nicht zu sehr unter Dampf setzen - auf dass der Ort seinen Charakter im Kern bewahrt und der Ketzersberg die Kopie der Toskana bleibt.

 
 

Anja Krezer

Anja Krezer

Autorin

Anja Krezer ist seit 1999 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Sie berichtet hauptsächlich aus dem Weinsberger Tal. Außerdem liegt ihr das Thema Bildung/Schulen am Herzen.

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