Wo Trauben wachsen, wohnt man traubenhaft

Eberstadt  Der Weinbau spielt in Eberstadt nach wie vor eine wichtige Rolle. Ein neues Baugebiet soll den Trend der schrumpfenden Bevölkerung umkehren.

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Ortsporträt: Wo Trauben wachsen, wohnt man traubenhaft

Egal, aus welcher Richtung man kommt: Die evangelische Ulrichskirche rückt immer als erstes ins Blickfeld. Das Sandsteingebäude prägt das Bild der rund 3000 Einwohner großen Weinbaugemeinde.

Fotos: Dennis Mugler, Archiv/Tschürtz

Zugegeben: Er wirkt etwas bemüht, der Slogan der Gemeinde, ohne den kein Brief das Rathaus verlässt und der auf der Homepage der Kommune prangt: "Leben in traubenhafter Umgebung" steht da. Na ja. Es gibt bessere Werbetexte. Andererseits trifft es der Spruch doch ziemlich gut.

In Eberstadt dreht sich - immer noch - sehr viel um den Weinbau. Große Gewerbebetriebe gibt es kaum (mehr), größter Arbeitgeber am Ort ist mit 100 Beschäftigten die Firma Hirschmann Laborgeräte.

Wo es wuselt und wimmelt

Und die meisten Alteingesessenen haben ihn auch noch, ihren Wengert. Wenigstens im Nebenerwerb. Das entsprechende Gerät haben sie auch, so dass es bisweilen wuselt und wimmelt in den Weinbergen am Eberfirst, diesem wuchtigen Rücken, an dessen Fuße sich die Kommune schmiegt - mitnichten eine Stadt übrigens, sondern ein Kind der Verwaltungsreform der 1970er Jahre - ein Zusammenschluss zweier Dörfer: Eberstadt und das verkehrsgeplagte Hölzern.

Dazu die drei Weiler Klingenhof, Lennach und Buchhorn - letzteres beinahe eine Rarität, weil es so etwas nicht oft gibt im Landkreis Heilbronn: In Buchhorn geht's nicht weiter. Schluss, aus, Sackgasse, Ende Gelände. Ein Umstand, der sehr zur Idylle Buchhorns beiträgt.

Die Gemeinde ist eine Ausnahme

Zurück zu den Alteingesessenen. Es gibt noch einige, und im Verhältnis zu den Neubürgern gibt es sogar recht viele. Im Vergleich zu anderen Orten im prosperierenden Wirtschaftsraum Heilbronn, zumal im attraktiven Weinsberger Tal, ist Eberstadt eine Ausnahme: Die Bevölkerung schrumpft.

Vor 15 Jahren - 2005 also - verzeichnete die Statistik des Regionalverbandes Heilbronn-Franken 3202 Eberstädterinnen und Eberstädter. Ende 2018 waren es 100 weniger. 2019 gab es nach Angaben von Bürgermeister Stephan Franczak zwar ein paar Zuzüge und Geburten mehr, als Sterbefälle verzeichnet wurden. Doch das kann auch nur eine Momentaufnahme sein. Der langjährige Trend jedenfalls sieht anders aus.

Ortsporträt: Wo Trauben wachsen, wohnt man traubenhaft

Das alte Schulhaus wurde vor ein paar Jahren aufwendig saniert.

Letztes Baugebiet wurde vor langer Zeit ausgewiesen

Woran liegt's? Wohl kaum an der traubenhaften Umgebung. Immerhin die Hälfte der 1250 Hektar großen Gemarkung sind Felder, Wiesen und Weinberge, und ein Drittel ist bewaldet. Es liegt eher daran, dass diese traubenhafte Umgebung in den vergangenen 23 Jahren kaum beschnitten worden ist.

So lange ist es her, weiß der Bürgermeister, dass in der Gemeinde das letzte größere Baugebiet erschlossen wurde - in anderen Kommunen des Weinsberger Tals wäre das undenkbar. 2020 nun sollen Felder zu Bauplätzen werden. Manch einer mag es erst glauben, wenn der Bagger in die "Kirchhofäcker/Krautgärten" rollt. Manche bauwillige Familie hat jahrelang darauf gewartet, dass Gemeinde und Grundstücksbesitzer sich endlich einigen. Ihr Eigenheim steht längst woanders.

Der Sparstrumpf ist leer

Vor einigen Wochen erst hat der Gemeinderat einen Knopf dran gemacht, und voraussichtlich 2021 sollen Häuslebauer auch in Eberstadt loslegen können. Die finanzschwache Kommune - wegen ihre neuen Halle ist der Sparstrumpf geleert und sind zwei Millionen Euro Schulden gemacht - braucht neue Einwohner, um ihre Infrastruktur am Leben zu halten: die Grundschule ebenso wie das Vereinsleben. Letzteres prägt vor allem der VfL. Fast jeder dritte Einwohner ist Mitglied.

Beim Thema Baugebiet schließt sich der Kreis. Wer dort einmal wohnt, lebt tatsächlich den Slogan der Gemeinde. Das Weinhaus Eberstadt ist nämlich ganz nah. Fast zu nah sogar, denn für das Nebeneinander von Wengertern und Neubürgern müssen Spielregeln aufgestellt werden.

Auf die WG ist die Gemeinde stolz

Zwar verschmolz die WG Eberstadt 2011 mit den Genossenschaften aus Löwenstein, Willsbach und Eschenau, und Eberstadt taucht im Namen "Winzer vom Weinsberger Tal" nicht mehr auf. Doch fast die Hälfte der knapp 600 Mitglieder ist aus Eberstadt, und so ist die WG mit einer Rebfläche von rund 450 Hektar und ihrem Standort Eberstadt - der zweite ist Löwenstein - doch der ganze Stolz der Gemeinde. Ein Stolz, der in traubenhafter Umgebung Identität stiftet.


Historisches

In einer Urkunde von Papst Innozenz IV. wird Eberstadt 1247 erstmals urkundlich erwähnt. Hölzern wird erstmals um 1100 schriftlich genannt. Die Kommune ist überwiegend evangelisch geprägt; der Pietismus spielte lange Zeit eine bedeutende Rolle im örtlichen Leben.

Sehenswert im Eberstädter Ortskern ist das Sandsteinensemble aus der evangelischen Ulrichskirche, deren Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, und dem Rathaus. Nicht weit entfernt steht das alte Schulhaus, das vor ein paar Jahren sehr aufwendig saniert wurde. Welche Bedeutung der Weinbau in Eberstadt hat, lässt sich auch am Bedauern darüber ablesen, dass die ehemalige Kelter am Marktplatz, in der zuletzt ein Schlecker-Markt untergebracht war, seit ein paar Jahren leer steht.

Auch das, was Eberstadt seit 1978 weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht hat, ist inzwischen Geschichte: Die Weltelite des Hochsprungs traf sich 2018 zum letzten Mal beim Meeting unter dem Eberfirst.


Anja Krezer

Anja Krezer

Autorin

Anja Krezer ist seit 1999 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Sie berichtet hauptsächlich aus dem Weinsberger Tal. Außerdem liegt ihr das Thema Bildung/Schulen am Herzen.

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