Not, Armut und Neid als Urheber für Spitznamen

Brackenheim  Die Spitznamen der Heuss-Städter sind oftmals Retourkutschen, die Bewohner umliegender Ortschaften einst vergeben haben.

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Spitznamen entstammen oft einer Zeit, in der Not und Armut herrschten. Zwar blickt Brackenheim – heute die größte Weinbaugemeinde Württembergs und Rotweinhochburg Deutschlands – auf eine mehr als 700-jährige Wengertergeschichte und traditionsreiche Landwirtschaft zurück, trotzdem gab es Epochen, in denen es die Stadt und ihre Bewohner schwer gebeutelt hat. Erst erlitt Brackenheim im 30-jährigen Krieg Plünderungen, Einquartierungen und verwüstete Felder, dann machten 1688 erneute militärische Operationen beim Pfälzer Erbfolgekrieg Bemühungen, die Not zu lindern, kaputt.

Und dann ereignete sich inmitten dieser Wirren im Mai 1691 noch ein großer Stadtbrand, bei dem 112 Gebäude zerstört wurden. Der Umstand, dass die Einwohner umliegender Gemeinden ihr Mobiliar und ihre Fruchtvorräte in der vermeintlich sicheren Stadt eingelagert hatten, vergrößerte das Ausmaß der Katastrophe noch zusätzlich. Die Folge waren Hungersnot, Armut und Missernten, die durch kriegerische Handlungen noch vergrößert wurden.

Der Wiederaufbau Brackenheims zog sich bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Irgendwann in diesem Zeitraum dürften die folgenden Spitznamen entstanden sein.

Mit Neid haben die Brackenheimer im früherer Zeit wohl auf ihre reichen Nachbarn in Schwaigern geblickt, bei denen es reichlich Korn und Brot gab. "Laiwlen" nannten sie deshalb die Schwaigerner. Als die Not in Brackenheim am größten war, das Stadtspital nach dem Frühgottesdienst kleine Brote an die Armen Brote ausgeteilt hat, da konterten die Schwaigerner und verpassten ihnen den Spitznamen Spitallaiblesfresser.

Gleiches mit gleichen vergalten offenbar auch die Nachbarn aus Weiler. Weil sie von den Brackenheimer als Schnecken tituliert wurden, gaben sie die Schwälble als Retourkutsche zurück. Den dritten Uznamen haben die Heuss-Städter ihrem Wappen mit dem Bracken zu verdanken: Hunde. Und für die Botenheimer waren die Stadtbewohner schlicht die Schö'gwäschene.

Aus gutem Grund. Botenheim galt nämlich einst als Heimat der Hexen. Flink seien sie gewesen – ganz besonders dann, wenn sie ihr Unwesen trieben. Und sie hatten der Überlieferung zufolge dunkle Gesichter.

Hausen an der Zaber wird auch Hausen an der Sau oder Säuhause genannt. Das ist vermutlich der Grund, warum sie sich selbst als Säureiter bezeichnen.

Feine Gerste, alltäglicher Roggen. Gerade von Letzterem gab es in Meimsheim reichlich. So viel, dass die Bewohner des Örtchens sogar an Festtagen nur Roggenbrot verzehrten. Ihre Nachbarn vermuteten deswegen, dass die Meimsheimer – zwecks besserer Ernte – des Nachts auf ihren Felder gingen, um den Roggen heimlich anzulupfen, sie also Roggelupfer seien. Vom Getreideanbau schienen die Meimsheimer jedenfalls mehr zu verstehen als vom Anbau von Zwiebeln. Der Überlieferung zufolge hätten die Bewohner des heutigen Brackenheimer Stadtteils die grünen Röhren der Zwiebeln auf den Feldern gnadenlos niedergetrampelt – womit sie sich zusätzlich den Spitznamen Zwiebeltreter einhandelten.

Griileshenker. Diesen Spitznamen haben die Stockheimer mit den Bönnigheimern gemein. Beide Ortschaften erhielten die Titulierung übrigens aus dem selben Grund: Eines Tages, so heißt es, habe ein kleiner Bub die Aufgabe gehabt, eben ausgeschlüpfte Gänseküken – Griile im Dialekt – zu hüten. Als die ins Wasser gingen und nass wurden, bekam es der Dreikäsehoch mit der Angst zu tun.

Er befürchtete, dass ihn seine Mutter in den Senkel stellen würde, weil er nicht gut genug auf die Griile aufgepasst hatte. Also fing er die jungen Gänse ein, nahm sie mit nach Hause und hängte sie dort zum Trocknen am Ofen auf.

Der einzige Stadtteil ohne eigenen Uznamen ist Haberschlacht. Bei ihm findet sich nur ein überlieferter, uralter Spruch, der nach Meinung ihrer Nachbarn die Mentalität der Haberschlachter ganz gut beschreiben soll: "Haberschlacht heult – die Stockheimer sind g'storbe. Und der Neipperger geht zur Leich."

Dass kleine Griile schon schwimmen können, das hatte ein Stockheimer Knirps nicht gewusst − und die Gänseküken zum Trocknen am Ofen aufgehängt.

Foto: dpa


Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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