Erni Riexinger macht Bad Friedrichshaller Geschichte lebendig

Bad Friedrichshall  Stadtführerin Erni Riexinger begeistert seit 2005 Gäste in Kochendorf. Sie blickt inzwischen auf 200 Führungen zurück.

Von Ute Plückthun
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Gästeführerin Erni Riexinger vor dem Greckenschloss, das in normalen Zeiten etwa für die Schlossnacht oder die Mondscheinführung eine ideale historische Kulisse bietet.

Foto: Ute Plückthun

Geschichte ist für Erni Riexinger mehr als nur Zahlen und Fakten. Das wird deutlich, wenn die Stadtführerin davon erzählt, wie der ortsadlige Wolf Greck sein Erbe dreigeteilt und sein Ältester das Lehenschloss bekommen hat, weil Philipp mit Friedrich Goldstein schon einen Erben vorweisen konnte. Aber der Sechsjährige verstarb, wurde in der Sebastianskirche beerdigt und auf der Grabplatte mit Cape und Schwert dargestellt. Die Geschichte rundet Riexinger mit dem Grabspruch des Vaters für den Sohn ab: "So viel Tränen und Seufzer du hinterlässt, lieber Friedrich, so viel Freuden wirst du im Himmel haben."

Schnell entsteht ein lebendiges Sittengemälde der Renaissancezeit. Historisch fundiert, denn Einträge in Kirchenbüchern, Besitzurkunden oder in Stein gehauene Kindergrabsteine geben Zeugnis. Doch die Gästeführerin liest zwischen den Zeilen und stellt Querverbindungen her, bei denen die mächtigen Ortsadeligen zu Menschen aus Fleisch und Blut werden. "Es ist interessant, was man alles findet, wenn man nur ein bisschen gräbt."

Seit 2005 übt sie ihr Amt aus. Ihr 2019 gestorbener Mann Hans, leidenschaftlicher und profunder Heimatforscher in Sachen Kochendorfer Geschichte, Stadtarchivar und Verfasser wissenschaftlicher Schriften, war damals zum Tag des Offenen Denkmals für eine Führung im Schloss Lehen vorgesehen. Pfarrer Walter Hennig wollte die evangelische Sebastianskirche näher erläutern, war aber erkrankt. "Mach doch du", lautete der motivierende Kommentar ihres Mannes.

Recherchen im Heimatbuch

Zunächst dem Eintritt in die Männerdomäne Geschichte gegenüber zögerlich, hat sie bald das Interesse gepackt. Nicht zuletzt wegen des ausgesprochenen Zuvertrauens. "Ich habe im Heimatbuch gelesen und mir Sachen herausgeschrieben", erinnert sie sich an ihre Recherchen, die zu weiteren Themen wie der Reformation, den Grecken oder Hochzeitsbräuchen mittlerweile ein dickes Buch füllen.

Mit Erfolg. Mittlerweile sind es über 200 Führungen, die die zweifache Mutter und fünffache Großmutter für das Stadtmarketing absolviert hat. Zum Heuchlinger Schloss, der Duttenberger Kreuzkapelle, der Sebastianskirche und den Kindergrabsteinen, dem Alten Friedhof Kochendorf und dem Judenfriedhof, dem Salzwanderweg. Seit zwei Jahren widmet sie sich auch dem sanierten Alten Rathaus. Am Gedenkstein im Plattenwald beleuchtet sie das Leid im Konzentrationslager Kochendorf. "Es ist jetzt eine neue Generation da, die das gern wissen möchte."

Atmosphärisch sind ihr die Drei-Schlösser-Führung und die Mondscheinführung besonders lieb. Um sich in die Zeit mit Frauen wie Sibylla von Greck hineinversetzen zu können, hat sie sich bei gemeinsamen Nähstunden mit einer Freundin selbst eine Renaissancegewandung gefertigt.

Wichtige Quelle vor Ort

Seit 1971 lebt die in Offenau aufgewachsene Erni Riexinger in Kochendorf. Da ihr Mann ein "Ur-Kochendorfer" war, hat sie "gleich dazugehört". Dass auch gestandene Archäologen im Haus zu Gast waren, hat ihr historisches Interesse beflügelt. Immerhin war ihr Mann eine wichtige Quelle vor Ort.

So hat er bereits 1961 zwei römische Wachtürme ausgegraben und dokumentiert. Seine regelmäßigen Funde in einem Acker auf dem Lindenberg ließen ihn hier etwas Außergewöhnliches im Boden vermuten: ein römisches Kleinkastell. "Geschichte war ein Teil von ihm und ist mir dadurch auch wichtig geworden."

Kochendorf sieht sie seitdem mit anderen Augen. Als historisch prächtiges Gesamtensemble, mit gleich drei Schlössern auf einen Blick: "Das sieht man nicht so oft." Und die Herren seien auch nur Menschen gewesen, das weiß sie.

 

Gästeführungen

230 Führungen im vergangenen Jahr: Für Bad Friedrichshall sind fünf Stadtführerinnen und Stadtführer, zwei Radguides und zwei Kinderstadtführerinnen aktiv, eine davon unter Tage. Für Erwachsene bieten vier Frauen und Männer Führungen im Salzbergwerk an, das 2020 allerdings geschlossen ist und frühestens am 1. Mai 2021 öffnen wird. Aktuell finden sie in verändertem Rahmen mit maximal 20 Gästen, Registrierung der Kontaktdaten und bevorzugt im Außenbereich statt. Aus diesem Grund wurden die Schlossnacht der Gästeführer am 27. Februar und die Mondscheinführung Anfang März abgesagt. Alle anderen Führungen befinden sich derzeit in Planung. plü

 

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