Im Abstatter Kräutergärtle wächst gegen fast alles ein Kraut

Abstatt  Seit 2017 pflegt die Wildkräuter- und Heilpflanzenpädagogin Andrea Kimmerle das Gärtchen im Bürgerpark ehrenamtlich. Der Lehrpfad dürfte ruhig noch bekannter werden, sagt sie.

Email

Andrea Kimmerle schneidet Alant. Nach altem Brauch wird die getrocknete Wurzel in Rauhnächten verräuchert. Das soll Krankheiten austreiben.

Foto: Ekkehart Nupnau

Noch ist die Königskerze nicht erwacht. Ihren neuen Platz im Abstatter Kräutergärtle nimmt sie aber dankbar an. Kein Wunder: An dem sonnigen, lauschigen Plätzchen am Rande des Bürgerparks, umgeben von 79 anderen Heilpflanzen, Wild- und Küchenkräutern, lässt es sich schließlich besser aushalten als an einer ungastlichen Garagenwand. Denn an einer solchen hat Andrea Kimmerle die Königskerze vor einigen Wochen gefunden. Die Heilpflanze, deren Blüten als Tee gegen Husten helfen sollen, ist Andrea Kimmerles ganzer Stolz. Und: "So richtig wilde Kräuter zu finden, ist schwierig."

Seit gut drei Jahren kümmert sich die 57-jährige Abstatterin ehrenamtlich um das Kräutergärtle. Damals war sie einem Aufruf der Gemeinde im Nachrichtenblatt gefolgt, denn das Gärtchen verwilderte allmählich. Als Bestandteil des Bürgerparks ist es 2008 mit eingeweiht worden. So richtig hat es sich aber noch nicht ins Bewusstsein der Abstatter eingebrannt, weiß Kimmerle. Immerhin: Die Resonanz, die sie bekommt, sei gut. "Die Besucher schlendern einfach durch. Viele kommen auch von auswärts."

Dank Andrea Kimmerle gedeihen hier mittlerweile Gewürzfenchel, Johanniskraut, Sanddorn, Beinwell und mehr, außergewöhnliche Exemplare wie ein Goji-Beeren-Strauch nebst bekannten Küchenkräutern wie Schnittlauch und Rosmarin. Beim Gießen gehen Kimmerle derzeit die Mitarbeiter des gemeindlichen Bauhofs zur Hand. Ansonsten verbringt sie zwischen vier bis fünf Stunden in dem Garten.

Gärtnern bedeutet für Kimmerle Ausgleich

Für die zahnmedizinische Fachhelferin ein willkommener Ausgleich: "Für mich bedeutet das Gärtnern Ruhe. In der Natur fühle ich mich wohl." Woher sie ihr Faible für Pflanzen hat, kann Andrea Kimmerle nicht genau sagen. Gemocht hat sie sie schon immer. Ihr Interesse für Wildkräuter- und Heilpflanzen sei nach und nach bei Spaziergängen mit Hündin Cora gewachsen.

Irgendwann nahm Kimmerle ein Pflanzenbestimmungsbuch mit und wollte mehr aus ihrem Wissen machen: An der Naturschule in Freiburg absolvierte sie eine Weiterbildung zur Wildkräuter- und Heilpflanzenpädagogin.

Neben ihrer heilenden Wirkung faszinieren Kimmerle Pflanzen, die in Vergessenheit geraten sind wie der Odermennig, und auch die historische Bedeutung der Heilpflanzen. Die Benediktiner-Nonne Hildegard von Bingen hat sie sich zum Vorbild genommen. "Im Mittelalter wurde Lanzeneisenkraut nicht nur bei Wunden verwendet, die durch Eisenwaffen hinzugefügt wurden, sondern auch selbst beim Schmieden in die Waffen eingearbeitet", gibt Kimmerle einen Einblick in ihr Wissen. Oder: Sänger nutzen den Odermenning, wenn ihre Stimmbänder entzündet sind - daher der Name Sängerkraut. Immer wieder ist Kimmerle überrascht, gegen welches Zipperlein welche Pflanze wirken soll.

Nicht jede Pflanze wirkt bei jedem Anwender

Zu Hause finden ihre selbstgemachten Produkte Anwendung. "Wir müssen nur noch selten zum Arzt", sagt Kimmerle. Der gekaufte Beuteltee aus dem Supermarkt schmecke ihr schon gar nicht mehr, nur noch der selbst zusammengestellte. Und für ihre Haut nutze sie eine Creme aus Bienenwachs, verschiedenen und ätherischen Ölen. Sogar ihr Mann habe seine eigene Creme bekommen. "Er ist äußerst geduldig und offen, Dinge auszuprobieren."

Wie gut wirkt die Naturheilkunde? "Es gibt so viele Pflanzen, die bei Beschwerden helfen können. Aber jedes Wildkraut ist so individuell, wie es die Menschen sind - den einen hilft es, den anderen nicht. Manchmal braucht man Geduld, bis sich etwas tut", sagt die Pflanzenexpertin. Vom Rumexperimentieren rät Kimmerle allerdings strikt ab. "Bei schlimmen Krankheiten sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen."

Die nächste Führung

Andrea Kimmerle organisiert Kräuterwanderungen, bei denen sie essbare Wildpflanzen vorstellt, und gibt Workshops zur Zubereitung von Salben und Naturkosmetik. Den Brauch der Rauhnächte führte sie erstmals im Dezember 2019 im Abstatter Kräutergärtle vor: Auf Räucherkohle verräucherte sie getrocknete Pflanzenteile, Wurzeln und Harze. Die Besucher konnten daran schnuppern. Wer mehr über Heilkräuter erfahren will, kann sich für die nächste Führung am 28. August, 17 Uhr, per E-Mail an akimmerle@go4more.de anmelden. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

 

Linda Möllers

Linda Möllers

Autorin

Linda Möllers kam im November 2019 aus Weinheim zur Heilbronner Stimme. Nach einem Jahr in der Lokalredaktion ist sie seit 2021 in der Jugendredaktion.

Zurück zur Übersicht



Kommentar hinzufügen