Nach dem Bombenangriff: Ein Rundgang durch die menschenleere Stadt

Heilbronn  Als Ernst Fehrenbach nach dem Luftangriff 1944 durch Heilbronn läuft, sieht er Entsetzliches. In Trümmern suchen Heilbronner nach ihren Angehörigen. Auf der Allee liegen verkohlte Körper von Menschen. Ein Zeitzeugenbericht.

Von Ernst Fehrenbach
Email

Es gibt viele Zeitzeugenberichte über die Schicksalsnacht des 4. Dezember 1944. „Es gibt wohl kein Ereignis, das so gut dokumentiert ist in der Stadtgeschichte, wie dieser Tag“, sagt Stadtarchivdirektor Christhard Schrenk. Es mag sein, dass nicht jedes Detail in solchen Berichten der Wahrheit entspricht. Auf Erinnerungen ist nicht immer hundertprozentig Verlass. Dennoch ist es gerade der persönliche Blickwinkel, der das Ausmaß der Tragödie verdeutlicht.

Hier rekonstruieren wir die Nacht:

 

Dies ist der Bericht des Zeitzeugen Ernst Fehrenbach (*20.05.1927 †22.03.2019), der damals am Silcherplatz in Heilbronn wohnte: 

Der Herbst 1944 brachte Süddeutschland und damit auch den Heilbronnern den Bombenkrieg von Tag zu Tag näher. Vor Beginn der Invasion im Juni war ein Fliegeralarm bei Nacht nicht allzu häufig. Mit dem Näherrücken der Alliierten im Westen wurden im Spätsommer die nächtlichen Störungen durch Fliegeralarm zunehmend fast zur Regel.

Vom durchdringenden Heulen der Sirenen aus dem Schlaf gerissen, suchte die Bevölkerung Schutz vor möglichen Bombenangriffen in den Luftschutzräumen. Das waren in den meisten Fällen die im Haus vorhandenen Untergeschoss- oder Kellerräume. Dort saß man dann verschlafen und missmutig herum, hoffend auf baldige Entwarnung.

Die Frauen und Mädchen machten meist eine Handarbeit bei leiser Unterhaltung, um Schlafende nicht zu stören. Die Männer – soweit sie nicht zu ihrer Dienststelle mussten – hielten sich meist im Freien auf, lauschten auf Fluggeräusche und beobachteten den Nachthimmel.

 

„Die Erleichterung, diesmal wieder ohne Schaden davon gekommen zu sein, wurde überschattet von der unausgesprochenen Frage: Wann werden wir dran sein?“

von Ernst Fehrenbach

 

Da wir in der Nähe vom Silcherplatz wohnten, hatten wir eine kaum eingeschränkte Sicht nach allen Richtungen. In den Sommermonaten gab's meist nichts Besonderes zu sehen; in weiter Ferne gelegentlich die Lichtfinger der Suchscheinwerfer. Flakgeschütze waren in der Ferne fast immer zu hören, ebenso wie die in großer Höhe fliegenden Bombengeschwader. Aus der Flugrichtung suchten wir die Ziele der Angriffe zu erraten. Wo ihre nächtlichen Ziele lagen, konnte man am folgenden Tag dem Wehrmachtsbericht entnehmen.

Mit dem ersten Ton der Entwarnung rafften alle ihre Siebensachen zusammen und eilten nach oben, um den Rest der Nacht wieder im Bett verbringen zu können. Die Erleichterung, diesmal wieder ohne Schaden davon gekommen zu sein, wurde überschattet von der unausgesprochenen Frage: Wann werden wir dran sein?

In den letzten Monaten des Jahres wurden die nächtlichen Bombenangriffe auf Süddeutschland zunehmend häufiger und heftiger. Daraufhin wurde mit dem Bau von Splittergräben, Unterständen und Luftschutzstollen begonnen. Der uns nächstgelegene wurde im Park der Villa Brüggemann, nördlich der Ecke Ost-/Dittmarstraße angelegt. Dort gruben bei Tag Gefangene oder Zwangsarbeiter einen Stollen in den Berg, am Abend und bei Nacht schafften Freiwillige aus der umliegenden Bevölkerung den am Stolleneingang Iagernden Aushub an den Rand des Grundstücks.

Mit meinen Alterskameraden habe ich an manchem Abend bis tief in die Nacht mit Pickel, Spaten und Schaufel das Ausbruchmaterial weggekarrt oder am Vortrieb des Stollens in den Lerchenberg mitgearbeitet. Immer seltener wurden Nächte ohne Fliegeralarm. Häufig noch ein zweiter; nicht selten auch dreimal. Auch das nächtliche Szenarium änderte sich gewaltig.

 

„Ich hatte damals nur den einen Wunsch: Wieder mal eine Nacht durchschlafen zu können.“

von Ernst Fehrenbach

 

Am Horizont war bis in den frühen Morgen der Feuerschein der brennenden Städte zu sehen und das dumpfe Wummern der Explosionen zu hören. Diese immer häufiger werdenden nächtlichen Störungen hatten erhebliche Schlafdefizite zur Folge, die sich in allgemeiner Müdigkeit und Antriebslosigkeit bemerkbar machte. Ich hatte damals nur den einen Wunsch: Wieder mal eine Nacht durchschlafen zu können.

Unter diesen Bedingungen lebten wir in der Zeit von September bis zum 3. Dezember. Auch der 4. Dezember begann wie aII die Tage zuvor: Trübgraues Spätherbstwetter, Arbeit von 7 bis 12 und von 13.10 bis 18 Uhr. Ich hatte mir vorgenommen, am Abend ins Kino zu gehen, in den ersten Farbfilm, der in die Kinos kam. „Münchhausen“, von dem viel Sensationelles zu hören war. Nach dem Abendessen war bis zum Beginn um 20 Uhr noch reichlich Zeit, und so setzte ich mich noch kurz aufs Sofa, auf dem ich dann eingeschlafen bin.

 

„Es war wie ungezählte Male in den vergangenen Monaten: Totale Stille, kein Lichtschimmer irgendwo, außer dem des Mondes und der Sterne.“

von Ernst Fehrenbach

 

Wach wurde ich wieder, als meine Schwester an meinem Arm rüttelte und ungehalten fragte, warum ich noch da rumliegen würde, es sei doch Fliegeralarm, Alles sei schon lang im Keller! Aus lauter Müdigkeit hatte ich von dem Heulen der Sirenen nichts bemerkt. Die vielen Nächte mit Fliegeralarm, bei denen in unserem Gebiet nichts passierte, ließen mich ziemlich sorglos werden. So handhabte ich auch an diesem Abend alles sehr gemächlich. Schuhe und Mantel anziehen und ruhigem Schritt zu meiner Arbeitsstelle in der Wilhelmstraße zu gehen. Dort musste ich als Luftschutzhelfer bei Fliegeralarm anwesend sein. Der Weg ging durch die Gärten zum Bahngleis, das zum Südbahnhof gehörte und dann entlang der Happelstraße bis zur Wilhelmstraße, Gehzeit etwa 12 bis 15 Minuten.

Es war wie ungezählte Male in den vergangenen Monaten: Totale Stille, kein Lichtschimmer irgendwo, außer dem des Mondes und der Sterne. Es hatte etwas aufgeklart, einzelne Sterne waren zu sehen, die von ziehenden Wolken immer wieder verdeckt wurden. Auf dem halben Weg war in der Stille plötzlich ein Flugzeug zu hören, das deutlich tiefer flog als die, die wir sonst sehen und hören konnten. Die Geräusche wurden schwächer, dann wieder lauter, unverkennbar: Da kurvte ein Flieger über Heilbronn herum. Das war beunruhigend, denn das gab's noch nie.

Dann erschien ein schwaches Licht am Himmel, dessen Quelle durch den Gebäudekomplex der Familie Lichdi verdeckt wurde. Aufgeschreckt aus meinem Trott eilte ich zur Urbanstraße, wo ich dann den Beginn eines höchst eindrücklichen Feuerwerks beobachten konnte. Kleine, grell bläulich-weiße Lichtpunkte waren am Himmel, die langsam nach unten sanken und dabei schnell an Größe und Helligkeit zunahmen. Auch das typische Geräusch von brennendem Magnesium wurde lauter.

 

„Es wurde fast taghell, man hätte Zeitung lesen können. “

von Ernst Fehrenbach

 

Es wurde fast taghell, man hätte Zeitung lesen können. Meine an die Dunkelheit angepassten Augen ließen nur einen kurzen Blick auf dieses grandiose Feuerwerk zu, dann war die Helligkeit so grell und die Blendung so stark, dass jeder Blick nach oben schmerzte. Was diese Beleuchtung zu bedeuten hatte, war klar. Jeder hatte schon von den "Christbäumen" erzählen hören, mit denen den Bombergeschwadern die Ziele markiert wurden.

282 britische Lancaster-Fernbomber und ihre Besatzungen sind am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn angesetzt. 274 erreichen ihr Zielgebiet.  

Trotzdem blieb ich mit Herzklopfen und einem dicken Kloß im Hals stehen, um dieses Spektakel zu verfolgen und vielleicht noch einen Blick auf die Bomber zu erhaschen. Die Lichter kamen unaufhaltsam weiter herunter und blendeten so stark, dass nur noch ein ganz kurzes Blinzeln möglich war. Mit Erleichterung konnte ich beobachten, dass die gesamte Markierung durch einen leichten Wind langsam nach Nordosten abgetrieben wurde.

 

„Nach wenigen Sekunden verdichteten sich die Explosionen zu einem Inferno aus Lärm, Qualm und Feuer.“

von Ernst Fehrenbach

 

Stand ich zunächst noch innerhalb des markierten Bereiches, so war zu Beginn meiner Flucht in den Schutzraum mein Standort deutlich außerhalb. In das Geknister der Fackeln mischte sich, zunächst kaum hörbar, das dumpfe Brummen, das man von vorüberfliegenden Bomberflotten kannte. Meine Einschätzung, dass die Flieger noch weit weg sind und für mich noch genügend Zeit bliebe, um mich in Sicherheit zu bringen, erwies sich als Irrtum. Noch während ich auf der Straße stand und fasziniert auf dieses Feuerwerk schaute, fielen im Norden die ersten Sprengbomben. Zuerst waren noch die einzelnen Einschläge nach Detonationsknall und rotgelber Stichflamme zu unterscheiden, doch nach wenigen Sekunden verdichteten sich die Explosionen zu einem Inferno aus Lärm, Qualm und Feuer.

Das Letztere sah ich gerade noch so aus den Augenwinkeln, denn nach den ersten Feuerzeichen im Norden wollte ich Iosrennen zum nahe gelegenen Luftschutzraum meiner Firma. Aber geblendet von den Markierungsleuchten, konnte ich am Boden nur noch Schwarz sehen. Begleitet vom Heulen der fallenden Bomben, näherkommenden Einschlägen und einem unbeschreiblichen Krachen mit erstickendem Pulvergestank, erreichte ich den schützenden Keller - es war der schnellste Lauf und die längsten 300 Meter in meinem Leben.

Hotel Central am Bahnhof. Ab 19.18 Uhr fallen in 37 Minuten tonnenweise Bomben auf Heilbronner Stadtgebiet.  

Es war ein kleines Häufchen, das in dem zweistöckigen Kellerraum versammelt war. Ein gefangener französischer Offizier war die Vertrauensperson der von einer jungen Frau repräsentierten Betriebsleitung, und er war der Boss. Außer einigen Passanten, die hier Schutz gesucht hatten, war neben mir nur noch eine weitere Frau aus der Chefetage anwesend. Obwohl in der Nähe keine Sprengbomben fielen, waren die folgenden 20 Minuten infernalisch.

 

„Die Anwesenden starrten stumm auf den Boden, um sich dann nach einem besonders heftigen Donnerschlag wortlos in die Augen zu sehen.“

von Ernst Fehrenbach

 

Die Kellerwände aus massivem Beton bebten, die Lampen schaukelten, Blecheimer und anderes Gerät klapperten. Die Anwesenden starrten stumm auf den Boden, um sich dann nach einem besonders heftigen Donnerschlag wortlos in die Augen zu sehen. Als es nach einer guten halben Stunde oben ruhiger wurde drängten die ersten hinaus, um zu Sehen, was geschehen war und ob sie gefahrlos weitergehen konnten. Von der brennenden Innenstadt kommend, lag ein fahles Dämmerlicht über der Szene.

Dicker, in die Nase und Augen beißender Qualm zog durch die Straßen, und über die Häuser und immer mehr einzelne Personen, sichtlich sehr angeschlagen, eilten so schnell als es ihr Zustand zuließ, stadtauswärts.  Bei unserem Anwesen konnten wir zunächst nur erkennen, dass alle Fensterscheiben kaputt waren, und glaubten, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Dann zeigte sich im Dachstuhl des Wohnhauses eine Brandstelle, noch nicht groß, und sie wäre mit einigen Eimern Wasser zu löschen gewesen.

Da in allen Dachräumen nur zwei gefüllte Wassereimer bereitstehen mussten, konnte mit deren Inhalt der Brandherd nur wenig eingedämmt werden. Mit einigen weiteren Eimern voll Wasser wäre das Restfeuer zu löschen gewesen. Aber alle Leitungen waren tot, nirgends auch nur ein Tropfen Wasser. Die Erkenntnis, dass wir keine Chance hatten, die Ausbreitung des Feuers zu verhindern, war bitter. Statt zu löschen, fingen wir nun an auszuräumen und trugen in den Hof, was wir tragen konnten.

Aber auch hier stießen wir bald an unsere Grenzen. Zwei Männer und zwei Frauen können nur kleine Dinge bewegen, für größere fehlt Kraft, Werkzeug und Zeit. Mit Tränen in den Augen mussten die Eigentümer hilflos zusehen, wie sich das Feuer ausbreitete und Haus samt Inventar in Schutt und Asche verwandelte. Dass noch ein zweiter Brandherd in einem kleinen Zwischenbau aufgetreten war, der ebenfalls mit eigener Kraft zu löschen gewesen wäre, war dann ohne Belang.

Nachdem wir einige Zeit hiIf- und ratlos der Ausbreitung des Feuers zugeschaut hatten, sagte unsere Chefvertreterin plötzlich nach langem Schweigen: Wie wird es wohl Meiers gehen? Sind sie noch am Leben? Wir müssen unbedingt nach ihnen sehen! Und sah dabei den Französischen Offizier fragend an. Der zuckte mit den Achseln und sagte nur: Mon Dieu und nickte mit dem Kopf. Ich erfuhr von Hildegard, dass die genannten in der Stadtmitte im Haus der Handels- und Gewerbebank wohnten und ihre Tochter jenes junge hübsche Mädchen war, das so häufig mit einem Schnauzer an der Leine, zur Mittagspause wartend am Eingang stand.

 

„Das aus Holz gebaute ehemalige Wollhaus, ein einstöckiges Gebäude, war völlig niedergebrannt, es war nur noch ein Haufen schwach glimmender Asche.“

von Ernst Fehrenbach

 

Wir verließen die Brandstelle und gingen die Wilhelmstraße stadteinwärts. Vorbei an immer mehr brennenden Häusern und einem heruntergebrannten Straßenbahnwagen, passierten wir die Cäcilienstraße - in deren Bereich die letzten nicht nennenswert beschädigten Gebäude standen - und erreichten ohne Schwierigkeiten den Wollhausplatz. Das aus Holz gebaute ehemalige Wollhaus, ein einstockiges Gebäude, war völlig niedergebrannt, es war nur noch ein Haufen schwach glimmender Asche.

Die Kilianskirche wurde bereits bei dem Luftangriff am 10.September 1944 schwer beschädigt. Blick vom Kiliansplatz auf den brennenden Chor.  

Ich dachte an die Pferde, die im Nordflügel ihre Ställe neben der Reitbahn hatten. Vor wenigen Tagen wurden sie mir noch von einem Freund stolz vorgeführt, und an unsere Diskussion, als ich sah, wie fest die Pferde in ihrer Box angekettet waren. Ich wollte wissen, was mit den Pferden bei Fliegeralarm geschieht, ob man sie Iosbindet und ihnen ein Entkommen ermöglicht. Nein, das geht nicht, war seine Antwort, sie würden in wilde Panik geraten, keiner könne sie mehr bändigen, und sie wären in dieser Situation eine Gefahr für die Menschen. Der Stalldienst ist da und sorgt für das Notwendige. Ich war mir fast sicher, dass unter dem Haufen glühender Asche auch die Reste der Pferde und ihrer Betreuer lagen. Ohne Mühe und Gefahr konnten wir in Richtung Allee weiterkommen. 

 

„Wer nicht rechtzeitig herausgekommen war, hatte keine Überlebenschance und war verloren, ohne eine Spur zu hinterlassen.“

von Ernst Fehrenbach

 

Nie vergessen werde ich das Bild, das sich vom Beginn der Wollhausstraße bot: Zwischen den Häusern - die meisten wohl Fachwerkhäuser - war eine einzige Feuersäule. Hoch Iodernde Flammen schlugen weit über die Dächer hinauf, es war eine Gluthölle, ein Inferno. Wer da nicht rechtzeitig herausgekommen war, hatte keine Überlebenschance und war verloren, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Völlig anders war es auf der Allee. Auf der Ostseite standen die Gebäude noch, aus allen Fensterhöhlen schlugen die Flammen an den Außenwänden hoch, nicht hoch aufIodernd wie nebenan in der Wollhausstraße, sondern eher schwach und matt, so, als ob nur noch wenig Brennbares vorhanden wäre. Auf der Westseite waren die Häuser ziemlich heruntergebrannt, die letzten noch stehenden Wände brachen in den nächsten Viertelstunden zusammen.

Was von der Heilbronner Altstadt nach der Zerstörung am 4. Dezember übrig ist, wird 1945 zum Sperrgebiet erklärt, das nur von Räumkommandos betreten werden darf. Zu sehen ist der Vorplatz der Kilianskirche mit Blick auf die querende Kaiserstraße, die Sülmerstraße mit dem Barbarino-Eck und der Hafenmarktturm (hinten). Die Ruinen drohen einzustürzen.  

Unser Ziel, das Bankgebäude an der Ecke Allee und Kaiserstraße Nordseite, war über den mittleren Gehweg leicht zu erreichen. Kurze Zeit blieben wir auf der Moltkestraße stehen, um das gegenüberliegende Ziel zu beobachten und zu raten, was wohl geschehen sein könnte – sind die Gesuchten in Sicherheit oder noch im Keller? Das Haus stand, wie die anderen aus massiven Sandsteinquadern errichteten, mit aus den Fensteröffnungen schlagenden Flammen da, wies aber keine äußeren Schäden auf, die herabstürzende Bauteile befürchten ließen.

Ich sah keine Gefahr darin, die 30 Meter hinüberzugehen, die Türe vom Notausstieg von außen zu öffnen und hinunter zu rufen. Also wartete ich nicht länger und lief los. Weit kam ich nicht, bis von hinten Schreie und Rufe kamen: Halt, Zurück! Die ich aber nicht beachtete. Auf etwa 15 Meter herangekommen, konnte ich nur undeutlich erkennen, dass die schwere stählerne Klappe am Notausstieg geschlossen war, aber nichts woraus man hätte erkennen können, ob die Gesuchten diesen Fluchtweg benützt hatten.

Enttäuscht folgte ich nun meiner Order, und holte meinen Rüffel ab. Die Leitung war einig in der Meinung, dass die Gesuchten sicher längst in Sicherheit sind. Nach diesem beruhigenden Beschluss kehrten wir um und gingen auf demselben Weg wieder zurück. Dort hatte sich das Feuer weiter ausgebreitet und den Fabrikteil erfasst, bei dem, außer den Fensterscheiben, alles heil geblieben war. Der ganze, zirka 50 Meter lange Trakt war, ausgehend von einem Ende - wie eine Kerze - bis zum anderen Ende abgebrannt, weil einige Eimer Wasser fehlten.

Wann und wie ich nach Hause kam, weiß ich heute nicht mehr, nur so viel, dass alle erleichtert waren, als ich gegen Mitternacht wieder daheim war. In unserer Wohnung sah es aus, wie in einer Herberge. Kollegen meines Vaters, die in der Nacht alles verloren hatten, hatten mit ihren Frauen bei uns eine Bleibe für die Nacht gefunden. Bis wir endlich zur Ruhe kamen, war der neue Tag auch schon 2-3 Stunden alt. Der Vormittag des 5. Dezember verging mit schlafen, Schutt räumen, kaputte Fensterscheiben ersetzen und aufräumen.

 

„Wenig später begann ich meinen Rundgang. Es war ein Weg durch eine Totenstadt.“

von Ernst Fehrenbach

 

Für die "Bombengeschädigten" wurden gegen Mittag von einem Lastwagen herunter Brote und Wurst verteilt, eine willkommene Gelegenheit, sich mal wieder satt zu essen. Gegen 13 Uhr war getan, was getan werden konnte. Für mich eine Möglichkeit, nochmals zur Handels- und Gewerbebank zu gehen, um genaueres über das Schicksal der Maiers und dem Fräulein mit dem Dobermann zu erfahren, und den Umfang der Zerstörung der Stadt zu erkunden.

Wenig später begann ich meinen Rundgang. Es war ein Weg durch eine Totenstadt. Nach wenigen Hundert Metern hatte ich die letzten noch bewohnbaren Häuser passiert, dann waren nur noch Ruinen zu sehen, wohin man schaute. Wo ich in den folgenden drei Stunden überall herumgekommen bin, weiß ich heute nicht mehr.

Es sind einzelne Bilder, die sich fest ins Gedächtnis eingegraben haben. Die unheimliche Stille, die öde Verlassenheit, die Menschenleere in den sonst so belebten Straßen. Dem ersten Menschen begegnete ich nach einer knappen halben Stunde. Schon von weitem sah ich ihn kommen. Ein bleicher hohlwangiger junger Mann in einem vergrauten dünnen Arztkittel, der nur mit dem obersten Knopf geschlossen war, im Eilschritt – einige Schritte laufen, einige Schritte gehen – mit fliegenden Mantelschössen wie ein Todesengel über die mit Trümmern übersäten Straßen eilte.

 

„Was er vor sich liegen sah, ließ keine Hoffnung, dass hier noch jemand überlebt haben könnte. Es blieb leider nicht die einzige Begegnung dieser Art.“

von Ernst Fehrenbach

 

Mit starrem Blick auf ein nahes Ziel huschte er an mir vorbei. Wenige Minuten später sah ich ihn regungslos vor den Trümmern eines Hauses stehen. Das fassungslose Entsetzen, das in seinem Blick lag, werde ich nie vergessen. Mit Tränen kämpfend und als ob er lautes Klagen über das Leid und die aufkommenden Tränen mit der Faust zwischen den Zähnen am Ausbruch hindern wollte. Was er vor sich liegen sah, ließ keine Hoffnung, dass hier noch jemand überlebt haben könnte. Es blieb leider nicht die einzige Begegnung dieser Art.

Innerhalb kurzer Zeit vergrößerte sich die Zahl der Menschen, die in den Trümmern nach ihren Angehörigen suchten. Es waren anfangs meist junge Männer, die – gekleidet wie der vorgenannte – selbst einen sehr wenig gesunden Eindruck machten. Wahrscheinlich Verwundete oder kranke Soldaten, die zu Fuß von nicht allzu fern gelegenen Lazaretten kommend, das Schicksal ihrer Lieben und ihres Besitzes klären wollten.

Von allen, die mir begegneten, konnte sich keiner Hoffnungen auf ein Wiedersehen machen. Unfreiwillig Zeuge solcher menschlicher Katastrophenszenen zu werden, lässt keinen unberührt, mir ging das auch sehr an die Nieren.

 

„Der Friedhof selbst war trotz Bombentrichter und einzelner beschädigten Grabmale und Bäume zu einer Grünen Insel in einer Trümmerwüste geworden.“

von Ernst Fehrenbach

 

In weiten Bögen versuchte ich diesen Begegnungen auszuweichen, was mich am Ende noch in den Alten Friedhof führte. Unmittelbar hinter der Mauer lagen wie auf einem kleinen Scheiterhaufen eine größere Zahl von den Ausstellungsstücken des ausgebrannten Schliz'schen Museums (Grabungsfunde). Der Friedhof selbst war trotz Bombentrichter und einzelner beschädigten Grabmale und Bäume zu einer Grünen Insel in einer Trümmerwüste geworden.

Ein Grabstein lag am Rand eines Bombentrichters, Friedrich von Alberti konnte ich darauf Iesen. Gegen Ende meiner Tour – es begann zu dunkeln – wollte ich von der Weinsberger Straße über die Allee nach Hause gehen. Damals war zwischen den beiden Fahrbahnen der Allee ein mehrere Meter breiter Gehweg, der von zwei Baumreihen begleitet wurde. Heute ist davon nur noch ein schmaler Grünstreifen übrig.

Auf diesem Gehweg wäre gut zu laufen gewesen – die Trümmer waren nicht so weit herübergefallen – wenn nicht immer wieder so viele verkohlte Bäume herumgelegen wären. Ich hatte so viel Deprimierendes gesehen, dass ich wenig auf die herumliegenden verkohlten Baumreste achtete. Immer wieder musste ich über Baumstämme steigen, die zahlreich zwischen Stümpfen der verbrannten Alleebäume herum lagen.

Die Zahl der Toten wird auf "mehr als 6500" geschätzt, die 95 getöteten Piloten der britischen Luftwaffe sind darin nicht enthalten. Rosa Bruder aus Ellwangen hat in der Lammgasse die Leichen ihrer Heilbronner Verwandeten entdeckt.  

Dann fiel mir auf, dass alle eine so schön gleichmäßige Gabelung aufwiesen. Wo die nur herkommen, die Alleebäume waren doch nicht so schön gewachsen, und so viele können doch hier nicht gestanden sein, fragte ich mich und ging weiter zur Ruine der Druckerei des Heilbronner Tagblattes. Schon von weitem als eine alle anderen Trümmerstätten überragende Ruine erkennbar. Auf der obersten noch erhalten gebliebenen Decke standen wie Grabkreuze die Überreste der drei Setzmaschinen.

Vor wenigen Wochen hatte ich in dieser Druckerei meine Gesellenprüfung als Buchdrucker abgelegt. Mit Dankbarkeit erinnerte ich mich an die Drucker und Setzer, die uns ziemlich aufgeregten Prüflingen mit beruhigendem und ermunterndem Zuspruch die Prüfungsangst abbauten. Ich wollte so nah wie möglich an Brandruine heran, was nicht ganz einfach war, weil hier seltsamerweise besonders viele dieser verkohlten Bäume herum lagen. Es war etwas umständlich, einen Weg zu finden, ohne auf die Bäume zu treten.

Beim Darübersteigen fiel mir auf, dass in dem Stapel neben mir noch ein angekohlter Stoffrest hing. Wie kann so etwas sein, fragte ich mich beim Weitergehen und stieg dabei über weitere Bäume, an denen auch noch Stofffetzen hingen. Irritiert blieb ich stehen um die Dinge genauer zu betrachten.

 

„Ich wollte meinen Augen nicht glauben, was ich dann erkannte: Das sind gar keine Bäume, das sind die verkohlten Körper von Menschen!“

von Ernst Fehrenbach

 

Ich wollte meinen Augen nicht glauben, was ich dann erkannte: Das sind gar keine Bäume, das sind die verkohlten Körper von Menschen! Kopf, Arme und Unterschenkel waren nicht einmal mehr ansatzweise erkennbar. Nur der Rumpf mit mehr oder weniger langen Stummeln der Oberschenkel waren übrig geblieben. Die Stofffetzen waren Reste von Unterwäsche und Oberkleidung. Mit einem dicken Kloß im Hals ging ich grübelnd weiter.

Warum ausgerechnet hier so viele verbrannte Menschen? Druckfarben und deren Lösungs- und Reinigungsmittel sind sehr feuergefährlich und ergeben eine hohe Brandlast. Ob es damit zusammenhängt? Je näher ich zur Karlstraße kam, desto geringer war der Verbrennungsgrad der Leichen. Bei den letzten konnte man erkennen, dass es durchweg ältere Personen waren, und auch, ob es eine Frau oder ein Mann war.

Mehrere hundert Menschen dürften es gewesen sein, die bei der Flucht aus ihren Kellern im Feuersturm ihr Leben verloren hatten und deren Überreste auf dem Mittelstreifen der Allee lagen; allein in dem Stück zwischen Stadttheater und Karlstraße. Weiter nach Westen waren keine mehr anzutreffen.

 

„Kleine Schlepper mit einem nach heutigen Maßstäben kleinen Anhänger, waren die Fahrzeuge, auf denen Tausende der Opfer ihren letzten Weg zurücklegten.“

von Ernst Fehrenbach

 

Die Sonne war am Untergehen, glutrot stand sie knapp über dem Horizont und strahlte ihr warmes Licht über die Allee, als ich endlich am Ziel meiner Suche war: Das Bankgebäude, vor dem ich noch vor wenigen Stunden gestanden war. Das Fräulein mit dem Hund ging mir nicht aus dem Kopf. Diesmal ging ich bis an den Notausstieg, um zu sehen, ob er geöffnet worden war. Ein kurzer Blick und ein Griff an den Verschluss machten deutlich, dass dieser schon lange Zeit nicht bewegt worden war und dass es kein Wiedersehen geben wird.

Mein Heimweg führte am einstigen Standort der Synagoge vorbei. Der alte Spruch drängte sich mir auf angesichts des hier vor sechs Jahren Erlebten und dem heute Gesehenen und dessen grausamer Realisierung: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Während wir zu Hause die schlimmsten Schäden beseitigten, liefen die Bergungsarbeiten an. Selbst konnte ich diese nie beobachten, mit Ergebnissen wurden wir jedoch über Wochen konfrontiert.

Massengräber für die Toten vom 4. Dezember am Heilbronner Köpferhang. Viele Familien haben Holzkreuze für ihre toten Angehörigen gesetzt. Genau weiß niemand, wo welches Opfer in den Gräbern ruht.  

Einer der Wege zum Ehrenfriedhof im Köpfer führte über die Silcherstraße, Gemmingstal, Einsteinstraße zur Pfühlstraße. Als unmittelbare Anlieger erlebten wir den Transport der Toten über viele Wochen. Verwendet wurden dazu Fahrzeuge aus der Landwirtschaft: Kleine Schlepper – wie man sie heute aus Oldtimertreffen kennt – mit einem nach heutigen Maßstäben kleinen Anhänger, waren die Fahrzeuge, auf denen Tausende der Opfer ihren letzten Weg zurücklegten.

 

„Auf dem Hänger lagen die Toten quer zur Fahrtrichtung dicht nebeneinander, in mehreren Lagen übereinander gestapelt.“

von Ernst Fehrenbach

 

Die erste Fuhre, die vorbeituckerte, ließ uns noch blass werden, die Arbeit wurde unterbrochen, die Mütze vom Kopf genommen - wie bei einem Trauerzug. Auf dem Hänger lagen die Toten quer zur Fahrtrichtung dicht nebeneinander, in mehreren Lagen übereinander gestapelt. Jedes Alter war dabei, und ihre Körper schienen unversehrt. Ziemlich betroffen schauten wir dem Gespann nach, bis es nicht mehr zu sehen war. Der nächste Leichenwagen ließ nicht lange auf sich warten, weitere folgten über Wochen hinweg in wechselnden Abständen.

Ein Feststellung meiner Schwester zu diesem Geschehen war: "Siegschd Ernschdle, wenn de net verschloofe wärsch, dätsch jetzt au do drowwe Iigge.“ In den folgenden Tagen und Wochen wurden diese Transporte alltäglich, man hatte sich daran gewöhnt und schaute kaum mehr auf.

Eine Szene blieb in meiner Erinnerung haften: Von einem Lkw wurden wieder Brot, Wurst und anderes verteilt, als kurz hintereinander zwei Gespanne mit ihrer Fracht vorbei wollten. Die Menschentraube stand eisern, niemand ging aus dem Weg. Die Fahrer mussten warten, bis widerwillig Platz gemacht wurde. Hunger kam vor Pietät! Nach einigen Tagen lagen auf den Fahrzeugen auch die vom Feuer versehrten Leichen, meist zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Mit dabei standen ausgeglühte und verbogene Eimer, Blechwannen und ähnliche Behälter, in denen einzelne mehr oder weniger verbrannte Knochen und Schädel lagen mit einem Vermerk auf einem Stück Karton oder einem Fetzen Papier: „Hausgemeinschaft XY-Str. 41".


Kommentar hinzufügen