Auf der Suche nach den Spuren der Heilbronner Schicksalsnacht

Heilbronn  75 Jahre nach der Zerstörung Heilbronns hat sich Michael Scheerle im Untergrund auf die Suche nach Erinnerungen an den 4. Dezember 1944 gemacht. Dabei ist er auch auf Menschen gestoßen, denen der Luftangriff bis heute präsent ist.

Von Christian Gleichauf

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Nach wenigen Metern schluckt die Dunkelheit das Licht der Taschenlampen. Wo die Konturen des mächtigen Gewölbes zu erkennen sind, sieht man zugemauerte Durchlässe in das Nirgendwo jenseits dieses Kellersystems, das sich zwei Stockwerke tief unter einem Parkplatz hinter den Mehrfamilienhäusern an der südlichen Stirnseite der Allee befindet.

Von der Decke hängen Isolatoren aus einer Zeit, als offene Leitungen ein paar wenige funzelige Glühbirnen mit Strom versorgten. Wie wichtig ihr Licht vor 75 Jahren war, lässt sich nur erahnen. Regelmäßig fanden damals Heilbronner Zuflucht hier unten.

Die tiefen Spuren der Schicksalsnacht
Michael Scheerle mit seinem Handwerkszeug, einer Canon-Spiegelreflexkamera und Stativ. Foto: Christian Gleichauf  

Fast vergessene Orte

Den schwach ausgeleuchteten Raum hat Michael Scheerle mit langen Belichtungszeiten fotografisch aufgehellt. Der 52-Jährige hat sich als passionierter Fotograf in den vergangenen Jahren immer wieder mit historisch bedeutsamen und doch fast vergessenen Orten beschäftigt.

Vor Monaten bereits machte er sich mit Mitstreitern auf die Suche nach Spuren des 4. Dezember 1944. Gefunden hat er dabei nicht nur Bombensplitter, Kellerräume und verbrannte Bücher, sondern auch Menschen, die ihre Geschichte von jener Nacht und ihren Folgen erzählten.

Ein kleiner Kläffer als Lebensretter

Als gebürtiger Heilbronner - seine Mutter stammt aus der Familie Seel des gleichnamigen Schreibwarengeschäfts - war er von klein auf mit diesen Geschichten konfrontiert. Seine eigene Großmutter hatte den Angriff nur wegen ihres Dackels überlebt. An jenem Montagabend vor 75 Jahren war sie mit ihm unterwegs gewesen, als der Fliegeralarm ausgelöst wurde. "Sie kannte Leute in der Steinstraße und durfte mit ihnen in den Luftschutzkeller."

Als die Bomber kamen, sei der Dackel nicht mehr zu beruhigen gewesen. "Dann hieß es ,Der Dackel muss raus". Meine Großmutter antwortete: ,Dann gehe ich mit."" Sie sei gerannt, habe schon die Leuchtmunition, die sogenannten Christbäume, gesehen, aber konnte sich in Sicherheit bringen. "Die Menschen, die im Keller geblieben sind, waren am nächsten Tag alle tot." Das durch den Brand entstehende Kohlenmonoxid hatte sie umgebracht. Diesem Dackel hat letztlich also auch Michael Scheerle sein eigenes Leben zu verdanken.

Die tiefen Spuren der Schicksalsnacht
Auf dem Gelände der Firma Bälz findet man heute noch einen Ein-Mann-Bunker. Foto: Michael Scheerle  

Privatleute öffneten ihre Keller

Viele dieser Keller gibt es bis heute. Nur wenige sind so gut zugänglich wie jener an der Schulgasse, in dem vor wenigen Wochen der Club Doris Hill eröffnet hat - das ehemalige Barococo. Andere sind in städtischem Besitz.

Wegen Sicherheitsbedenken bleiben sie auch dem Fotografen teilweise verschlossen. Andere durfte er fotografieren. Ebenso private Keller - wenn er die Eigentümer ausfindig machen konnte.

Ein Ein-Mann-Bunker im Hof, ein Luftschutzkeller darunter

Immer wieder findet Scheerle die typischen Details, für die er inzwischen ein Auge hat: Die zugemauerten Durchlässe in die Nachbarkeller, die im Ernstfall durchbrochen werden konnten. Die Notausstiege zur Straße mit ihren verrosteten Sprossen.

Oder jenen Ein-Mann-Bunker, der noch heute auf dem Gelände der Wärmetechnik-Firma Bälz bei der Bike-Arena Bender steht - ganz in der Nähe des mächtigen, nicht mehr zugänglichen Bunkers unter dem Industrieplatz.

Die Stunde Null

Hier ist Scheerle ins Gespräch mit Firmenchef Florian Bälz gekommen. "Da ist mir eingefallen, dass wir bei einem Umbau vor zehn Jahren auf einen Bunker-Eingang gestoßen sind", erzählt Bälz. Es ging hinunter in einen langen Gang, wo noch Bänke aus den 60er und 70er Jahren standen. "Die Drögmöller-Arbeiter haben damals wohl ihre Pausen hier verbracht", vermutet der 46-Jährige.

Gemeinsam mit Scheerle stieg er abermals in die Tiefe. "Ich habe mich gefreut, einem Stück Geschichte hier nachzugehen", sagt Bälz. Schließlich sei damals auch die Firma zerstört worden, vier Kinder warteten nach Kriegsende auf den Vater, der in Gefangenschaft war. "Es war auch für uns die Stunde Null."

Aus den Tanzabenden wurde nichts

Die tiefen Spuren der Schicksalsnacht
Wendeltreppe aus dem mächtigen Weinkeller des ehemaligen Kaiser’s-Kaffee-Geschäft, wo Heilbronner den 4. Dezember überlebten. Die steinernen Stufen sind wohl über Jahrhunderte ausgetreten worden. Foto: Michael Scheerle  

m Keller unter dem Parkplatz am Südende der Allee scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. An einer Wand steht eine Leiter, wie sie irgendwann vor Jahrzehnten dort abgestellt wurde. Der Rost, der seitdem von ihr abgeblättert ist, bedeckt gleichmäßig den Boden darunter.

In einem der drei Haupträume, die mit jeweils 25 Metern Länge und sechs Metern Breite etwa 150 Quadratmeter groß sind, sollten in den 50er Jahren wohl mal Tanzabende stattfinden, hat Scheerle erfahren. Das Podest für die Rock'n'Roll-Band, die man sich dazu vorstellen darf, wurde damals bereits gemauert. Der Brandschutz machte den Plänen wohl einen Strich durch die Rechnung. Es zeigt aber, wie das Leben auch an solchen Orten weiterging.

Für diese Heilbronner ging die Geschichte gut aus

Jene Heilbronner, die den 4. Dezember hier erlebten, haben das Unglück übrigens auch überlebt. "Es war vermutlich der Weinkeller des ehemaligen Kaiser's-Kaffee-Geschäfts", erzählt Stadtarchiv-Direktor Christhard Schrenk. Er hatte vor einigen Jahren noch einen Mann kennengelernt, der damals als 15-Jähriger dort Schutz gefunden hatte. Anm. d. Red.:Dieser Mann hat sich bei der Stimme gemeldet und seine Erinnerungen geschildert. Hier veröffentlichen wir sie. "Es war allerdings kein öffentlicher Keller wie der Adlerkeller in direkter Nachbarschaft." Somit waren damals wohl relativ wenige Menschen hier heruntergekommen, obwohl sicher Hunderte Platz gehabt hätten.

Ausstellung beginnt am 2. Dezember

Bei den Bildern, die die zwei VHS-Dozenten Michael Scheerle und Sascha Uhrig gemeinsam mit Teilnehmern ihrer Fotokurse festgehalten haben, steht das Gedenken an den Bombenangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 im Mittelpunkt. Die Ausstellung ist ab Dienstag, 3. Dezember, bis zum 20. Dezember im Deutschhof zu finden. Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag, 9 bis 20 Uhr. Die weiteren Fotografen sind: Federico Barone, Isabelle Dücker, Silke Kühne, Holger Langguth, Martin Krauss, Iris Mettendorf, Uwe Mettendorf, Thomas Nill, Thomas Ströbel. 

Die Vernissage ist am Montag, 2. Dezember, um 18.30 Uhr. 

 

 


 

 

Gerhard Nietzer war am 4. Dezember 1944 als 15-Jähriger in dem Weinkeller, gemeinsam mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder. Hier seine Erinnerungen:

Auf der Südseite des heutigen Wollhausturms befand sich der Weinkeller der Firma Kaiser‘s Kaffeegeschäft in Viersen, die in Heilbronn das 1939 eingeweihte Fabrik-Lager- und Bürogebäude besaß (der damalige Silo ist der heutige, umgestaltete Kaiser’s-Turm). Ein Kaiser’s-Laden befand sich in der Kaiserstrasse gegenüber dem Rathaus.

Dieser Weinkeller war gewissermaßen Doppeltief, über ihm war das Flaschenlager. Der Weinkeller konnte als recht sicher bezeichnet werden. Unserer Familie und anderen Bewohnern aus der Nachbarschaft  war erlaubt, bei Luftalalarm diesen Keller aufzusuchen oder sogar dort zu übernachten. Es waren auch einige Luftschutzbetten vorhanden.

Mit uns waren, wie ich mich zu erinnern glaube, am 4. Dezember etwa 20 bis 30 Menschen im Keller. Die Beleuchtung bestand zuerst noch aus elektrischen Birnen, die während des Luftangriffs erloschen, und dann noch aus Teelichtern. Auch diese erloschen teilweise aufgrund des Luftdrucks der in der Gegend explodierenden Sprengbomben.

Wir hatten alle große Angst. Als das Getöse aufhörte, meinte ein resoluter Handwerksmeister, jetzt sollten wir unbedingt den Keller über den Notausstieg verlassen, ehe das wegen eines Brandes der oberirdischen Gebäude vielleicht  nicht mehr möglich sein würde. So wurde es gemacht, die Erwachsenen schoben die Kinder nach oben und dort überstiegen wir eine Mauer an der Klarastrasse, um auf diese zu kommen. Die damalige Kreissparkasse stand in hellen Flammen. 

Anders als in der Altstadt brannte der Asphalt – hier aber nicht. Unsere Familie rannte in Richtung Süden zur Solothurnerstraße, vorbei an brennenden Häusern, so dass wir uns Ecke Urban- und Innsbruckerstraße aus den Wasserzubern einer Gärtnerei abkühlten. Unser Haus in der Solothurnerstraße war nur leicht verschüttelt worden, so dass wir dort die Nacht verbrachten und Besuch von Freunden bekamen, deren Wohnungen zerstört waren.

 

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