Heilbronn nach dem Krieg: Aus Ruinen wächst eine neue Stadt

Heilbronn  Noch heute sind die Folgen der Zerstörung im Stadtbild erkennbar. Schneller als andere betroffene Städte wurde Heilbronn nach dem Krieg wiederaufgebaut. Zweckmäßige 50-Jahre-Bauten ersetzten historische Architektur. Der Charme vergangener Tage lässt sich nur noch erahnen.

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KAISERSTRASSE & KILIANSKIRCHE

Blick von der Kaiserstraße in Richtung Osten. Das Wahrzeichen Heilbronns, die erstmals 1297 erwähnte Kilianskirche, wurde bei mehreren Bombenangriffen schwer beschädigt und nach dem Krieg bis 1974 neu aufgebaut – als eines der wenigen Gebäude fast originalgetreu.

DEUTSCHHOF

Im Jahr 1957 wird mit dem Wiederaufbau des Deutschhof-Areals begonnen.

OBERE NECKARSTRASSE

Blick über den Altneckar in Richtung Innenstadt. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich die Obere Neckarstraße, dahinter erkennt man den Turm des Deutschordensmünsters St. Peter und Paul.

FLEINER TOR

Der Blick geht vom Fleiner Tor in Richtung Innenstadt. Die Fortunafigur des Brunnens überstand die Bombenangriffe.

MARKTPLATZ

Blick vom Balkon der Kilianskirche über die Kaiserstraße in Richtung Marktplatz. Links erkennt man das Käthchenhaus.

INNENSTADT

Blick vom Götzenturm über die Innenstadt. Von oben wird das Ausmaß der Zerstörung besonders deutlich. 

 

Mit der Eroberung Sontheims endet der Krieg in Heilbronn

Schätzungsweise 6500 Menschen kommen bei dem Luftangriff der Britischen Royal Airforce am 4. Dezember 1944 ums Leben. Der Zweite Weltkrieg ist in Heilbronn mit diesem Tag noch nicht vorbei. Bis April 1945 greifen immer wieder Jagdbomber an. Am Ostermontag, 2. April, beginnt ein erbitterter Endkampf. Er dauert elf Tage. 400 Menschen sterben.

Mit der Eroberung Sontheims am 13. April ist der Krieg in der Stadt zu Ende. Heilbronn am Boden: Wasser, Gas, Strom – nichts funktioniert mehr. Von einst 14.500 Gebäuden im Stadtgebiet sind 5100 vollständig zerstört, in der Altstadt alle. 7000 Menschen hausen in Ruinen.

Der ehemalige Stimme-Fotograf Hermann Eisenmenger hat die Trostlosigkeit nach dem Bombardement dokumentiert. Ebenso den Einmarsch der US-Truppen am Karfreitag 1945 und die damit einhergehende Hoffnung der Bürger auf bessere Zeiten. Schnell erwacht neues Leben zwischen den Ruinen. 

Ehemaliger OB lehnt Rekonstruktion der Altstadt ab

Der Versuch, bereits im Sommer und Herbst 1945 mit der Trümmerbeseitigung zu beginnen, scheitert, weil tausende Arbeitskräfte fehlen. Im Winter 1945/46 plant die Stadt einen groß angelegten Sonderarbeitseinsatz und wählt dafür den Begriff "Ehrendienst". Zum zwölftägigen Einsatz werden ab 18. Februar 1946 alle Männer von 16 bis 55 Jahren zwangsverpflichtet. Ehemalige NSDAP-Mitglieder müssen sechs Tage länger arbeiten. Bis 30. September 1947 sind 9000 Helfer mit der Beseitigung von Schutt beschäftigt.

Die Wohnungsnot nach Kriegsende ist groß, Händler verkaufen ihre Waren in behelfsmäßigen Holzbuden. Der Wiederaufbau Heilbronns soll schnell vonstatten gehen. Einer Rekonstruktion der Altstadt mit ihren engen und verwinkelten Gassen steht der ehemalige Oberbürgermeister Emil Beutinger kritisch gegenüber. "In der alten Form aufzubauen wäre sicher verkehrt. Ich denke nicht an das Kopieren alter Stile, das würde ein Verhängnis werden und langweilig und abstoßend", lässt er 1947 im Amtsblatt mitteilen. So kommt es, dass Heilbronn schneller als jede andere württembergische Stadt im Juni 1947 einen "Ideenwettbewerb Altstadt" ausschreibt. Im Folgejahr wird ein Aufbauplan verabschiedet, der unter anderem breitere Straßen vorsieht. Innerhalb weniger Jahre entstehen neue Schulen, Verwaltungsgebäude und dringend benötigter Wohnraum.

Nur wenige historische Bauten zieren das heutige Stadtbild

Jahrzehnte dauert der Aufbau des Heilbronner Wahrzeichens: der Kilianskirche. Bis 1948 ist man mit der Räumung der Trümmer beschäftigt. Ab Mai 1954 kann zumindest das Hauptschiff wieder für Gottesdienste genutzt werden. Erst im November 1965 feiert Heilbronn die Wiedereinweihung des Chores. Bis 1968 wird am Westturm gearbeitet, erst 1971 wird die Turmvorhalle vollendet, bis 1972 der nördliche, 1973 der südliche Chorturm. Erst danach wird die Bauhütte am Kiliansplatz abgebaut - ziemlich genau 30 Jahre nach dem verheerenden Bombardement.

Ab 1951 wird das Deutschordensmünster St. Peter und Paul sowie das katholische Pfarramt im Deutschhof wiederaufgebaut. Bereits 1952 verwandelt sich der historisch bedeutsame Ort in eine Theaterkulisse. Kleists „Käthchen von Heilbronn“ wird zwischen Ruinen aufgeführt. Der Hunger nach Theater im kriegszerstörten Heilbronn ist groß. 25.000 Besucher sehen die 15 allesamt ausverkauften Vorstellungen anno 1952. Rund 70.000 kommen in den sechs Spielzeiten bis 1957, dem Start des Wiederaufbaus des Deutschhofs, der in mehreren Bauabschnitten schließlich 1977 vollendet wird.

Modell in der Ehrenhalle zeigt das Ausmaß der Zerstörung

Die Rekonstruktion des alten Rathauses geht schneller voran: Am 6. Juni 1953 ist der Verwaltungssitz wiederaufgebaut und wird eingeweiht. Lediglich die Außenarchitektur des Hauptbaus mit seiner astronomischen Uhr bleibt originalgetreu. Im Innenhof wird das im Krieg ausgebrannte Stadtarchiv zur Ehrenhalle für die Opfer der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs umgewidmet: mit Texten, Fotos und drei Modellen. Sie zeigen, wie die 28 Hektar große Altstadt bis zum 4. Dezember 1944 ausgesehen hat, am Tag danach und nach dem Wiederaufbau.

Stark beschädigt und wiederaufgebaut wird auch der Hafenmarktturm. Seit 1951 dreht sich ein goldener Phönix als Wetterfahne auf der Turmspitze. Er ist bis heute ein Symbol für den Neuanfang, den Wiederaufbau der zerstörten Stadt.

 

Fotos: Hermann Eisenmenger (Stimme-Archiv), Andreas Veigel, Chris Petersen


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