Ein Gedenktag mit Zwischenrufen in unterschiedlichen Tonarten

Heilbronn  Der 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns wird überlagert von einem rechten Aufmarsch und wenigen fragwürdigen Kommentaren. Bei der Stimme meldete sich zudem der Sohn von NSDAP-Kreisleiter Drauz.

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Ein Gedenktag mit Zwischenrufen in unterschiedlichen Tonarten

Wo 2018 noch Rechtsextreme ihre Fackeln entzündeten, veranstaltet am 4. Dezember 2019 das Netzwerk gegen Rechts eine Kundgebung.

Foto: Christian Gleichauf

 

Pünktlich um 19.20 Uhr läuten am Mittwoch in Heilbronn alle Glocken zum Gedenken an den Angriff vor 75 Jahren. Das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt findet ein Ende. Mahnwachen erinnern an das schreckliche Ereignis. Doch einigen fehlt in der Auseinandersetzung mit dem Tag die Kritik an der Bombardierung selbst, am "Kriegsverbrechen" der Briten. Rechtsextreme entzünden mit fragwürdigen Motiven Fackeln am Wartberg. Und dann meldet sich noch ein Mann zu Wort, der ebenfalls gerne das eine oder andere geraderücken möchte.

Im vergangenen Jahr hatte der auch vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Verein "Ein Herz für Deutschland" den Wartberg für sich reklamiert. In Pforzheim missbraucht er seit Jahren die Gedenktage für seine Zwecke: Geschichte soll umgedeutet werden. Die Verantwortung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg spielt für diese Leute keine Rolle, dafür prangern sie den "Terror" an, den die Alliierten damals verbreitet haben. Deutschland, das Opfer.

Um solchem Treiben keinen Raum mehr zu bieten, hatte das Netzwerk gegen Rechts in diesem Jahr frühzeitig selbst eine Kundgebung auf dem Wartberg angemeldet. Resultat: Die rund 50 Anhänger des Pforzheimer Vereins mussten ihre Fackeln abseits vom Hochplateau und damit weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit entzünden.

Polizei ist ebenfalls vor Ort am Wartberg

Ein Großaufgebot der Polizei verhinderte ein Aufeinandertreffen der Gruppen. Somit waren in diesem Jahr statt Nazi-Parolen die mahnenden Worte von Jusos, grüner Jugend und Linken zu hören: "Wehret den Anfängen" und "Nie wieder Krieg". Stefan Reiner vom Netzwerk gegen Rechts betont: "Und natürlich ist auch uns das Opfergedenken wichtig."

Aus der Ferne meldet sich an diesem Abend noch jemand über die Kommentarfunktion auf stimme.de: "Sie verschweigen (...), dass vor allem die britischen Flächenbombardements der Innenstädte keine wirklich kriegswichtigen Ziele betrafen, sondern in erster Linie der Zivilbevölkerung galten."

Sohn des NSDAP-Kreisleiters meldet sich zu Wort

Und: "Keine Frage, das nationalsozialistische Regime hat großes Leid über die Welt gebracht. Im Gegensatz zu vielen anderen hat mein Vater dafür aber mit dem Tode gebüßt. In Ihrer regelmäßigen Berichterstattung über diese Zeit scheint es in Heilbronn neben ihm keine anderen Nazis gegeben zu haben. Das ist vielleicht doch etwas zu einfach." Das schreibt Götz Drauz, Sohn des NSDAP-Kreisleiters Richard Drauz, der im Artikel unserer Zeitung zum Gedenktag als prominentester Vertreter des Nazi-Regimes in der Region erwähnt wurde.

Dass der Kommentar auch noch unter der verharmlosenden Überschrift "Mein Vater, der Musternazi aus Heilbronn" steht, wirft Fragen auf. Götz Drauz ist bereit, sie am Telefon zu beantworten.

Nein, verharmlosen wolle er die Taten seines Vaters nicht. Mit den Erschießungen, als der Krieg längst verloren war, und auch mit seinem Verhalten zuvor habe er "die Charakterisierung erhalten, die ihm zusteht". Richtig sei auch, dass er nach Heilbronn geschickt wurde, um den Nationalsozialismus durchzusetzen. Das habe er getan.

Götz Drauz kritisiert aber, dass andere Namen wie der des damaligen Oberbürgermeisters oder von Parteifreunden seltener genannt werden. "Menschlich ist das nachvollziehbar: Da war einer, der war der Böse. Da haben sich anschließend viele hinter ihm versteckt."

Kritik an Kriegsführung der Briten

Zu kurz kommen dem 75-Jährigen auch die kritischen Töne in Bezug auf den Bombenkrieg der Briten, der sich vor allem gegen die deutsche Zivilbevölkerung richtete. "Die Amerikaner haben andere Schwerpunkte gesetzt, vor allem Fabriken und militärische Ziele angegriffen." Die Strategie des auf britischer Seite verantwortlichen Arthur Harris, "Bomber Harris" genannt, sei rechtswidrig gewesen.


Reaktionen im Netz

Hunderte Leser haben auf Facebook und Instagram auf die Berichterstattung zum 4. Dezember 1944 reagiert - und das überwiegend mit nachdenklichen, ausgewogenen Kommentaren. Zudem berichten Menschen aus der ganzen Region, welche Erinnerungen in ihren Familien weitergegeben wurden.

Es sind Erzählungen von Großeltern und Urgroßeltern, die den vom Feuersturm hell erleuchteten Himmel über Heilbronn auch von Möckmühl, Öhringen oder Stuttgart aus sahen. Es melden sich Nutzer, die durch den Angriff Angehörige verloren haben. Aus vielen Kommentaren spricht die Fassungslosigkeit darüber, dass diese Tragödie überhaupt geschehen konnte. Damit verbunden ist gut 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem ein Wunsch: Nie wieder Krieg. Mehr zum Thema: stimme.de/4Dez. 

 


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