Als in Heilbronn die Erde bebte

Heilbronn  Noch 70 Jahre nach der Katastrophe lässt dieser Tag vielen Menschen keine Ruhe.

Von Kilian Krauth
Email

 

Heute vor 70 Jahren, am 4. Dezember 1944, wird Heilbronn zerstört. In der historischen Altstadt bleibt kein Gebäude heil. Mehr als 6.500 Menschen – genau weiß man das bis heute nicht – kommen ums Leben.

Sie verbrennen im Feuersturm, ersticken in Luftschutzkellern, werden von Trümmern erschlagen, von Splittern getroffen. 1,2 Millionen Kilogramm Bomben werfen 282 Lancaster-Flieger der British Air Force zwischen 19.18 Uhr und 19.55 Uhr über dem Stadtkern und über dem Böckinger Bahnhofsgebiet ab. Zunächst markieren Leuchtraketen, sogenannte Christbäume, das Ziel, dann decken Trümmerbomben die Dächer ab. Brandbeschleuniger entfachen schließlich einen Feuersturm, der alles niederwalzt.

Bis heute hat sich dieser Tag tief ins kollektive Bewusstsein der Region eingebrannt. Bis heute lassen die Ereignisse vielen Menschen keine Ruhe. Die Versuche, das Unfassbare zu begreifen, zu verarbeiten, sind vielfältig. Sie reichen von dem zum Ehrenfriedhof umgestalteten Massengrab im Köpfertal über die Ehrenhalle im Rathaus, Gedenkkonzerte, Bilder, Kunstinstallationen bis zur literarischen oder wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Im Haus der Stadtgeschichte läuft sogar ein aus einem Bomber gedrehter Film. In Endlosschleife. Scheinbar ist alles gesagt und beleuchtet. Und doch gibt es immer neue Ansätze. Die Stimme-Online-Redaktion geht zum 70. Jahrestag mit einem interaktiven Video ins Netz. Raphael Seitz und Peter Riek laden am Sonntag zur Vernissage mit Performance in die städtischen Museen. Künstler Edgar Harwarth macht uns auf das Seismogramm der Stuttgarter Erdbebenwarte aufmerksam.

Seismogramme

In einem Gebäude an der Villa Reitzenstein werden seit 1893 Erschütterungen aufgezeichnet, auch die des 4. Dezember 1944: mit einem fotografischen Lichtstrahl auf einer Brom-Silber-Papierrolle. Jahrzehntelang lagerten sie in Archiven, ehe Harwarth auf die Idee kam, sie zum 70. Jahrestag unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich: Die Erschütterungen sind ablesbar. Gegen 19.20 Uhr schlägt die Linie erstmals aus, pendelt sich kurz wieder ein, wird unruhiger – bis sie ab 19.29 Uhr im Zickzack auf und ab rast.
 
 
 

Der Militärfotograf Richard Platte machte mit seiner Leica die wenigen Bilder des 4. Dezember.

 

 

Grafiker Walter Schneider hat die Aufzeichnungen für die Heilbronner Stimme fotografiert. Die drei Linien auf dieser Zeitungsseite bilden nur Ausschnitte einer 1,40 Meter langen Papierrolle ab, zeigen Anfang, Höhepunkte und Ende. Harwardt behandelt die Seismogramme nicht wie bloße mechanische Aufzeichnungen. Er nennt sie Seismografien, sieht darin den „Pulsschlag der Erde“ und „Linien des Lebens“ abgebildet.

„Auf der Richterskala mag es sich nur um Beben der Stärke eins bis zwei handeln“, weiß der 60-Jährige, „für Menschen, die mittendrin waren, also im Epizentrum, müssen diese Minuten aber die gefühlte Unendlichkeit gewesen sein“.

Augenzeugen

Zum Beispiel für Karl Lamminger (86). Der damals 14-jährige Lehrling sucht im Keller der Metzgerei Schuler an der Lammgasse Zuflucht. Seinen handschriftlichen Bericht mit Kuli auf vergilbtem Karo-Papier hat er jüngst der Stimme zukommen lassen. Hier ein leicht redigierter Auszug: „Als wir im Keller waren, bratzelten die ersten Brandgeschosse wie Blechdosen auf Straßen und Dächer. Die Angst wuchs zusehends. Es dauerte nur kurze Zeit, da kam die erste Welle und warf ihre schwere Bombenlast ab. Wir dachten, jetzt müssen wir sterben, es war ein unbeschreibliches Gefühl, die nächsten Bomben begraben uns. Wir alle zitterten und bebten, da kam die zweite Welle. Der Keller wurde von unten aufgewühlt durch den Druck.

Der nächste Schreck: Das Haus brannte lichterloh, wir mussten mit dem Atem kämpfen. Das Bombardement flaute ab, wir suchten nach einem Ausgang, doch das schien aussichtslos. Ein Engel wurde uns geschickt, ein Nachbar kam in unseren Keller und sagte, hier müsst Ihr ganz schnell raus, zuerst Kinder und Frauen, ich zeige Euch den Weg. Viele hatten Angst vor dem Feuer und blieben zurück. Für sie war es der sichere Tod.“

Leichen an der Allee

Etliche alte Heilbronner haben sich dieser Tage an die Stimme gewandt. Auch Ernst Fehrenbach (87). Er hat seine „immer mehr verblassenden Erinnerungen“ auf fünf dicht beschriebenen Seiten im Computer festgehalten: von seinem Nickerchen im Vorfeld eines geplatzten Kino-Besuches – bis zu den Leichen, die auf Laster geladen wurden. Tabu waren für ihn bisher „die vielen schwarzen Dinger“, auf die er am 5. Dezember an der Allee gestoßen war.
 
 
 

Die meisten Aufnahmen entstanden in der Bahnhofsvorstadt, der Fotograf war auf der Durchreise.

 
 

„Die sahen aus wie verkohlte Bäume. Es waren aber die Reste von Menschen, die nicht verbrannt waren, sondern unter der großen Hitze zusammenschrumpelten.“ Ähnliches erzählt Eleonore Leiensetter, die damals 15 war, nur mit Glück dem Inferno entkam, und sich immer wieder wundert, „dass man das mit den mumifizierten Leichen noch nirgendwo gelesen hat“. Dem heute 88-Jährigen Paul Lutz blieben zumindest diese Bilder erspart. „Ich war damals als Soldat an der Westfront bei Le Havre.“ Während er mit seinen Kameraden „noch den Krieg gewinnen“ wollte, verlor er in der Heimat seine ganze Familie, „an der Dammstraße 37 und 41, Oma, Opa, Vater, Mutter, Schwester“.

Ende letzter Woche hat sich der ehemalige Kaufhausdirektor in Singen am Bodensee bei uns nach den Terminen zum 70. Jahrestag erkundigt. „Ich muss an diesem Tag heim. Das bin ich meiner Familie schuldig.“ Seine Sorge: Wie wird er über die gesperrte Zufahrt zum Ehrenfriedhof im Köpfertal kommen? „Die Verkehrsbetriebe richten wieder einen Busverkehr ein“, heißt es alle Jahre in der städtischen Pressemitteilung zum 4. Dezember. Diesmal weist die Stadt nicht nur auf die traditionelle Trauerfeier mit Anfahrt ins Köpfertal sowie auf das Gedenkkonzert in der Kilianskirche hin. Zum 70. Jahrestag sind weitere Veranstaltungen geplant.

 

 

Das Bild zeigt Leichen in der Lammgasse. Für Privatleute war das Fotografieren verboten.

 

 

Bereits um 10 Uhr wird in der Ehrenhalle des Rathauses unter dem Titel „Stunde O/ geh ... denken“ eine auf diesen Ort zugeschnittene elektronische Klanginstallation von Lothar Heinle zu hören sein. Der Musikwissenschaftler hat ein ganz besonderes Verhältnis zum 4. Dezember 1944. Er kam am 5. Dezember 1965 zur Welt und berichtet folgendes: Heinles Vater feierte am 4. Dezember nachmittags den Geburtstag eines Verwandten an der Allerheiligenstraße 6.

Als die Mutter nach Feierabend zur Festgesellschaft stieß, überkam sie „eine unbestimmte innere Unruhe, sie drängte zum Aufbruch“. Daheim in Böckingen angekommen, sahen die beiden schon das erste rote Feuerleuchten über Heilbronn. Am nächsten Tag war das Haus Nr. 6 in der Allerheiligenstraße zerstört, keiner der Bewohner hatte die Nacht überlebt.

 

 

Perspektivenwechsel

Einen Perspektivenwechsel wagen Hubert Bläsi und Christhard Schrenk. In ihrem Buch „Heilbronn 1944/1945. Leben und Sterben einer Stadt“ beleuchten sie den Tag auch aus englischer Sicht. Am 70. Jahrestag wird eine Neuauflage des längst vergriffenen Standardwerks vorgestellt; die Veranstaltung ist ausgebucht.

Ab 14.30 Uhr machen Trompeter im Köpfertal auf die Hauptfeier aufmerksam, die immer um 15 Uhr beginnt. Um 18 Uhr kommen in der Nikolaikirche Zeitzeugen zu Wort. Ab 19 Uhr ziehen Schauspieler durch die City, Augenzeugenberichte rezitierend.

Wenn am Hafenmarktturm um 19.20 Uhr „Kein schöner Land“ erklingt und überall die Glocken läuten, werden Schüler am Kiliansplatz starr verharren. Weiße Luftballone sollen platzen – wie die Träume der Opfer. Danach sind alle aufgerufen, ihre Wünsche und Utopien in die Nacht zu rufen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kommentar hinzufügen