360 Grad: Pferde-Hilfe in Corona-Krise

Weinsberg  Die neue Folge unserer Videokolumne 360 Grad wurde diesmal bei der Reitanlage Schmid in Gellmersbach gedreht. Wie man vor Ort mit der Corona-Krise umgeht, zeigt sich exemplarisch in dem Weinsberger Ortsteil.

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Neue Begriffe

Wie sich die Zeiten ändern. Nach acht Wochen im Ausnahmezustand haben sich in unserem Sprachgebrauch neue Begriffe durchgesetzt. Da geht es um Systemrelevanz, Durchseuchung oder den Normalzustand in Corona-Zeiten. Alles Beschreibungen, die uns noch lange begleiten werden. Dass der Normalzustand in Corona-Zeiten nur bedingt mit jenem vor der Pandemie zu tun hat, wird uns tagtäglich bewusst. Die Frage ist nur, wie lange wir das - auch regional - durchstehen. Nachdem Baden-Württemberg erneut eher behäbig schwerfällig als fordernd forsch einige Erleichterungen umsetzen wird, fehlt für viele Bereiche ein exakter Zeitplan für den Neustart. Andere Länder sind uns da - wieder einmal - weit voraus.

Veränderte Aufgaben

Zudem darf es nicht sein, dass Polizeibeamte länger zu Abstandshütern degradiert werden. Die Zahl der Bußgelder, die unsere Zeitung exklusiv vermeldet hat, ist schon alarmierend. Oder ist es mitunter nicht auch Alarmismus, wenn man in so einer Ausnahmesituation wesentlich schärfer kontrolliert als bei jeder nächtlichen Unsicherheitssituation in einer Innenstadt?

Fehlerkultur

Dass in so einer Ausnahmesituation Fehler gemacht werden, das ist völlig verständlich. Unverständlich ist, wenn man so tut, als wäre dies nicht der Fall. Wie vermutet, brachte die Pressekonferenz zum Fall des Gesundheitszentrums Bad Wimpfen keine Aufklärung. 200 infizierte Personen und mittlerweile sechs Tote - aber nirgends sei ein Fehler bei den Maßnahmen erkennbar, sagt das Gesundheitsamt des Landkreises Heilbronn. Das ist ungefähr so, als würde ein Verdächtiger in einem Ermittlungsverfahren sagen, er habe nichts getan - und daraufhin werden dann die Nachforschungen eingestellt. Wir werden dennoch diesen außergewöhnlichen Fall weiterverfolgen und die Ereignisse nachvollziehen. Ärgerlich ist es auch, wenn das Gesundheitsamt der Stadt Heilbronn über eine Gruppe von Personen, die engen Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, eine zweiwöchige Quarantäne verhängt. Dieser Beschluss geht den Betroffenen auf dem Postweg zu. Allerdings erst 16 Tage später - also wenn die Quarantäne längst vorbei wäre. So hatten diese weiterhin alle Kontakt- und Ansteckungsmöglichkeiten. Es gibt nicht nur Helden beim Bewältigen dieser Krise.

Ohne Training

Wie also zurück in einen normaleren Alltag? Wir brauchen wieder Kultur- und Sport-events - warum nicht in nur zur Hälfte gefüllten Hallen? Vieles ist machbar, wenn man sich diszipliniert. Wenn nicht, dann wird das, was über Jahre aufgebaut worden ist, sehr schnell von der Bildfläche verschwinden. Auch als Spitzensportler kann man ohne entsprechendes Training schnell den Anschluss verlieren. Unsere Region hätte heuer so viele Olympiakandidaten gehabt wie nie zuvor. Jetzt müssen diese auf 2021 hoffen - und dann Topniveau aufweisen. Das betrifft natürlich auch die Neckarsulmer Spitzenschwimmer. Dabei könnten jetzt genügend Sportbäder genutzt werden: all jene Freibäder, die derzeit ihre Becken gefüllt haben, aber noch nicht für die Allgemeinheit öffnen dürfen. Ein paar wenige Athleten, die einsam ihre Bahnen ziehen - da besteht kaum Ansteckungsgefahr. Ein Neckarsulmer Spitzenschwimmer soll so sehr unter Wasserentzug leiden, dass er bei einem Spaziergang auf dem Buga-Gelände am liebsten in den dortigen See gesprungen wäre...

Reiten

Verändert hat sich auch das Verhalten auf den Reiterhöfen der Region. Denn auch die Pferde sind von der Corona-Krise betroffen, wie wir in unserem aktuellen 360-Grad-Video von Stimme.TV zeigen. Exemplarisch haben wir die neuen Hygiene- und Abstandsvorgaben beim Reitverein Gellmersbach verfolgt. Schließlich müssen die Tiere aus Gesundheitsgründen bewegt werden. Mit Verantwortung und Disziplin, mit neuen Zeitplänen und Organisationsformen geht das. Und die Tiere danken es, wenn man in Corona-Zeiten auch an sie denkt und vernünftig agiert. Vielleicht ein Grund, warum es in Gellmersbach keinen Infizierten gibt - weder bei Reitern noch bei Mitarbeitern. Das sind willkommene Lichtblicke in Corona-Zeiten.


Uwe Ralf Heer

Uwe Ralf Heer

Chefredakteur

Uwe Ralf Heer ist seit 1991 bei der Heilbronner Stimme. Nach dem Volontariat war er Sportredakteur, stv. Ressortleiter Sport sowie ab 2001 Redaktionsleiter der Kraichgau Stimme in Eppingen und ab 2002 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung in Öhringen. Seit 2006 ist er Chefredakteur und damit verantwortlich für alle journalistischen Angebote in Print, online und bei Stimme.TV

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