Polizistenmord: NSU-Schriftzug sorgt weiter für Diskussionen

Heilbronn  Für die Bundesanwaltschaft ist die Sachlage eindeutig: Der Schriftzug "NSU" am Tatort Theresienwiese stammt nicht von den Rechtsterroristen vom "Nationalsozialistischen Untergrund". Doch ist nun der Fall wirklich geklärt?

Von Hans-Jürgen Deglow und Carsten Friese

Zweifel sind nicht ausgeräumt
Gedenkfeier für die ermordete Polizistin am 27. April 2007 in Heilbronn: An diesem Tag stand das NSU-Kürzel unten an dem Backsteinhaus.Foto: Archiv/Veigel

Die Polizistin Michèle Kiesewetter war am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen worden. Kurz vor dem zehnten Todestag Kiesewetters war auf einer auf Ende April 2007 datierten Aufnahme vom Tatort der Schriftzug NSU identifiziert worden. Das inzwischen übermalte Graffito auf der Wand eines Trafohäuschens war also lange, bevor der NSU aufflog, entstanden.

Hinweis passt nicht zum konspirativen Vorgehen

Doch ist nun der Fall wirklich geklärt? Die Fragen, wer denn nun den Schriftzug an die Wand gepinselt hatte, und wann dies geschehen ist, sind weiter unbeantwortet. Politiker, die sich seit Jahren mit dem Mordfall Kiesewetter und dem NSU befassen, geben sich auch noch nicht zufrieden.

Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im baden-württembergischen Landtag, Wolfgang Drexler (SPD), sagte dieser Zeitung, das Gremium werde sich weitere Fotos vom Tatort ansehen. Das Thema sei noch nicht zu den Akten gelegt. Es stimme zwar, dass die Rechtsterroristen an ihren anderen Tatorten keine Hinweise auf den NSU hinterlassen hätten. Allerdings sei die Tötung Kiesewetters der letzte Mord des Trios gewesen, erklärte Drexler. Der Ausschuss habe zudem den SWR-Film angefordert, in dem der Schriftzug zu sehen ist. Zudem hoffe er, an Aufnahmen zu kommen, die vor dem Tattag im April 2007 gemacht wurden. Wenn der Schriftzug vorher da gewesen sei, stamme er mit Sicherheit nicht vom NSU.

 

Kommentar: Die Herkunft des NSU-Schriftzugs ist noch nicht beantwortet.

 

Die Heilbronner Stimme hatte in ihrer Dienstagausgabe exklusiv berichtet, dass die Bundesanwaltschaft die Terroristen nicht als Urheber des Schriftzuges einstuft. Eine Sprecherin der Behörde hatte dazu gesagt: "Nach jetziger kriminalistischer Einschätzung ist nicht davon auszugehen, dass der Schriftzug vom NSU selbst stammt. Dies würde auch allem widersprechen, was wir bisher vom NSU wissen, der immer konspirativ gehandelt hat und darauf geachtet hat, unerkannt zu bleiben."

Schriftzug "NSU" auf Mauer in Heilbronn
Der Schriftzug "NSU" auf Mauer in Heilbronn. Foto: rbb/Archiv

Das NSU-Kürzel am Tatort, fast exakt an der Stelle, wo die beiden Polizeibeamten niedergeschossen worden waren: ein Zufall? Auch Nico Weinmann, Heilbronner Landtagsabgeordneter und FDP-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss, möchte noch mit alten Fotos prüfen, ob es Belege für die Existenz des Kürzels schon in der Zeit vor dem Mord gab. Er hält es für "unwahrscheinlich", dass die Rechtsterroristen aus Zwickau, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, den Schriftzug dort hinterließen. Weil dies sonst "überhaupt nicht" zu ihrem Vorgehen passen würde, weil sie sonst extrem darum bemüht waren, "keine Spuren an Tatorten zu hinterlassen" und ihre Wege "zu verschleiern".

Weitere Schriftzüge in der Stadt könnten aufschlussreich sein

Clemens Binninger wiederum, der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, ist bei dem Thema zwiegespalten. "Wir sind heute nicht viel schlauer als bei der Entdeckung des Schriftzugs", sagte er auf Stimme-Anfrage. Dieser könne nach wie vor von einer Person mit einem Tatbezug stammen oder von einer völlig unbeteiligten Person, die mit den Buchstaben Regionales in Verbindung bringe − wie Neckarsulm oder die früheren NSU-Motorenwerke beispielsweise.

Für Binninger könnte die Heilbronner Polizei bei der Aufklärung weiterhelfen. Indem sie auf alten Fotos oder in Akten prüft, ob es im Jahr 2007 auch anderswo an Gebäuden in der Stadt vorkam, dass jemand "die drei Buchstaben NSU sprühte". Bei einem Nein könne man den Schriftzug indes kaum als Schmiererei abtun, findet Binninger.

Wer hat alte Bilder von der Theresienwiese?

Gibt es alte Bilder von vor dem Tag des Mordanschlags am 25. April 2007, die die Tatortseite des Backsteinhauses zeigen? War ein derartiger Schriftzug zuvor an der Wand – oder nicht? Oder gab es das NSU-Kürzel zu jener Zeit auch woanders in der Stadt Heilbronn? Die Heilbronner Stimme bittet Bürger, die damals aus irgendeinem Grund auf der Theresienwiese fotografiert haben (z.B. auch die Grafitti), uns diese Bilder zu zeigen. Mit starker Vergrößerung kann man eventuell einen Schriftzug lesbar machen.

Bitte Kontakt aufnehmen: Carsten Friese, Heilbronner Stimme, Telefon 0152  - 56615002 oder über E-Mail an carsten.friese@stimme.de. Alle Angaben werden vertraulich behandelt.