Polizistenmord Heilbronn: Fall lässt Ermittler nicht los

Serie: 10 Jahre Polizistenmord  Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter ist für die damaligen Ermittler auch zehn Jahre nach dem Verbrechen immer noch ein Trauma. Man könne keinen Frieden schließen mit dem Fall, sagt der frühere Kripo-Chef Volker Rittenauer im Stimme-Interview.

Von Helmut Buchholz

"Nackenschläge bis heute nicht weggesteckt"
Der Fall verfolgt ihn: Der frühere Kripo-Chef Volker Rittenauer an der Gedenkstele auf der Heilbronner Theresienwiese − im Hintergrund der Tatort am Pumphäuschen. Fotos: Veigel, Archiv/dpa

Der Heilbronner Polizistenmord jährt sich am 25. April zum zehnten Mal. Volker Rittenauer, früherer Chef der Kriminalpolizei, war ganz nah dran an dem Fall. Helmut Buchholz hat sich mit dem 61-Jährigen, der seit gut einem halben Jahr pensioniert ist, unterhalten.

 

Zehn Jahre nach dem Polizistenmord in Heilbronn: Wenn Sie jetzt zurückdenken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Volker Rittenauer: Die unheimlich nahegehende Situation am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese - als der Kollege Martin Arnold lebensgefährlich verletzt mit dem Hubschrauber abtransportiert wurde und Michèle Kiesewetter in ihrem Blut lag: Das werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. Wenn ich da jetzt dran denke, komme ich an emotionale Grenzen. Das merkt man jetzt...

 

Sie kämpfen mit den Tränen. Vor Ort am Tatort, das war heftig.

Ja. An Tatorten von Tötungsdelikten ist man immer in einer Ausnahmesituation. In dem Fall waren die Opfer noch Kollegen. Das war das, was mich vor Ort auf der Heilbronner Theresienwiese so bewegt hat. Und nicht nur mich. Auch alle Kollegen die draußen waren und nachher in der Sonderkommission.

 

Kannten Sie die Opfer?

Nein. Michèle Kiesewetter und Martin Arnold kamen von der Bereitschaftspolizei aus Böblingen und unterstützten die Heilbronner Polizei im Rahmen der Kontrollaktionen "Sichere City".

 

Sie sind jetzt pensioniert. Doch der Fall geht Ihnen nicht aus dem Kopf, bewegt Sie bis heute?

Ja.

 

"Nackenschläge bis heute nicht weggesteckt"
Letztes Geleit für die getötete Kollegin: Trauerzug der Böblinger Bereitschaftspolizei für Michèle Kiesewetter. Nicht nur an den Jahrestagen des Verbrechens kommen die Emotionen wieder hoch.

Was Sie erlebt haben, das legt man nach Feierabend nicht einfach ab wie die Uniform.

Es gibt einige Kollegen, die dauerhafte - ich will jetzt nicht sagen Schäden - aber Einflüsse auf ihre Emotionen mitgenommen haben - bis heute. Insbesondere die Kollegen, die ganz eng mit dem Fall zu tun hatten. Da gab es Nackenschläge, auch durch die Medien und ihre Berichterstattung, die haben Ohrfeigen verteilt, die die Kollegen teilweise bis heute nicht weggesteckt haben. Die haben es einigermaßen verarbeitet, aber es ist immer noch da. Man kann damit keinen Frieden schließen. Und das kommt jetzt an den Jahrestagen des Polizistenmordes wieder hoch. Die Kollegen sind auch nur Menschen und fragen sich: Was hätte ich noch machen können? Es gab allein in der Sonderkommission innerhalb von drei Monaten 8000 Überstunden. Die Belastung war enorm.

 

Hängen diese Nackenschläge auch mit der sogenannten Wattestäbchen-Panne zusammen?

Diese Trugspur am Untersuchungsmaterial hat im Grunde das Ganze noch potenziert.

 

Sie meinen die Suche nach dem sogenannten Phantom, das die Heilbronner Soko unbekannte weibliche Person - kurz "uwP" - genannt hat und die sich später als Verpackerin in der Herstellerfirma der Wattestäbchen herausstellte.

Wir hatten ja am Ende, ich weiß nicht, mehr als 40 Spuren dieser uwP an verschiedenen Tatorten in mehreren Bundesländern, sogar im Ausland.

 

Die DNA-Treffer des Phantoms wurden immer verrückter. Haben Sie heute eine Erklärung für diese Trugspur? Das Landeskriminalamt, das die Spuren in ihrem Institut untersucht hat, hat ja immer ausgeschlossen, dass etwas mit dem Untersuchungsmaterial nicht stimmt.

Das LKA hat immer versichert, dass das Untersuchungsmaterial nicht verunreinigt war. Das hat uns zwar immer innerlich den Rücken gestärkt. Aber da gab es DNA-Treffer bei Tötungsdelikten in Idar-Oberstein, in Freiburg und dann beim Diebstahl einer Cola-Dose im Saarland. Gartenhauseinbrüche. Wir haben uns dann gefragt: Was kommt als nächstes? Was fehlt denn jetzt noch in dieser Palette? Ich möchte deutlich machen, dass wir wegen der angesprochenen Zweifel lange Zeit zu den Wattestäbchen, die zur Spurensicherung verwendet wurden, Stäbchen aus derselben Packung als Leerproben mitgeschickt hatten. Und das heute Unfassbare war, dass die uwP-Spur kein einziges Mal an den Leerproben gefunden wurde, sondern immer nur an den zur Spurensicherung verwendeten.

 

Mir haben Soko-Ermittler berichtet, dass sie mit der Zeit selbst starke Zweifel an den Spuren und der uwP-Theorie hatten.

Absolut. Ich muss aber auch sagen, man hat Priorität auf die uwP gelegt, aber auch andere Komplexe nicht auf die Seite gelegt. Das war ja das, was uns hier in der Heilbronner Polizeidirektion an die Grenzen gebracht hat. Denn was da liegen blieb, das mussten ja die Kollegen machen, die nicht in der Soko waren.

 

War das auch der Grund, warum die Soko dann an das Landeskriminalamt wechselte. War der Fall zu groß für die Heilbronner Polizei?

Wir waren personell am Ende und hatten parallel noch drei weitere Tötungsdelikte zu bearbeiten. Wir waren nach zwei Jahren Arbeit 2009 auch am Ende soweit mit den Ermittlungen im Polizistenmordfall, so dass wir sagten, was Neues finden wir nicht. Jetzt schauen wir, ob das nicht jemand anders noch mal aufarbeiten kann. Das ist ja auch so eine Art Controlling. Dann sind wir auf das LKA zugegangen, das den Fall auch mit einigen von unseren Leuten übernommen hat. Aber die sind ja auch auf nichts anderes gekommen als wir in Heilbronn.

 

Ist es ein Trost, dass auch alle anderen Ermittler in ganz Deutschland auf dem falschen Dampfer waren? Denn erst im November 2011, als sich die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem Banküberfall in Eisenach selbst töteten und die Waffen der Polizisten aus Heilbronn in ihrem Wohnmobil gefunden wurden, war klar, wer hinter dem Verbrechen steckt: das Zwickauer Terrortrio, das sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte.

Es ist kein Trost, wenn man einen Fall nicht abschließend aufgeklärt hat. Wir haben ja auch das persönliche Umfeld der Opfer abgeklopft. Auch in der Heimat von Michèle Kiesewetter in Thüringen. Da gab es keinen einzigen Hinweis auf Rechts. Wenn es da auch nur den geringsten Hinweis gegeben hätte, hätten wir die Ärmel hochgekrempelt und weiterermittelt.

 

Ist der Fall denn jetzt für Sie aufgeklärt?

Es wäre natürlich interessant zu erfahren, warum die Mörder zu diesem Zeitpunkt in Heilbronn waren.

 

Das fragen sich alle und hinterlässt ein Unbehagen: Gibt es da noch Helfershelfer, die noch nicht ermittelt sind und die den Tätern geholfen haben, bei der Suche nach einem geeigneten Anschlagsziel und -ort.

Die Frage können wir nicht beantworten, sondern nur die, die an der Tat beteiligt waren. Ich frage mich nur: Wenn ich ein Exempel an der Polizei statuieren will, gibt es andere Möglichkeiten. Da will ich doch nicht erkannt werden und dann gehe ich nicht auf einen Platz, wo gerade hunderte Leute das Maifest aufbauen und ich nicht weiß, ob im nächsten Moment ein Lkw-Fahrer auftaucht. Das ist das, was noch völlig im Dunkeln ist.

 

Was sagen Sie zum NSU-Prozess in München?

Da weiß ich zu wenig, darüber will ich nichts sagen.

 

Die Dritte im Terrortrio, Beate Zschäpe, sagte im Münchner Prozess aus, dass der Polizistenmord der Waffenbeschaffung diente. Ist das glaubwürdig?

Wenn das stimmen würde, bleibt immer noch die Frage: Wieso in Heilbronn? Darauf gibt es keine Antwort.

 

Wenn wir uns beim 20. Jahrestag wieder treffen, wird die Zeit die Wunden bei Ihnen und Ihren Kollegen mehr geheilt haben oder wird Ihnen dieser Jahrhundertfall ewig nachgehen?

Ich persönlich glaube, dass er immer im Hinterkopf bleiben wird. Mit jeder Nachricht vom NSU-Prozess in München läuft der Film im Kopf wieder ab.

 

 

 

Kommentar hinzufügen