Vom Laubbläser in die Kehrmaschine

Winnenden  Kärcher geht mit einer Akku-Plattform und digitalen Angeboten die Zukunft an. Die Akkus sollen Nutzer für mehrere Geräte des Herstellers verwenden können.

Von Heiko Fritze

Vom Laubbläser in die Kehrmaschine

Akku statt Kabel: Kärcher will viele seiner Produkte mit einer einheitlichen Energieversorgung ausstatten.

Foto: Kärcher

Akkus gibt es bei Kärcher schon lange. Aber jetzt nimmt das Thema so richtig an Fahrt auf. "Manche Geräte konnten wir erst entwickeln, als die Technologie entsprechend leistungsfähige Akkus ermöglichte", erzählt Hartmut Jenner, Vorstandsvorsitzender des Winnender Familienunternehmens.

Das gilt zum Beispiel für den Fensterreiniger, der seit einigen Jahren zu den Umsatzbringern zählt. "Die Idee gab es ja bei uns schon lange. Aber anfangs hatten wir einen Gürtel für die Energieversorgung vorgesehen. Das hätte der Kunde niemals mitgemacht", sagt Jenner. Mit den Lithium-Ionen-Akkus ließ sich das Ganze im Griff einbauen.

Das Spektrum soll deutlich ausgeweitet werden

Nun denkt der Konzern das Thema weiter. Vergangenen Monat startete er eine Akku-Plattform. Die Idee dahinter: Ein Ladegerät und ein Akku lassen sich für mehrere Geräte des Herstellers verwenden. Acht Versionen mit 18 oder 36 Volt sind momentan erhältlich, die von Haushalts- und Profianwendern genutzt werden können. Bis zum Jahresende sollen 20 Produkte auf dem Markt sein, auf die sich die Plattform anwenden lässt, kündigt Jenner an.

Das Spektrum soll aber noch deutlich ausgeweitet werden. Freilich, gibt er zu, ist der Reinigerspezialist nicht der erste Hersteller mit dieser Idee. Vor allem Werkzeugproduzenten sind damit schon auf dem Markt. Was aber nicht heißt, dass das Potenzial für Kärcher nicht groß wäre, ist Jenner überzeugt. "Die Resonanz ist sehr positiv", erzählt er. "Niemand will ja in seiner Garage 15 verschiedene Ladegeräte herumliegen haben."

An die 98 Prozent der verkauften Produkte werden mit Strom betrieben

Auch die großen Produkte der Winnender laufen mehrheitlich mit Elektrizität. Insgesamt, schätzt der Vorstandschef, werden an die 98 Prozent der verkauften Produkte mit Strom betrieben. Nur einige Kommunalkehrmaschinen hätten überhaupt einen Verbrennermotor.

Aber hier tüftele Kärcher gerade an alternativen Antrieben. "Es läuft dabei wohl eher auf eine hybride Anwendung hinaus", meint er: Elektroantrieb in der Stadt, konventioneller Motor bei Überlandfahrten. Ohnehin sagt Jenner: "Ich glaube immer noch, dass man langfristig eher auf Brennstoffzellen geht. Das halte ich eher für lösbar." Schwierigkeiten für Elektromobilität sehe er unter anderem bei der Ladeinfrastruktur und der Stromversorgung.

Zuversichtlich bei Änderungen durch die Digitalisierung

Um so zuversichtlicher blickt der Konzernlenker in die Zukunft, was die Änderungen durch die Digitalisierung angeht. Gerade erst hat Kärcher das Startup Service Partner One übernommen. Das Berliner Unternehmen hat eine digitale Plattform für das Gebäudemanagement entwickelt, über die sich Arbeiten buchen, koordinieren und abrechnen lassen. Ergänzt wird die Idee durch die neue Plattform "cleaning on demand". Die eigene Software-Entwicklung soll Reinigung effizienter machen − indem geputzt werde, wenn es wirklich nötig ist. Also in Büros weniger an Feiertagen und zu Urlaubszeiten, dafür mehr, wenn es regnet.

Sensoren können dabei unter anderem Wetterlagen, Fahrpläne oder Besucherzahlen berücksichtigen, erläutert Jenner. Die ersten Unternehmen hätten das Paket bereits erworben. "Wir rollen das jetzt richtig aus", sagt er. Zumal der dritte Megatrend, die Robotik, hier einfließe: Kärcher entwickelt auch Geräte, die ohne Bedienpersonal funktionieren. Das helfe der Reinigungsbranche, meint der Vorstandschef: "Viele Unternehmen bekommen ja gar keine neuen Mitarbeiter mehr. Mit Robotik-Geräten befriedigen wir also ihren Bedarf." Automatische Staubsauger und Rasenmäher sind ja sowieso längst in jedem Elektromarkt erhältlich.

Unterdessen wird im Landkreis Schwäbisch Hall umgebaut. Bis Ende 2020 investiert Kärcher etwa zehn Millionen Euro in die Neukonzeption des Werks Bühlertal, in dem Hochdruckreiniger, Dampfreiniger und Staubsauger hergestellt werden. Unter dem Titel "Werk 5.0" sollen autonome, vernetzte Flurförderfahrzeuge eingesetzt, Geräteeinheiten vernetzt, Aufträge in Echtzeit bearbeitet und alle Vorgänge papierlos erledigt werden. Auf die Belegschaftszahl − je nach Saison zwischen 600 und 1000 − hätten diese Maßnahmen keine Auswirkungen, verspricht Jenner. Aber Bühlertal soll Vorbild sein: Bis 2023 würden alle 14 Werke auf das neue System umgestellt.

 


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