Güter, Lärm und Eidechsen: Streit über S21 bei Erörterung

Stuttgart (dpa/lsw)  Wenige Hundert Meter vom verlassenen Güterbahnhof in Untertürkheim entfernt debattieren Bahn und Kritiker über die Pläne zum neuen Abstellbahnhof in dem Stuttgarter Vorort. Das Areal ist eines der wichtigsten Projekte von Stuttgart 21 - und noch nicht genehmigt.

Email
Ein Zug fährt am Bahnhof vorbei
Ein Zug fährt auf Gleisen am zukünftigen Abstellbahnhof Untertürkheim vorbei.

Darf der alte Güterbahnhof in Untertürkheim zu einem der zentralen Teile des Projekts Stuttgart 21 umgebaut werden? Die Bahn plant das Areal fest als Abstellbahnhof für das milliardenschwere Bauvorhaben ein, Gegner kritisieren dagegen die Lärmbelastung und den mangelnden Artenschutz. Auf einem Erörterungstermin unter Leitung des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart haben beide Seiten am Mittwoch Argumente ausgetauscht. Nach RP-Angaben sind 370 Einwendungen und 40 Stellungnahmen zum Neubau eingegangen. Kritiker des Projekts zeigten sich enttäuscht vom ersten Tag. Die Erörterung wird am Donnerstag fortgesetzt.

RP-Abteilungsleiterin Gertrud Bühler hatte die Erwartungen zum Auftakt bereits gedämpft: «Eine Annäherung oder Einigung wird uns aber allenfalls in einzelnen Fragen gelingen können», sagte sie. Gegner des Projekts kritisierten dennoch die Verhandlungsführung und die Rolle der Bahn-Vertreter. Es sei zu wenig auf Argumente eingegangen worden, sagte der Eidechsenexperte des Regionalverbandes vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund), Wolf-Dietrich Paul, am Abend. «Hält man Erörterungen so ab, kann man sich diese Termine auch sparen.»

Auf der Fläche des alten Güterbahnhofs in Untertürkheim und auf mehr als neun Kilometern Gleisen sollen künftig Züge abgestellt, gewendet und gereinigt werden. Der Bahnhof ist ein wichtiger Teil des sogenannten Ringkonzepts, das den neuen Tiefbahnhof in Stuttgart zum Durchgangsbahnhof macht. Allerdings fehlt für den Bau noch die Genehmigung.

Anwohner fürchten vor allem die ihrer Ansicht nach zunehmende Lärmbelästigung. Auf dem Gelände leben zudem Tausende Mauereidechsen, die aufwendig umgesiedelt werden müssten. Nach Angaben der Bahn stehen aber nur für etwa die Hälfte Ersatzflächen zur Verfügung. Auch für die geschützten Wildbienen biete die Bahn keine ausreichenden Flächen an, obwohl es Vorschläge von Umweltschützern und Stadt gebe, sagte Bund-Experte Paul.

Ein anderes mutmaßliches Risiko sprach Roland Morlock, der Landesvorsitzende des Deutschen Bahnkunden-Verbandes (DBV), an. «Die DB Cargo will mit ihrer neuen Strategie 70 Prozent mehr Güter bis 2030 transportieren», sagte er. «Aber wo soll das stattfinden, wenn die Bahn jetzt überall die Güterbahnhöfe dichtmacht?» Die für Stuttgart 21 eingeplante Fläche werde dringend für den Güterumschlag gebraucht und dürfte nicht anders genutzt werden.

Mit einer Entscheidung des Eisenbahnbundesamts wird nicht vor Ende des Jahres gerechnet. Umweltschutzverbände haben bereits mit Klagen gedroht, sollte die Bahn ihre Pläne durchsetzen können.

Das Projekt Stuttgart 21 steht für die komplette Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart. Es soll dazu beitragen, die Reisezeiten im Fern- und im Regionalverkehr erheblich zu verkürzen. Inklusive aller Brücken und Zubringertunnel zum neuen Tiefbahnhof in Stuttgart soll das Projekt nach letzten Schätzungen 8,2 Milliarden Euro kosten. Im Finanzierungsvertrag waren im Jahr 2009 noch 4,5 Milliarden Euro festgelegt worden.


Kommentar hinzufügen