Bier statt Sekt an Silvester

Stuttgart - Es wirkt schon seltsam: Für eine Brauerei könnte es heutzutage unternehmerischer Selbstmord sein, ein neues Bier auf den Markt zu bringen. Kein modisches Mischgetränk mit Apfelsaft oder Wodka, sondern ein „normales“ Vollbier. Trotzdem hat die Stuttgarter Brauerei Dinkelacker 2008 die Wiederbelebung ihrer Traditionsmarke „Wulle“ gewagt. Und bisher scheint die Rechnung aufzugehen.

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Stuttgart - Es wirkt schon seltsam: Für eine Brauerei könnte es heutzutage unternehmerischer Selbstmord sein, ein neues Bier auf den Markt zu bringen. Kein modisches Mischgetränk mit Apfelsaft oder Wodka, sondern ein „normales“ Vollbier. Trotzdem hat die Stuttgarter Brauerei Dinkelacker 2008 die Wiederbelebung ihrer Traditionsmarke „Wulle“ gewagt. Und bisher scheint die Rechnung aufzugehen: Das Vertriebsnetz wächst, das Retro-Bier ist in vielen Szenegaststätten der Landeshauptstadt und in der Region erhältlich. Für die Brauerei, die mit anderen Marken eher ältere Kundenschichten anspricht, wird das hippe Trendbier zum Glücksfall.

Traditionsmarke wiederbelebt

Dabei geht dieser trendige Erfolg auf eine lange Geschichte zurück. Bereits 1859 hatte Ernst Wulle in der Landeshauptstadt eine Brauerei gegründet, beim Braustopp 1971 war „Wulle“ Stuttgarts älteste Biermarke. Als 2007 die Brauerei nach einigen Turbulenzen schließlich wieder zur selbstständigen Privatbrauerei wurde, entstand auch die Idee, das Traditionsbier wiederzubeleben. „Wir haben die Marke dann sehr subtil eingeführt - ohne Plakate, Radio- oder TV- Spots, vor allem mit Werbung in Gaststätten und auf Veranstaltungen“, erzählt Stefan Seipel, Marketingleiter bei Dinkelacker. „Auch einen Preiskampf zur Erhöhung des Absatzes wollen wir mit der Marke nicht führen“, erklärt Seipel den vergleichsweise hohen Preis, der aber auch für Händler und Gaststätten attraktiv sei.

Das dürfte in einem Markt, der seit Jahrzehnten schrumpft, ein starkes Argument sein. Während sich zwar laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Brauereien von 1311 im Jahr 1993 auf 1302 in 2007 kaum verändert hat, nahm die Lust der deutschen auf das Hopfengetränk stetig ab. Kurz nach dem Ende der ersten „Wulle“-Zeit 1975 trank jeder Deutsche noch 148 Liter Bier pro Jahr, 2007 waren es gerade einmal noch 107,7 Liter.

Braumeister reaktiviert

Diesem Wandel begegnen die Stuttgarter Brauer, indem sie mit „Wulle“ die Sehnsucht nach einer „guten alten Zeit“ bedienen. Fast wirkt es so, als ob es die letzten dreißig Jahre nicht gegeben hätte. Das gelblich-rote Logo mit dem weißen Stern in der Mitte wurde nicht verändert und es gibt mit 0,33-Liter- und 0,5-Liter-Flaschen in traditionell-langweiligem Braunglas nur zwei Abfüllgrößen. Sogar einer der letzten Braumeister aus den 70er Jahren wurde reaktiviert.

Vieles an diesem Konzept ähnelt einem der größten Szene- Konkurrenten im Südwesten, dem „Tannenzäpfle“ der badischen Staatsbrauerei Rothaus. Auch dort wird sich dem modernen Marketing eher verweigert, Werbespots und Anzeigen gibt es nicht und das traditionelle Qualitätsimage wird erfolgreich auf In-Kneipen in Berlin und Hamburg ausgeweitet.

Expansion

Eine solche Expansion hat „Wulle“ noch vor sich. Momentan gibt es das Bier laut Marketingchef Seipel in rund 250 Getränkemärkten der Region, man arbeite jedoch an einer Expansion. Dennoch wird es im Südwesten zum Jahreswechsel viele Nostalgiker und Neu-Trinker geben, die statt Sekt eher Bier trinken und darum den - ebenfalls recht traditionellen - Werbespruch der Marke zitieren: „Wir wollen Wulle“. lsw


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