Wo einst Badewannen für die Zarenresidenz bestellt wurden

Im Zunfthaus in Baden-Baden ist über die Jahre hinweg ein diskreter Treffpunkt für Freunde traditioneller Handwerksarbeit entstanden

Von Claus Donath

<p>Der Prominenten-Maßschuhmacher Axel Himer steht im "Zunfthaus" Baden-Baden vor einem exklusiven Humidor - Preis: 20 000 Euro. (Foto: lsw)</p>

Der Prominenten-Maßschuhmacher Axel Himer steht im "Zunfthaus" Baden-Baden vor einem exklusiven Humidor - Preis: 20 000 Euro. (Foto: lsw)

 

Luxus war im Hinterhof der Baden-Badener Merkurstraße schon immer zu Hause. Der Installateur A. Thiergärtner fertigte dort die Messing-Handläufe des Luxusdampfers "Titanic", Nikolaus II. bestellte dort die Badenwannen für die Zarenresidenz in St. Petersburg. Jetzt ist dort ein diskreter Treffpunkt für Freunde traditioneller Handwerksarbeit entstanden: das Zunfthaus.

Lange stand die denkmalgeschützte Manufaktur mit ihren hohen Fenstern leer, bis der Baden-Badener Prominenten-Maßschuhmacher Axel Himer die geschichtsträchtige Immobilie entdeckte. Zusammen mit kreativen Freunden gründete er das Zunfthaus. "Wir sind lauter Verrückte", sagt der 39-jährige gelernte Orthopädie-Schuhmacher über sich und seine Freunde. Ihre Idee: die Kunden "bündeln" und damit einer betuchten Klientel ein

Mit dabei: ein Maßschneider aus Miltenberg am Main, der schon für Stardesigner wie Daniel Hechter oder René Lezard arbeitete. Oder ein westfälischer Bike-Designer. Er entwirft und baut Fahrräder mit hölzernen Schutzblechen, vergoldetem Emblem, Sätteln und Lenkergriffen aus hellbraunem Leder - die "Jaguare" unter den Zweirädern. Ein Möbelschreiner aus dem Schwarzwald und ein Schmuckdesigner aus Baden-Baden zeigen bei hauseigenen Erlebnismessen vor Ort, wie eine holzgeschnitzte Stuhllehne oder ein individuell gestalteter Manschettenknopf entsteht. Ein Maßhandschuh-Hersteller und eine Manufaktur für Schreibgeräte ergänzen das Angebot.

"Bei uns ist der Kunde nicht König, bei uns ist der Kunde ein Freund" - so die Philosophie der Zunfthäusler. Nur beiläufig spricht Axel Himer von Preisen. Für Maßschuhe aus seiner Werkstatt muss der "Freund" schlappe 1800 Euro berappen. "Wir haben nur zwei Füße, da sollte uns höchste Qualität etwas wert sein", meint der Spezialist für Rennfahrerschuhe. Beim Humidor, einem klimatisierten Spezialschrank für Zigarren, sind für den Hausherrn 20 000 Euro gut angelegt. Die polierte Edelholz-Außenhaut des tischhohen Möbelstücks fertigte der Braunschweiger Konzertflügel-Hersteller Schimmel.Luxus pur ist auch der Kühlschrank für 15 000 Euro, den ein Gaggenauer Küchengeräte-Hersteller dem Zunfthaus in die maßgeschneiderte Schauküche stellte. Er liefert auf Knopfdruck Eiswasser, Eiswürfel oder Eis-Bruchstücke, die sich nach zwei Tagen jeweils automatisch erneuern.Um die Hersteller hat sich eine Hand voll Dienstleister gruppiert, die sich von der nicht gerade aufs Sparen angewiesenen Kundschaft ein Mitnahmegeschäft versprechen: ein Antiquitätenhändler als Spezialist für Art-Deco-Möbel, ein Grafik-Designer, ein Unternehmen zur Oldtimerpflege. Mit weiteren Netzwerk-Kandidaten ist Himer im Gespräch.

So wie die Zunfthäuser im Mittelalter zumindest zeitweise Stätten exklusiver Geselligkeit waren, soll auch das Baden-Badener Luxus-Depot "ein Meetingpoint für Kreative und für qualitätsorientierte Menschen" sein. Viele Kunden bringen ihre Freunde mit oder sie werden bei großen Wirtschaftstagungen in Baden-Baden akquiriert oder von Event-Agenturen vermittelt. Um ausreichend Kunden muss sich Himer daher kaum Sorgen machen: "Sie kommen von selbst." InfoZunfthaus Baden-Baden, Merkurstraße 7c, 76530 Baden-Baden.