Streit um Kulturgut aus dem Keller

Land will mittelalterliche Handschriften verkaufen - Mit Erlös soll Schloss Salem saniert werden

Von Peter Reinhardt

Streit um Kulturgut aus dem Keller
Ein Festsaal in Schloss Salem am Bodensee. Das Land will dem Haus Baden bei der Sanierung helfen und dafür wertvolle Schriften verkaufen. (Foto: dpa)

Von Peter Reinhardt

Ministerpräsident Günther Oettinger, so der zentrale Vorwurf, betreibe den „Ausverkauf badischer Kulturgüter“. Die Wogen gehen hoch. Den „Raubbau in Museen und Bibliotheken“ beklagt Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutsche Kulturrats. Norbert H. Ott, ein in seiner Fachwelt anerkannter Mittelalterkundler, empört sich über einen „dreisten Versuch der Veruntreuung“. Den Ministerpräsidenten kanzelt der Wissenschaftler öffentlich als „willfährigen Vasall“ des Hauses Baden ab. Die SPD-Landtagsabgeordnete Helen Heberer spricht von „einer kulturpolitischen Schande“, ihr Grünen-Kollege Jürgen Walter fürchtet um einen „wichtigen Teil des öffentlichen historischen und kulturellen Gedächtnisses“.

Dieses vermeintliche Gedächtnis lagert seit Jahrzehnten in den Arsenalen der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Im Jahr beschäftigen sich rund 100 einschlägig Interessierte mit den rund 3600 Handschriften, darunter das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden von 1490 oder das 800 Jahre alte Evangelistar aus St. Peter. Niemand kennt den Wert der reich illustrierten Einzelstücke, die Besitzverhältnisse sind seit Jahrzehnten zwischen dem Fürstenhaus und dem Land strittig.

In monatelangen Geheimverhandlungen haben Vertreter des Finanzministeriums und des Hauses Baden einen komplizierten Millionendeal vorbereitet. „Weniger als hundert“ Handschriften sollen zum Verkauf freigegeben werden und 70 Millionen Euro einbringen. Das Geld bekäme das Fürstenhaus, um damit Schloss Salem zu sanieren. Im Gegenzug verzichtet das Haus Baden auf alle strittig gestellten Ansprüche, die das Finanzministerium auf 300 Millionen beziffert. Ein Gutachter sieht die größeren Risiken beim Land.

Offenkundig kalt erwischt hat Oettinger der Protest der Fachwelt. „Das ist für uns das Ende als Forschungsbibliothek“, barmt Peter Michael Ehrle, der Direktor der Landesbibliothek. Im offenen Widerspruch zu den Plänen seines Arbeitgebers behauptet Ehrle, der Verkauf betreffe den ganzen Bestand der Bücher. Ehrle: „Das ist fast so, als wären sie vernichtet.“

Mit dieser Hilfsaktion weicht das Land von der bisherigen Praxis ab, akute Finanznöte der chronisch klammen Fürstenhäuser mit Geld des Steuerzahlers zu beheben. Neben dem Haus Baden, dem zuletzt Mitte der 90er Jahre für fast 30 Millionen Euro wertvolle Zeugnisse der Landesgeschichte abgekauft wurden, hat vor allem das Haus Fürstenberg eine eher traurige Berühmtheit erlangt. Die gern mondän auftretende Adelsfamilie aus Donaueschingen steht praktisch alle zwei Jahre auf der Matte und droht mit der Abwanderung wertvollsten Kulturguts ins Ausland. Zuletzt war es im März 2004 die Graue Passion von Hans Holbein, die das Land und private Sponsoren für gut 13 Millionen Euro vor der öffentlichen Versteigerung retteten.

Das mag auch SPD-Frau Heberer nicht mehr akzeptieren. Die Politik müsse „die Adelshäuser an ihre Sorgfaltspflicht erinnern“.


Kommentar hinzufügen