Im Ministeriumskeller räkeln sich Nackte

Skulpturenschatz der einstigen Rosenstein-Galerie fristet Dornröschenschlaf - Palmer will ihn wecken

Von Joachim Rüeck

Im Ministeriumskeller räkeln sich Nackte
Tristes Dasein im Keller: Der ehemalige Skulpturenschatz der Galerie des Schlosses Rosenstein droht in Vergessenheit zu geraten. (Foto: Joachim Rüeck)

Von Joachim Rüeck

Unter Stuttgarts repräsentativer Mitte umarmen sich zwar Frauen zu einem innigen Kuss, und Grazien posieren. Doch in der dunklen Kammer geht es alles andere als orgiastisch zu. Dort fristen die Abbilder von Venus, Circe und Psyche verstaubt und teils beschädigt ihr Dasein: Schöpfungen von Bildhauern des 19. Jahrhunderts wie Guiseppe Pisani, Emil Hopfgarten, Franz Xaver und Ludwig Schwanthaler. Der ehemalige Skulpturenschatz der Galerie des Schlosses Rosenstein drohte in Vergessenheit zu

„Die Skulpturen wurden bewusst hier gelagert“

geraten, bis nun Christoph Palmer sein Herz für die Figuren entdeckt hat. Der Stuttgarter CDU-Landtagsabgeordnete und ehemalige Staatsminister startete eine kleine Anfrage im Parlament mit dem Ziel, die 14 marmornen Werke aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.

Der Vorstoß des Politikers sorgte prompt für ein kleines Rauschen im sommerlichen Blätterwald. Der Mär von den im eigenen Keller verschlampten Schönen tritt ein Sprecher des Finanzministeriums allerdings energisch entgegen: „Die Skulpturen sind inventarisiert und wurden bewusst hier gelagert.“

In ihren Katakomben schlummerten sie laut Palmers Recherchen bereits, als das zerbombte Neue Schloss nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht wieder aufgebaut, geschweige denn die Landeskämmerei darin eingezogen war. Zunächst waren die Kunstwerke im Rosensteintunnel vor den alliierten Bombern in Sicherheit gebracht worden, dann wurde der Keller der Residenz zur Abstellkammer für sie.

Dabei galt die Skulpturengalerie des Schlosses Rosenstein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar als touristische Attraktion. König Karl öffnete sie für Besucher, nachdem sein Vorgänger Wilhelm I. das Gebäude reich mit Gemälden und plastischen Arbeiten zeitgenössischer Künstler ausgestattet hatte.

1952, vor dem Umzug in ihr heutiges finsteres Verlies, hatten laut einem - wissenschaftlich aber nicht bestätigten - Zeitungsartikel noch 25 Skulpturen die Wirren der Geschichte überstanden: Auktionen, in denen das württembergische Krongut versteigert wurde, verschiedene Nutzungen des Schlosses Rosenstein, Umlagerungen von dessen Inventar. Heute stehen und

Palmer fordert eine dauerhafte Sicherung der Figuren

liegen 14 im Ministeriumsgewölbe. „Was ist nach Erkenntnis der Landesregierung mit den anderen Figuren geschehen, die seinerzeit aus Schloss Rosenstein abtransportiert wurden?“, fragt Palmer. Könnte man sie nach einer konservatorischen Behandlung dort wieder aufstellen? Oder anderswo? Der Ex-Kunst-Staatssekretär wünscht sich eine „dauerhafte Wiederherstellung und Sicherung“.

Ausschließen will der Sprecher des Finanzministeriums nichts. Doch nach über 50-jährigem Schlummer im Schlosskeller müssen sich die Holden noch gedulden, bevor etwas über ihre Zukunft bekannt wird. Denn auch Göttinnen und Engel sind parlamentarischen Regeln unterworfen: Zuerst werde die Anfrage beantwortet, sagt der Ministeriumssprecher, und dann die Öffentlichkeit informiert.