Wünschelruten und Wunschglauben wider beweisbare Wahrheit

Creglingen - Ein Forum zeigte: Der Streit um die Ulrichskapelle bei Standorf ist auch ein Lehrstück über postmoderne Religion.

Von Gernot Stegert

Wünschelruten und Wunschglauben wider beweisbare Wahrheit
Steinerner Anstoß: Die achteckige Ulrichskapelle im Creglinger Ortsteil Standorf ist Anziehungspunkt für Esoteriker und Schauplatz vieler Legenden.Foto: dpa

Creglingen - „Wo steht in der Bibel, dass Wünschelruten Sünde sind?!“ So empörte sich Kurt Wagner unter viel Beifall bei einem öffentlichen Forum zum Streit um die Ulrichskapelle am Montagabend in Creglingen. Viele Jahre hatte er als Kirchenführer Legenden zum Besten gegeben und Esoterikern die Tür geöffnet. Als er im Mai 2008 mit einer Gruppe Wünschelrutengängern in der Kapelle erwischt wurde, verbot ihm die Kirche weitere Führungen.

Fakten

Jetzt wurde vor 100 Besuchern deutlich, dass viel Persönliches den Streit vor Ort anfeuert. Und doch geht es um mehr, wie auch das bundesweite Medienecho zeigt. Die Auseinandersetzung ist ein Lehrstück über das evangelische Bekenntnis: Was hat in der Kirche Platz? Wann und wie darf und muss eine Kirchenleitung gegen Unchristliches einschreiten?

Das Forum von Kirche und Kommune sollte den vielschichtigen Konflikt versachlichen. Bürgermeister Hartmut Holzwarth bat - auch persönlich sichtlich bewegt - um Versöhnung. Die Heidelberger Religionswissenschaftlerin Tanja Fischer, der Bad Mergentheimer Bauhistoriker Wolfram Klingert und der landeskirchliche Kunst-Beauftragte Reinhard Lambert Auer machten deutlich: Es gibt null Beweise für germanische oder keltische Wurzeln der Ulrichskapelle. Auch Wallfahrten nach Standorf und eine zeitweise Aufbewahrung des Turiner Grabtuchs seien reine Fantasie.

Der Weikersheimer Dekan Reinhard Tröster kündigte ein Führungskonzept an. Demnach müssen sich Gruppen anmelden und eine verantwortliche Person benennen. Kirchenführer sollen historisch geschult werden und zwischen gesicherten Fakten und Spekulationen unterscheiden. Das soll auch für eine neue Broschüre gelten.

Doch um die Ulrichskapelle ranken sich nicht allein Legenden, auch Esoteriker haben das Kirchlein für sich entdeckt. Der Heilbronner Prälat Hans-Dieter Wille erklärte: „In Kirchen haben Wünschelruten keinen Platz.“ Ein Kirchenführer müsse nach Kirchengemeindeordnung sogar Zuwiderhandelnde aus dem Gebäude verweisen. Dieser Klartext, den Kritiker bei Wille lange vermisst hatten, stieß in Creglingen halb auf Beifall, halb auf Murren.

Unbelehrbar

Ein Ex-Pfarrer beklagte die „furchtbare Enge der Landeskirche“ und sagte unter Beifall: „Ich habe nichts gegen das Pendeln in der Kirche.“ Auch solle alles Keltische mehr gepflegt werden. Etliche Wortmeldungen wollten die Legendenkritik der Fachleute nicht wahrhaben. „Meiner Meinung nach könnte es auch gewesen sein ...“ Mit dieser Redeeinleitung brachte ein älterer Herr im grünen Janker die Liebe zu wilden Spekulationen auf den Punkt - und die Experten zu verzweifelten Gesichtsausdrücken.

Die Religionswissenschaftlerin Fischer sieht in solchen Äußerungen ein Beispiel für den postmodernen Glauben, bei dem sich jeder seine eigene Religion zusammenbastelt. Das sei eben nicht allein ein Phänomen der jungen Generation.