Wie lässt sich ein Amoklauf verhindern?

Psychologe entwickelt Modell zur Früherkennung - Klassisches Täterprofil gibt es nicht

Von Georg Ismar

Wie lässt sich ein Amoklauf verhindern?

„Es gibt 31 Faktoren, die das Programm prüft und so ein Verhaltensmuster erstellen kann.“

Jens Hoffmann, Psychologe

Winnenden - Bisher notierte die Chronik von Winnenden den 20. April 1945 als einen der blutigsten Tage der Stadtgeschichte, bei einem amerikanischen Angriff starben 21 Menschen. Der 11. März 2009 ist nun so ein Tag, wo klar ist, nichts ist mehr, wie es mal war. Der 17-jährige Tim K. hat mit der Tötung von 15 Menschen im ganzen Land Betroffenheit und Nachdenklichkeit ausgelöst. Neben dem „Warum“ steht die Frage im Raum: „Lässt sich das verhindern?“. Ja, sagt Psychologe Jens Hoffmann von der TU Darmstadt. Nein, meint Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, fordert aber: „Was wir dringend brauchen, ist eine Kultur des Hinhörens und Hinsehens.“

Hoffmann hat ein Anti-Amok-Modell, das sogenannte Dynamische Risiko-Analyse-System (DyRiAS) entwickelt, das derzeit an fünf Schulen in Deutschland gründlich getestet wird und mögliche Amokläufer und Gewalttäter frühzeitig erkennen soll. „Es gibt 31 Faktoren, die das Programm prüft und so ein Verhaltensmuster von einem Jugendlichen erstellen kann, der eventuell gefährdet ist“, erklärt der 40-jährige Wissenschaftler. „Ich kenne mindestens zwei Jugendliche, die auf dem Weg zu einem Amoklauf waren und dadurch abgefangen worden sind.“

Verändertes Aussehen, Erstellen von Todeslisten, Hinweise an Freunde im Internet, das Zeigen von Waffen und offene Sympathie mit anderen Amokläufern seien Zeichen einer fortgeschrittenen Gefährdung. Hoffmann hat das Projekt mit seinem Team seit dem Amoklauf von Erfurt 2002 entwickelt und dafür alle Amokläufe an Schulen weltweit seit 1974 analysiert. Dabei kam heraus, dass 96 der rund 100 Amokläufe von Jungen begangen worden sind.

Misstrauen Meidinger begrüßt mehr Prävention, schränkt aber ein: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen.“ So schlimm die Tat sei, eine solche Tragödie könne leider immer wieder passieren. „Als Schulleiter würde ich mir aber wünschen, dass ich wüsste, welche Eltern von Schulkindern Waffen zu Hause haben, das würde einen ganz anderen Blick eröffnen.“

Den jetzt erhobenen Forderungen nach Chipkarten-Einlasssystemen oder Metalldetektoren an Schulen erteilt er eine Absage: Am System der offenen Schulen dürfe nicht gerüttelt werden, sonst schaffe man ein Lernklima der Angst. „Mögliche Täter werden immer Wege finden, Waffen reinzuschmuggeln“, sagt Meidinger.

Hoffmann betont, ein klassisches Täterprofil gebe es eben nicht: „Wenn man beispielsweise sagt, potenzielle Täter sind Einzelgänger, männlich und spielen gerne Videospiele, hat man wahrscheinlich zehn Prozent der Schulbevölkerung in Deutschland im Verdacht.“ Er betont, dass mit dem neuen Frühwarnsystem das Risiko minimiert werden kann - ohne einen Generalverdacht zu erzeugen. Entscheidend sei das Erkennen auf dem oft langen Weg zum Amoklauf. „Das passiert nicht spontan.“

Und sonst, welche Möglichkeiten gibt es noch? Nach dem Amoklauf von Erfurt mit 17 Toten wurde das Waffengesetz und der Zugang zu Killerspielen verschärft, die Zahl der Schulpsychologen stieg aber kaum. Allerdings ist umstritten, ob dies die Lösung ist - für die Albertville-Realschule in Winnenden gab es eine Betreuungsmöglichkeit durch einen Psychologen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer zweifelt den Nutzen von mehr Schulpsychologen an, weil sie für gefährdete Schüler Fremde seien, denen sich die Schüler kaum öffnen würden.

Wenn die Frage diskutiert wird, ob sich eine Katastrophe wie in Winnenden verhindern lässt, muss man mit dem naheliegenden anfangen: Dem Blick nach rechts und links. So erinnert Bundespräsident Horst Köhler daran, Signale um uns herum stärker wahrzunehmen. In erster Linie sind die Familien gefragt, hier liegt oft die Keimzelle des Problems - etwa, wenn ein Versager-Gefühl Raum greift und Eltern das nicht mitbekommen. Oder wenn sie nicht wahrnehmen, dass das Kind in Killerspiel-Welten eintaucht.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) regt „Erziehungs- Partnerschaften“ zwischen Schulen und Eltern an, um gemeinsam „solche schrecklichen Ereignisse im Vorfeld zu erkennen und abzuwenden“. Mehr hinschauen, gerade bei Schüler-Mobbing, Zugehen auf Einzelgänger, Einbinden statt Ausstoßen - das kann helfen.