Kirche für Esoteriker geschlossen

Neue Vorfälle in der Ulrichskapelle bei Creglingen haben Folgen

Von Gernot Stegert

Streit um Ulrichskapelle Creglingen
Die Ulrichskapelle in Standorf bei Creglingen ist Stätte eines Streits.Foto: lsw  

Standorf - Das Fass ist für die Verantwortlichen der evangelischen Kirche übergelaufen. Seit Monaten sind sie Vorwürfen ausgesetzt, in der Standorfer Ulrichskapelle würde Esoterik gelehrt und praktiziert. Im Mittelpunkt stand Kurt Wagner, der bei Kirchenführungen – mittlerweile unbestritten – von Erdstrahlen und anderem Wunderlichen erzählte und Esoterikern die Tür aufschloss. Noch im Januar auf einer großen Pressekonferenz in Stuttgart wollte die Kirche den verdienten Ehrenamtlichen in Ruhe lassen (wir berichteten). Jetzt aber ist für Wagner Schluss.

Ortspfarrer Christoph Messerschmidt erklärt gegenüber unserer Zeitung: „Man wird die Zukunft ohne Herrn Wagner planen.“ Beschlossen habe der Kirchengemeinderat am Donnerstagabend bereits: Bis Jahresende gibt es gar keine Führungen mehr. Ab 2009 soll das Touristikzentrum Creglingen diese übernehmen. Die Kapelle wird vorerst nur für Gottesdienste geöffnet.

Wagner hatte am 23. Mai vier Esoteriker in die Kapelle gelassen, einen Deutschen und drei Österreicher. Der Weikersheimer Dekan Reinhard Tröster wurde angerufen, fuhr hin und ertappte die Gruppe auf frischer Tat: „Ich stand vor verschlossener Tür, auf dem Boden lag ein Rucksack mit Wünschelrute und drinnen hörte man Stimmen“, erzählt Tröster unserer Zeitung. Anschließend habe er mit dem Kopf der Gruppe, einem Diplomingenieur, der in der Esoterikszene Seminare anbiete, gesprochen. „Der wollte sogar mich von den Erdstrahlen und heilenden Kräften des Wassers überzeugen.“

„Das Aufschließen war eine Provokation“, ist Tröster von Wagner enttäuscht, der „keine Lernfähigkeit“ gezeigt habe. Der Dekan setzte sich am 29. Mai mit Bürgermeister Hartmut Holzwarth und dem zuständigen Heilbronner Prälaten Hans-Dieter Wille zusammen. Wille habe erklärt: „Jetzt müssen wir einschreiten.“

Den Stein immer wieder ins Rollen bringt Gerhard Stammler. Er wohnt bei der Kapelle, schießt Fotos auch mal aus dem Gebüsch und wendet sich an die Öffentlichkeit. In einem Leserbrief wiederholte er jetzt seine Vorwürfe. Damit macht er sich im kleinen Ort unbeliebt. Zumal ein Familienstreit die Sache überlagert. Stammler war bis zur Scheidung Schwiegersohn von Wagner. Doch will er sich dadurch nicht diskreditiert sehen.

Stammler räumt gegenüber unserer Zeitung ein, dass außer der Vierergruppe seit Januar keine Esoteriker mehr in der Kapelle waren. Doch habe die Kirchenleitung zu spät gehandelt. Erste Hinweise habe es schon im Jahr 2000 gegeben, gewarnt habe auch der Weltanschauungsbeauftragte der Landeskirche, Hansjörg Hemminger. Wagner sei jetzt lediglich ein „Bauernopfer“.

Tröster, erst seit 2007 Weikersheimer Dekan, stellt klar: „Die Kirche duldet keinerlei esoterische Praktiken.“ Heilung zu versprechen, sei unverantwortlich. Hat man zu lange gewartet? „Das ist leichter gesagt als getan“, sagt Tröster und verweist auf jahrzehntelange ehrenamtliche Verdienste Wagners. „Wir wollten Frieden stiften, das ist uns leider nicht gelungen. Die Kapelle ist zur Kampfarena von zwei erbitterten Rechthabern geworden.“